[Infografikmassaker] Fußballvereine in Buenos Aires

So here we are. In der vorerst finalen Ausgabe unser kleinen Reihe der regionalen Wappenkunde verlassen wir erstmals die heimatlichen Gründe und genießen stattdessen einen fußballheraldischen Rundflug durch die Welthauptstadt des Fußballs. Brace yourself, Groundhopperfernweh incoming.

Buenos Aires. 31 Vereine in den ersten zwei Ligen. 31 Stadien mit einem Fassungsvermögen von 854797 Zuschauern. Ja, das haben Sie richtig gelesen, werte Leserin und werte Leser: 850.000. Ich habe das jetzt nicht gegengeprüft, aber ich könnte mir vorstellen, dass es weltweit nicht viele Städte gibt, die über soviele Zuschauerplätze in Erst- und Zweitligastadien verfügen.

Ja, aber Moment, höre ich Sie sagen, von welchem Buenos Aires reden wir denn hier? Und Sie haben recht, Buenos Aires ist, wie viele andere Großstädte außerhalb Deutschlands, eine Matrjoschka: Es gibt die Cuidad autónoma de Buenos Aires (1), mit gut 3 Millionen Einwohnern in 48 Barrios, drumherum findet sich Gran Buenos Aires (2), die Metropolregion mit weiteren 10 Millionen Einwohnern, darum noch einmal ein Ballungsraum mit weiteren 4 Millionen (nicht im Bild und das ganze liegt in der Provinz Buenos Aires (3). Alles klar soweit?


Ich habe mich für diese Grafik für die Variante 2 entschieden, nicht dass die eigentliche Stadt mit 13 Erst- und Zweitligisten auf knapp 3 Millionen Einwohner nicht schon verheißungsvoll genug wäre. Aber einerseits ist es aus der Ferne nicht einfach, in tieferen Ligen weiteren Vereinen nach zu recherchieren, und zum anderen liegt Independiente, der offiziell beste Verein Argentiniens, in Avellaneda (bitte sprechen Sie das Doppel-L nicht spanisch, also mit J wie in Sevilla oder Mallorca aus, sondern wie es die Porteño, die Einwohner der Stadt, und mit ihnen der Rest des Landes tun: mit einem sehr weichen sch. Aveschaneda. Oder Sevischa. Maschorca. Sie verstehen das Prinzip), in Avellaneda also, knapp außerhalb der Autonomen Stadt BsAs. Und wer wollte Independiente bei einer solchen Karte nicht dabei haben? Eben.

Tatsächlich ist es auch so, dass der Übergang nicht erkennbar ist. Außerhalb Gran Buenos Aires‘ in den Ballungsraum hinein franzt es dann aus, aber zwischen der Autonomen Stadt und der Metropolregion ist kein Unterschied erkennbar.

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Hätten wir das so ungefähr geklärt, müssen wir ein Wort zu der Ligastruktur verlieren. Dies wird viel Platz in diesem Artikel einnehmen, sehr konfus sein, am eigentlichen Thema auch vorbeigehen, trotzdem gesagt werden müssen und mindestens die Hälfte aller Leserundleserinnen werden abspringen. Jenen sei hiermit schon mal freundlich Adieu gewunken, für alle anderen flechte ich hier und da [tl/dr]s ein.

Im Allgemeinen und im Besonderen: Allgemein gesehen haben die Argentinier einen Fetisch, so jedenfalls meine insgeheime Erklärung, der sie dazu zwingt, das Ligasystem so oft wie möglich zu verändern. Ich verfolge die argentinische Liga intensiv seit etwas über 15 Jahren und ich habe irgendwann aufgegeben, verstehen zu wollen, wie gerade gespielt wird. Ich möchte diesen, zur besseren Lesbarkeit von mir leicht abgeänderten, Abschnitt aus der deutschen Wikipedia zum Ligasystem der Jahre 2012 – 2020 zitieren:

„Hin- und Rückrunde einer Saison wurden bis 2011/12 als eigenständige Meisterschaften ausgetragen (Apertura-und-Clausura-System). Nach der Reform des Spielmodus 2012, also ab der Saison 2012/13, wurden Hin- und Rückrunde unter den Namen Torneo Inicial und Torneo Final separat ausgetragen, es gab jedoch nur einen Meister pro Saison. Die beiden Erstplatzierten aus den Saison-Hälften trafen in einem Endspiel aufeinander. [..] In der Saison 2013/14 wurde der Modus wieder auf Hinrunden- und Rückrunden-Meisterschaft geändert. Das Superfinal der Meister aus Torneo Inicial und Torneo Final war ein eigener Titel. Seit 2015 wurde die Primera División mit 26 Teilnehmern ausgetragen und ein einziger Meister ausgespielt. Die 25 Partien pro Team setzen sich aus einer Einfachrunde und einem zusätzlichen Derby zusammen. Ab der Saison 2016/17 wird die Meisterschaft nicht mehr kalenderjährlich ausgespielt, sondern der Kalender an die europäischen Ligen angepasst. Ab der Saison 2019/2020 hin wurde die Anzahl der Teams von 26 auf 24 reduziert.“
[tl/dr: Das System der argentinischen Liga wird ca. einmal im Jahr geändert.]

Im Besonderen kommt es pandemiebedingt zu bislang zwei Zwischenturnieren. Als Covid-19 Südamerika erreichte, war die Vorrunde 19/20 gespielt und die Saison wurde an der Stelle beendet. Die neue wurde gar nicht angepfiffen, stattdessen gab es die Copa de la Liga Profesional, die in sechs Vierergruppen, bitte bleiben Sie bei mir, zwölf Mannschaften ausspielte, die dann untereinander in zwei Sechsergruppen zwei Gruppenerste ausspielte, wir haben es fast geschafft, die dann in einem Endspiel den Sieger / Meister / Whatever dieses dreimonatigen Turniers kürten.

Seit Mitte Februar läuft nun die zweite Ausgabe dieser Copa de la Liga Profesional, die jetzt auch wieder so heißt (zwischendurch wurde sie zur Ehrung des Größten aller Großen in Copa Diego Armando Maradona umbenannt, zur neuen Ausgabe konnten sich die Erben und die Anwälte nicht auf die Rechte einigen), diese wird, ja, wir sind bald da, in zwei 13er Gruppen ausgespielt, in denen jeder gegen jeden spielt und zusätzlich dann noch ein Spiel, es wird abenteuerlich, gegen einen Gegner aus der anderen Gruppe, vorzugsweise ein Clásico: Boca spielt gegen River, Independiente gegen Racing, Huracán gegen San Lorenzo, Newell’s gegen Rosario Central, Colon gegen Unión… die klassischen Derbys eben. Warum die jetzt nicht von vorne herein in eine Gruppe gepackt wurden WE(ISS ICH DOCH AUCH NICHRPGTÜ. Entschuldigung. Ich versuchte, zu verstehen. Mein Fehler.
[tl/dr: Covid-bedingt gibt es statt der normalen Saison zwei dreimonatige Copas. Sie werden nach eher zufällig ausgewürfelten Modi gespielt]

So. Kommen wir zur zweiten Liga. Ha, Spässken, das lassen wir an der Stelle. Die von mir in der Grafik dargestellten Vereine spielten in der Saison 2020/21, so es sie denn gäbe, in der Primera División und der Primera B Nacional, die in zwei Zonen daher kommt, die aber nicht geografisch zugeteilt zu sein scheinen, aber lassen wir das. Das muss reichen, wir werden ja sonst alle völlig verrückt.

Wappen. Reden wir endlich über Wappen. Und ja, ich muss es zugeben, so unfassbar viel Fernweh diese virtuelle Reise auf die andere Seite des Globus bei mir auch verursacht hat, an den Wappen liegt es nicht. Das ist insgesamt schon große Einfallslosigkeit. Ein Wappen in Schildform, Längsstreifen, die Abkürzung des Vereinsnamens in einer Schärpe quer drüber, fertig ist das argentinische Fußballwappen. Das ist wirklich sehr, sehr traurig. Hier und da gibt es immerhin im Wappen schöne und verschnörkelte Schrift, aber die Wappen, die wirklich einzigartig sind, lassen sich locker aufzählen: Lanús, z.B., deren Schriftverschnörkelung ich bis heute nicht entziffern kann; der Hahn aus Morón; Arsenals im argentinischen Kontext wirklich recht eigenes Wappen; der Ballon des CA Huracán, beides, also Namen und Wappen entliehen vom Ballon Huracán des um die vorletzte Jahrhundertwende berühmten argentinischen Ballonfahrer Jorge Newbery. Mein persönlicher Liebling ist das eigentlich recht unscheinbare Wappen CA Browns (da der Name Brown bei zwei Vereinen auftaucht: William Brown war ein irischstämmiger, eingebürgerter Marineadmiral, der eine wichtige Rolle im Unabhängigkeitskrieg spielte, einer der argentinishen Nationalhelden). Ich mag die eigene Wappenform und besonders die besondere Farbkombination aus Rot-Schwarz-Hellblau. Aber das ist vermutlich mehr als alles andere Geschmackssache.

Nun gut. Das soll es erstmal gewesen sein mit den Wappenkarten, reicht dann auch. Ich hoffe, es bereitete soviel Spaß, aber weniger Mühe als mir. Bis dahin. Schauen Sie sich noch auf Twitter die Parade der zwölf größten Stadien an, wenn Sie mögen und bleiben Sie gewogen. Wem auch immer.

[Infografikmassaker] Fußballvereine im Ruhrgebiet

Was ist der größte Fehler, den ein Grafiker machen kann?

Die Kunden fragen, was sie sich wünschen. Das tun wirklich nur sehr dumme Grafiker.

So geschehen letzte Woche, als sich bezüglich dieses Infografikmassakers ein kleines Dilemma auftat. Wie üblich sammelte ich die Vereine der Stadt der Region, dieses mal des Ruhrgebiets, wie üblich ging ich dabei die Ligen von oben durch. Und wenig überraschend angesichts der Einwohnerzahl von 5,1 Millionen Menschen fand sich auch in jeder Liga ein oder mehrere Vereine. So weit, so gut, das Münchner Rätsel würde sich also nicht wiederholen. Bei der etwas unklaren Frage, was zum Ruhrgebiet gehört und was nicht, habe ich mich auf die im Internet auf die Schnelle auffindbaren Karten, die auch alle weitgehend deckungsgleich sind, berufen. Das mag manche:r anders sehen, aber diese Diskussion übersteigt meine ortsfremden Kräfte.

Nach fünf Ligen hatte ich so 23 Vereine zusammen. ‚N büschen wenig für ein so großes Gebiet, die Kölner Version mit nur 24 Vereinen sieht sehr leer aus. Also eine Ligaebene tiefer hinab, in die Landesliga, die…

[EXKURS: Vereine aus dem Ruhrgebiet finden sich in der 5. Liga, der Oberliga, in 2 Oberligen: 7 Vereine kommen aus der Oberliga Niederrhein, 9 Vereine aus der Oberliga Westfalen. So weit, so klar. Darunter kommt die Landesliga. Unterhalb der Oberliga Niederrhein kommt in dieser Saison eine dreistafflige Landesliga, drei Gruppen, wie sie genannt werden. Unterhalb der Oberliga Westfalen heißt die Landesliga nicht Landesliga, sondern Westfalenliga und kommt in 2 Staffeln, nicht Gruppen, KÖNNEN SIE NOCH FOLGEN? daher. Unter der Westfalenliga, die auf der anderenorts Landesliga genannten Ebene ist, kommt in Westfalen die vierstafflige Landesliga Westfalen. Ja. Bitte sagen Sie mir, dass Sie das auch verwirrend finden. Möglicherweise eventuell vielleicht hat der Autor dieser Zeilen einen Tag damit verbracht, die 71 Vereine dieser untersten Ebene durchzusieben und auf Ruhrgebietstauglichkeit zu überprüfen und ihre Wappen zu recherchieren, bevor er feststellte, dass die Landesliga Westfalen etwas anderes ist als die Westfalenliga auf Landesligaebene.]

…mit jede Menge weiterer Vereine daherkommt: 33 Vereine aus insgesamt vier Gruppen und Staffeln. Das ergibt dann 56 Vereine und das erschien mir sehr viel für so eine begrenzte Grafik. Was also tun, nur 23 Vereine um das Ruhrgebiet gruppieren oder 56 Klubs da irgendwie hin quetschen? Mitten in der Liga die Trennlinie zu ziehen erscheint mir, wie schon das eine oder andere Mal ausgeführt, unpassend. Tja, dachte sich der Autor dieser Zeilen, fragen wir doch mal das Publikum.

Und darum ist es angebracht, den Autor dieser Zeilen einen Trottel zu nennen.

Denn das Publikum entschied sich für 56-Vereine-Variante und der Grafiker hörte auf seine Kunden und ging hin und legte los und merkte bald, haha, nein, das ist eine Scheißidee. Aber jetzt hängen wir fest im Wunsch der Kundschaft.

Als erstes vergrößertes ich die Grafik als solche, damit wenigstens genug Platz für die Wappen ist. Das ist auch nicht das große Problem. Das große Problem ist die Zuordnung, die Linien, die auf den Heimatort weisen. Die sollen sich, wann immer es geht, nicht kreuzen. Das geht oft nicht, auch bei anderen Grafiken, aber so selten wie nötig ist die Vorgabe. Ganz wichtig aber: Eine Linie soll nicht durch den Punkt gehen, der den Heimatort eines anderen Vereins markiert. Das verwirrt sonst völlig. Und das ist, bei aller Hin- und Herschieberei, die ich unternommen habe, bei 56 Vereinen einfach nicht möglich. Und spätestens da war mir klar: Nee, das ist alles so unübersichtlich, dass es dem eigentlich Sinn und Zweck widerspricht.

Die Lösung lag auf der Hand: Es müssen zwei Grafiken herbei. Eine sinnvolle, und eine die das Versprochene liefert.

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Kommen wir endlich zum wichtigsten: Die Wappen. Beschränken wir uns zunächst auf die 23er Variante. Da gibt es einiges wirkliches Hübsches zu sehen, Was anderswo die Fahne oder der Zusatz „von“ ist, ist hier die typografische Schönheit. Das Gelsenkirchen-G im Schalker Wappen, die verschlungenen aber trotzdem völlig klaren Buchstabenkombinationen Rot-Weiss Essens, des MSV Duisburg oder der SG aus Wattenscheid, das ist schon alles sehr gefällig.

Natürlich gibt es auch gegenteiliges, es kann ja nicht alles gelungen sein. Das unklare Wappen der schwarz-weißen Variante Essens. Holzwickede, das auf die übliche Fusionsfalle (von allem ein bisschen) reinfällt. Die Hammer SpVg, die auf ihrem das Kürzel HSV benutzt, das sonst nirgendwo rund um den Verein auftaucht (das mag aber aus der Entfernung täuschen) und ein Wappen im Entwurfsstadium hat. Das kann man gut finden, ich finde es so lala. Die sehr eigentümliche Rotfarbe gefällt mir. Beides vermutlich eher in jüngerer Zeit entstanden.

Schnell sticht ein Wappen heraus, und damit ist ja schon mal viel gewonnen, das Wappen des FC Kray. Nun finde ich ja, bei allem mir innewohnenden Traditionalismus, den Versuch mal aus der Box zu denken oder etwas Modernes zu gestalten, zunächst mal spannend. Aber wenn dann das Ergebnis dergestalt ist, dann, nun, also, wie soll ich sagen, vielleicht lieber nicht? Also, wirklich nicht? Gar nicht?

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In der 56er-Variante gibt es noch ein paar Auffälligkeiten. Ich vermute das Wappen von Arminia Klosterhardt ist eine erneuerte Variante und ich finde sie ganz gelungen. Das völlig ohne Schrift auskommende Wappen des SV Sonsbeck lässt mich erst vor Freude aufjuchzen, den Mut, nichts ins Wappen zu kritzeln und dann noch mit Gold zu hantieren – aber ach, das ist einfach nur das Stadtwappen. Das nimmt nichts vom Mut, aber naja, schmälert das alles dann doch etwas. Das 70er-Jahre-Design des Blau-Gelb Überuhr ist hässlich, aber einzigartig und bitte, kann jemand aus dem Ruhrgebiet dem SV Scherpenberg für diese unfassbare Frechheit bitte den Arsch versohlen? Danke schön.

Zuletzt noch ein Blick auf die Geografie und die Häufungen. Ich habe mal wieder viel gelernt. Hagen gehört zum Ruhrgebiet, bislang wusste ich nur, dass man Popstar wird, wenn man dahin kommt. Da ist also Wesel (Sie wissen schon, die mit dem tierischen Bürgermeister). Dortmund ist größer als Essen, da hätte ich geschworen, das dem nicht so ist. Hamm kannte ich bislang nur als Ort magischer Zugteilungen.

Die Nummer eins im Ruhrgebiet, quantitativ gesprochen, ist Essen. 9 Vereine in den obersten sechs Ligen. Das mag daran liegen, dass RWE schon lange nicht mehr ganz oben mitmischt und darum anders als andere Vereine in anderen Städten nicht alles aufsaugt. Danach folgt Duisburg mit 6 Vereinen. Bottrop als einzige der kreisfreien Städte des Ruhrgebiets ohne Vereine in den ersten sechs Ligen. Ist auch die kleinste Stadt, aber 117000 Einwohner dürften dafür eigentlich reichen.

Genug des Textes. Diese kleine Infografikmassaker-Reihe kommt langsam zum Ende. Vielleicht gibt es noch eine oder zwei Ausgaben, mal schauen.

[Infografikmassaker] Münchner Fußballvereine

Ach München, Du kleines Dorf an der Isar, Du wolltest es mir wirklich schwer machen, hm? Mir möglichst viele Steine in den Weg legen, Dich von Deiner sperrigsten Seite zeigen. Nun, das ist Dir gelungen.

Fangen wir vorne an: Indem ich anfange. Und zwar ganz oben. Erste Bundesliga. Ich notiere die Vereine, die aus der jeweiligen Stadt kommen, aus München in diesem Fall, und gehe eine Liga tiefer. Dann die nächste, 3. Liga. Darauf in die Regionalliga. Es folgt die Oberliga, die hier Bayernliga heißt. Dann die Landesliga, sechste Liga. Das müsste eigentlich reichen. In Berlin reichten die ersten sechs Ligen für die dann auf der Grafik erscheinenden 34 Vereine, in Hamburg waren es sogar 37. In Köln waren es nur 8, aber das ist ja auch die mit Abstand kleinste Stadt, ne?

München: 1. Bundesliga: Bayern München. 2. Bundesliga: Nichts. 3. Liga: 1860 München und Türkgücü. Regionalliga: Nada. Bayernliga: Nope. Landesliga: Nüschte. 3 Mannschaften in den ersten sechs Ligen. DREI. D. R. E. I. Ich habe gleich beim sehr freundlichen @kaffchris nachgefragt, der Münchner ist und sich ein wenig auskennt und der bestätigte. Sicher, im direkten Umfeld des Millionendorfs gibt es noch zwei, drei Vereine, die aber eben nicht auf Münchner Stadtgebiet liegen. Ansonsten sei der FC Bayern Schuld, der alles wegschlucke. Was sicher ein bisschen stimmt, aber der HSV ist in Hamburg auch recht präsent und trotzdem.. (zur Einordnung hilft zu wissen, dass @kaffchris, nun, meines Wissens nach 1860-Fan ist. Was die These an sich nicht schmälern soll.)

Ich suche mich als Folge dessen die weiteren Ligen hinab, drei Bezirksligen bringen weitere elf Mannschaften, das ist nicht viel, hinunter in die Kreisligen also, dreistaffelig, 23 Mannschaften. Das soll reichen. Nächster Schritt: Stadtstruktur. Ich suche a) eine gute Grafik, die mir die Bezirke zeigt (und von mir bearbeitet übernommen werden kann), b) eine Karte, die mir hilft die ergoogelten Adressen zu verorten (Googlemaps hat in allen bisherigen Fällen leicht andere Stadtteilgrenzen als alle anderen Karten, was noch mal ein merkwürdiges Phänomen für sich ist) und c) eine Karte oder Seite, die mir hilft, die Ortsteile, also nicht die Bezirke, zu benennen, in denen die Vereine zu Hause sind. Also, hm, ähm, sag mal, München. Echt? 25 fucking Bezirke? Hamburg hat 7, Köln 9, Berlin 12 und bei Dir ist jeder Hydrant ein eigener Bezirk? Und hat dann, weil ja so kleinteilig gedacht wird, so eingängige Namen wie „Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln“. WAS IST MIT DIR, MÜNCHEN?

An dieser Stelle ein Dank an die Site Stadtgeschichte München, die mir sehr hilfreich dabei war, herauszufinden, in welchem Ortsteil welche Straße liegt (leider nicht als Suchfunktion in der Richtung, aber immerhin, dafür aber noch mit dem Service, jeden Straßennamen zu erklären). Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob Deine Angabe, der eine Vereine spiele im Ortsteil „Industriebezirk“ so stimmt, aber nun gut, Wikipedia behauptet auch, es gäbe ihn. Auch die anderen Hilfskarten finde ich und kann die Vereine verorten. Wie überall wird auch in München in der Innenstadt kein Fußball gespielt, hier aber ist auffällig, dass der fußballbefreite Teil deutlich größer ist als anderenorts. Vermutlich ist es unbezahlbar, da einen Fußballplatz zu erhalten. Was ebenfalls für teuren Grund und Boden spricht, ist die Tatsache, dass sich deutlich mehr Vereine als anderswo einen Platz teilen.

Widmen wir uns also der schönsten Sache und suchen die Wappen heraus. Das wäre natürlich einfacher, hätten wir es mit höherklassigen Vereinen zu tun, in den Niederungen, in denen wir uns befinden, fehlt oft das Geld für eine gute eigene Homepage, manchmal wird es offenbar auch nicht als wichtig erachtet (Migrant:innenvereine finden sich oft nur auf Facebook), die Quellenlage ist eher mau. Was auch doof ist, um das Gründungsjahr der Vereine zu recherchieren, in ein, zwei Fällen wäre es ohne diese sehr lobenswerte Seite des Bayrischen Fußballverbands, in der alle bayrischen Vereine inklusive ihres Gründungsjahrs zu suchen und zu finden sind (jedenfalls alle, die für mich hier wichtig waren), nicht gelungen.

Zurück zu den Wappen. Der ästhetische Durchschnitt ist, sagenwirmal, durchschnittlich. Was erst mal gut ist. Totalausfälle sind wenige (DJK, Du bist ja eh mehr so eine Sammelorganisation als ein Fußballverein, aber das ist eine Katastrophe. Ach, was sag ich, das ist nicht mal gut genug für eine Katastrophe), dafür einiges mehr an lieblosem Mittelmaß. Nehmen wir zum Beispiel mal die SpVgg 1906 Heidhausen. Das waren mal zwei Vereine, der SC München 06, Heimatverein des Lichtkasperls. Die hatten dieses sehr hübsche Wappen:

Und dann fusionierten sie mit dem FC Haidhausen, seineszeichens Träger eines eher gesichtslosen Najas als Wappen.

Und dann kommt da diese absolute Grausamkeit raus. Tut das denn niemandem weh? Wer hat das erstellt? Und warum? WARUM?

Schönheiten sind sehr wenige dabei. Ich mag das Wappen des TSV Moosach-Hartmannshofen (Stichwort: Industriebezirk) sehr, der mal als TuS Moosach begann, 1938 mit dem SV Hartmannshofen fusionierte und das TuS einfach im Wappen behielt. Ich mag die eigenen Farben und die alte Schriftanordnung. Das Wappen der FT Gern hat was, das P(?) des SVN (das N steht für Neuperlach, das P also vielleicht für Perlach?) atmet sehr heftig spätsechziger Psychedlic. Der Stern von Wacker könnte ein Knaller sein, ist es aber irgendwie nicht, vermutlich wegen des Briefkopfkreises drumherum. Oder weil ich Blau-Weiß als Fußballfarbe nicht allzu sehr schätze, das mag auch sein. Nord Lerchenau und Phönix sind Schätzchen, Herakles könnte auch eins sein, weiß ich aber nicht, weil sich das Wappen nirgendwo im Netz in einer anständigen Schärfe finden läßt. Leute, Leute, das ist doch Euer Verein, der kann Euch doch nicht völlig egal sein.

Apropos völlig egal: Ich glaube, wenn ich Fan eines Vereins wäre, der sich auf der eigenen Homepage mal SV München-Laim und mal SV München Laim schreibt, wäre ich konstant massiv getriggert. Leute, Leute. das ist doch Euer Verein, der kann Euch doch nicht völlig egal sein.

Zu guter Letzt noch eine Frage an unsere Freunde vom FC Hellas. Auf der eigenen Homepage auch mit schwungvollen Worten für den eigenen Verein und dessen lobenswerten Charakter zu werben ist ein völlig legitimes Unterfangen. Aber, nun, also, gibt es dafür einen Grund?

[Infografikmassaker] Hamburger Fußballvereine

Willkommen zur dritten Folge von „Große Städte und ihre Fußballvereine“, werte Wappenkundlerin und werter Leser. Was dem mittlerweile geschulten Auge direktemang im Vergleich zu Berlin, insbesondere aber im Vergleich zu Köln auffallen wird an dieser Grafik zu Hamburger Vereinen und ihren Wappen ist die schiere Menge. Und damit sind wir gleich mittendrin in einer der wichtigsten, von verwirrten Betrachtern und rätselnden Leserinnen immer wieder gestellten Fragen der beiden bisherigen Ausgaben: Wie wähle ich aus, wer kommt auf die Grafik, das sind doch nicht alle Verein oder doch oder wie?

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Nein, natürlich sind das nicht alle Vereine, in Berlin z. B. gibt es ca. 400 Fußballvereine, das wäre eine sehr, sehr große Grafik. Das Vorgehen ist ungefähr so: Ich gehe von oben runter bis ich genug habe. Dabei gibt es keine bestimmte Anzahl, die „genug“ bedeutet, es ist eher ein „zuviel“, welches sie beschränkt. In Berlin hatte ich nach der sechsten Liga, der sonst Landes-, in diesem Fall aber Berlin-Liga genannten Spielklasse 34 Vereine zusammen. In Köln waren es nach der achten, der Kreisliga, erst 24 Klubs. Die Etage tiefer darunter, die zweistaffelige Kreisliga B, das bedeutet 32 weitere Vereine (wenn davon auch einige herausfallen, da 2. Mannschaften von Vereinen, die schon weiter oben auftauchen, nicht wieder aufgenommen werden). Diese noch dazuzunehmen, hätte das alles sehr eng gemacht. Mitten innerhalb einer Liga zu trennen und, sagenwirmal, nur die obersten zehn Vereine dazuzunehmen, kommt gerade in dieser von Corona zerrissenen Saison nicht in Frage.

Hamburg jetzt führte mich zu der Entscheidung, schon nach der 5, der Oberliga mit nur 18 Vereinen Schluss zu machen oder die darunter liegende Landesliga noch dazu zu nehmen, die aber gleich in zwei Staffeln daherkommt, mit insgesamt 21 Vereinen. Was noch mal eine Menge ist. Insgesamt dann 39 Vereine, um genau zu sein, und so eng sieht es dann auch aus. Bei Twitter wurde neulich schon die Frage diskutiert, warum es in der einen Stadt so viele Vereine in der vierten oder fünften oder sechsten Liga gibt und in der anderen nicht und die Antwort darauf scheint kompliziert zu sein: Ligastruktur meets Stadtgröße meets Finanzgefälle Umland vs Stadt meets Stadthistorie. Apropos Stadthistorie: Im Hamburger Fall lässt sich ganz gut erkennen, wo wann die Stadt gewachsen ist, bzw schon war, als der Fußball in unsere Welt kam.

Kommen wir zur schönsten Sache der ganzen Angelegenheit und fürwahr, es ist wirklich schön in diesem Falle. Hut ab, werte Hamburger Fußballvereinsverantwortliche der vergangenen ca. 150 Jahre, das mit den Wappen habt Ihr wirklich gut hinbekommen. Glückwunsch zunächst einmal an den Harburger Turnerbund, nicht nur weil er der älteste Verein ist (jaja: 1865 zwischen zwei Turnvereinen zu diesem fusioniert, die Fußballer wurden erst 1910 gegründet, da wollen wir jetzt mal nicht pingelig sein), sondern auch, weil es offenbar gelungen ist, in all der Zeit den Versuchungen des jeweiligen Zeitgeistes zu widerstehen und das Wappen so zu lassen, wie es schon immer war.

Es gibt einige Wappen, die meiner Vorliebe für klare und schlichte, sich eher an Bauhaus als an Rokoko orientierenden, Vereinsabzeichen sehr nahekommen. Victoria, der SC Sternschanze, dem ETV, das wirklich aufregend mutige Wappen des SV Altengamme sollen hier hervorgehoben werden, aber ganz besonders der HSV, mit seiner ikonischen Raute ohne jeden Text. Bei Barmbek-Uhlenhorst, so muss ich gestehen, habe ich womöglich ein bisschen geschummelt, denn es finden sich zwei Varianten im Netz und womöglich ist nicht das hier abgebildete, sondern dieses mit einem Erklärbärkreis drumherum das ganz offizielle. Aber da BU mir aufgrund eines der besten Vereinssongs der Welt sehr sympathisch ist, nun ja, geschah mir leider dieses Missgeschick, dass ich versehentlich das falsche Wappen und so weiter und so fort.

Wirklich viele Wappen, die aus grafischer Sicht irgendwo falsch abgebogen sind, finden sich nicht. Ein bisschen schmerzhaft ist das Wappen des Wandsbeker Turn- und Sportverein Concordia. Wie es der Name schon andeutet, eine Fusion, erst 2013 entstanden aus dem TSV Wandsbek-Jenfeld und dem SC Concordia. Letztere brachten ihr Wappen mit in der Ehe, ein von einem roten Kreis umrandetes C. Dem C des Charlottenburger SC sehr ähnelnd und vor allem aber mit ähnlich hohem Wiedererkennungswert. Dem natürlich völlig verständlichen Wunsch des Fusionspartners zukünftig auch zu erkennen zu sein, wurde nachgekommen, indem das völlig bedeutungslose Wandsbeker 08/15-Wappen drumherum geklatscht wurde statt z. B. Einfach den roten Kreis grün zu machen. Aber gut, wer weiß, was da für Entscheidungsprozesse eine Rolle spielten.

Wappenfusion am Beispiel des TSV Wandbek und dem SC Concordia

Stellte ich ja damals bei der Berlin-Ausgabe ja die These, dass die Fahnen-Wappen-Häufung darauf hinweise, dass es sich dabei um ein Berliner Phänomen handele (mittlerweile so ein bisschen widersprochen – es gibt auch anderswo Fahnenwappen – , und ein bisschen bestätigt – in der Häufigkeit aber nicht – ), so stelle ich hiermit die These auf, dass die Hamburger Vereine ebenfalls eine Eigenheit haben, nämlich den Hang zum adligen Nachnamen. Sehr, sehr viele Vereine tragen das Jahr ihrer Gründung am Ende des offiziellen Vereinsnamen, aber natürlich, wie könnte es anders sein in Pfeffersackhausen, nicht so einfach wie beim BVB 09 oder Schalke 04, nein, es muss immer noch unbedingt ein „von“ dazwischen. Altonaer FC von 1893. USC Paloma Hamburg von 1909. SC Sternschanze von 1911. Und so weiter. Gibt es sicher auch anderswo, aber in der Häufigkeit nicht.

So weit, so weit, zunächst einmal. Pflegen Sie Ihre Wappen, wo es nur geht. Bis dahin.

[Infografikmassaker] Kölner Fußballvereine

Ja. Ist ja gut. Ich möchte zu meiner Verteidigung nochmals auf das Wappen Eintracht Mahlsdorf verweisen. Man gucke sich das noch mal an. Das war doch wirklich Grund genug, Berliner Fußballvereinswappen grundsätzlich ein paar warnende Worte mitzugeben, Euer Ehren.

Ich Narr.

Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, hätte ich geschwiegen. Damals. Jetzt muss ich reden.

Fangen wir vorne an: Hatte ich bei Erstellung der Berliner Fußballvereinswappengrafik schon im Kopf, das auch für andere Städte anzufertigen, forderte mich das große Interesse an selbiger geradezu heraus, dieser Idee auch Taten folgen zu lassen. Auch wenn ich nicht glaube, dass eine andere deutsche Stadt oder Region so großes internationales Interesse hervorrufen wird, wie der Groundhopper-Sehnsuchtsort Berlin. Aber lassen wir uns überraschen.

Köln also. Schönste Stadt Deutschlands. Muss ja, ich bin da geboren. Erste Auffälligkeit im Vergleich zu Berlin: Reichten für die Hauptstadt noch sechs Ligen, um auf 34 Vereine zu kommen, brauchen wir bei der viertgrößten Stadt Deutschlands schon acht Ligen, um wenigstens 24 Mannschaften aufzählen zu können. Ich bin nicht in der Lage zu sagen, ob das Aussagekraft über den Verweis auf die Einwohnerzahl (3,8 Millionen vs 1 Million) hinaus hat, glaube aber eher nicht.

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Die Verteilung der Vereine auf die Stadt ist recht gleichmäßig, dass die Innen- also Altstadt ohne Vereine ist, ist recht klar verständlich: Kein Platz für einen Fußballplatz oder gar ein Stadion. Apropos Stadion: Schon in Berlin gab es bei den kleineren Klubs das Problem, dass der eine oder andere an einer anderen Stelle in der Stadt spielt, als das Klubheim steht. Da habe ich dann abgewogen, wo denn wohl eher das Zuhause des Vereins ist und zumeist für den Ort des Vereinsheims entschieden. Home is where your Vereinstresen is. Aber, wie gesagt, das waren kleine Vereine, die in der Not ausweichen mussten. Hier aber haben wir es mit dem prominentesten Fall der Stadt zu tun: Dem ruhm- und ehrreichen 1. FC Köln. Fusioniert aus der SpVgg Sülz 07 (wenig überraschend in Sülz beheimatet) und dem Kölner BC 01 (Klettenberg, Nachbar-Stadtteil von Sülz), das Geißbockheim steht in Sülz, aber, wie jeder weiß, der Verein spielt in Müngersdorf. Als weitere Schwierigkeit in der Verortung kommt dazu, dass, anders als Hertha oder Union in Berlin, der effzeh in der kollektiven Wahrnehmung nicht als Verein einem bestimmten Stadtteil oder -bezirk zugeordnet wird, sondern als gesamtstädtisch empfunden wird. Also: Home is where your Vereinstresen is. Sülz, my love.

Kommen wir zum unangenehmen Teil. Freunde und Freundinnen, Römer und Römerinnen, das ist ganz große Wappenfurchtbarkeit. Hier alle Wappen, die gut bis sehr gut sind: 1. FC Köln (natürlich muss der Geißbock da sein, aber ich mag das eigentliche, alte Wappen, ohne Geißbock, auch sehr), Fortuna Köln, Viktoria Köln, SC Köln West. Pesch (ohne Ring) und Ford-Niehl (ohne furchtbaren FORD-NIEHL 09/52 e.V.-Zusatz) könnten gut sein. Eine kleine Handvoll akzeptabler Wappen. Der Rest ist schlimme Grütze. Ich mein, VfL Rheingold, Ihr habt den besten Vereinsnamen in der Stadt und dann so ein liebloser Quatsch? Was war da los, SV Westhoven-Ensen, was? DSK Köln, Du Verein, der es nicht mal schafft, irgendwo auf der eigenen Homepage zu erwähnen, wofür DSK steht, was soll das? Rondorf, Heimat des 90er-Jahre-Windings-Wappens. Das schlimmste aber ist das Wappen des FC Rheinsüd. Der Verein ist erst 2010 entstanden. Und dann so etwas, das ist doch nicht mal ein Fußballvereinswappen, das ist ein, keine Ahnung, ich weiß in meinem Entsetzen nicht mal, was das ist, was? soll? das? sein? Seid Ihr eine Versicherungsagentur? Ein Computerteile-Hersteller?

Das „Neu gegründet und neu gestaltet und trotzdem okay“ geht, zeigen übrigens die SpVg Rheindörfer und Prometheus Italia, die lustigerweise eine griechische Fahne im Wappen haben, weil sie bis vorletztes Jahr GSV Prometheus Porz hießen, wobei das G für Griechisch stand. Naja, ob Griechenland oder Italien, Hauptsache Porz.

Ich kann zwar solche Grafiken wie diese hier, aber in Sachen Wappen- und Logodesign bin ich nicht sonderlich gut, da sind andere gestalterische Fertigkeiten gefragt. Ansonsten würde ich es ihnen allen anbieten, ein Neues zu basteln. Für umsonst. So schlimm ist das.

Aber gut, es hilft ja nichts. Genug der Wappenbeschimpferei. Bleiben Sie mir gewogen und schalten Sie wieder ein, wenn ich den Wappen einer anderen Stadt die Leviten lese.

[Update: Das Kölner Ligensystem ist nicht auf Köln alleine beschränkt, sondern auf große Teile des Umlandes. Das macht es, wenn man sich in den Niederungen nicht so gut auskennt, etwas unübersichtlich. Leider ging mir dadurch durch die Lappen, dass in der Kreisliga A, Staffel Rhein-Erft, zwei weitere Kölner Vereine spielen: Der SV Weiden und der SV Lövenich-Widdersdorf. Beide sind jetzt hinzugefügt. Das Wappen des SV Lövenich-Widdersdorf beachten wir am besten gar nicht, das ist besser für uns alle.]

[Infografikmassaker] Berliner Fußballvereine

Es war also so, dass kürzlich diese Grafik des reddit-Users /u/Mahoganyjoint durch das soziale Netz ging: Eine Karte Londons, auf der 31 Fußballvereine aus den ersten acht Ligen eingetragen waren. Ihr Wappen, dazu der Spielort des Vereins, fertig. Kein riesiger Aufwand, man könnte sagen, wenig Information.

Weit gefehlt, so finde ich. Ja, gewiss, wenig Handfestes. Keine Spielfeldmaße, man erfährt auch nicht, wie viele Spieler innerhalb eines bestimmten Zeitraums Linksfüßler waren. Und doch erzählt ein kurzer Blick soviel. Ein Überblick über die Stadt. Wo Vereine erfolgreicher sind. Die Verteilung der Vereine. Und natürlich die Wappen. DIE WAPPEN! Wappen sind eine wunderbare Sache. In England ist es ja so, dass Vereine oft einfach ihr Stadtwappen übernommen haben, in Teilen oder in Gänze. Das wird dann gerne sehr verschnörkelt und kleinteilig. Manche haben ihr Wappen zwischendurch modernisiert, es gibt aber erfrischend wenige Logos. Zu dem Unterschied zwischen Logo und Wappen später mehr.

Anyway, dachte ich mir, also, Irgendweg, dachte ich mir, das würde ich auch mal gerne von deutschen Städten sehen. Berlin zum Beispiel. Gedacht, getan. Zack, fertig (Oder so ähnlich).

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Natürlich ist Berlin eine deutlich kleinere Stadt, und auch unabhängig von der Größe ist England in jeder Hinsicht deutlich hauptstadtbezogener als Deutschland. Der Unterschied an höherklassigen Vereinen ist trotzdem eklatant: London kommt auf 5 Erstligisten, 3 Zweitligisten und 2 Drittligisten, zehn Vereine in den ersten drei Ligen – Berlin kann nur Hertha und Union vorweisen. Aber gut, das ist sicher auch noch eine Folge der Teilung, mal gucken, wie das in zehn, fünfzehn Jahren aussieht.

Apropos Teilung: Auch hier ist sie noch sichtbar, nur acht der angezeigten 34 Vereine kommen aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt. Das wird ein bisschen relativiert, bedenkt man, dass zumindest in der Bundesliga und in der Dritten Liga das Verhältnis ausgeglichen ist, dass im Unterbau, also 5. und 6. Liga aber 22 Mannschaften aus dem Westteil und nur 4 aus dem Ostteil spielen, lässt sich nicht es­ka­mo­tie­ren.

Was meines Wissens nach, ich lasse mich da aber gerne belehren, eine Berliner Eigenart ist, ist die Fahne als Wappen. Hertha, Hertha Zehlendorf, Blau-Weiß 90, Tasmania, Sparta – der Verdacht liegt nahe, dass das offenbar mal sehr trendig war. Wer da der erste war, mögen andere wissen, ich weiß es nicht. Blau-Weiß 90 Berlin jedenfalls wurde 1927 gegründet, durch Fusion zweier Vereine, einmal Vorwärts 90, die das „90“ mit in die Ehe brachten und, festhalten, dem Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892, der die Fahne aus dem eigenen Wappen mitbrachte. Dass möglicherweise ein Verein namens Union der erste mit Fahne war (gegründet am 8. Juni 1892, die damals noch Weddinger, heute Charlottenburg-Wilmersdorfer Hertha wurde am 25. Juli des gleichen Jahres gegründet), finde ich einen amüsanten Gedanken. Aber gut, das müsste man gründlicher recherchieren, so ist das natürlich nur anekdotische Plauderei.

Was Hertha, also die Wedding-Charlottenburg-Wilmersdorfer, nicht die Zehlendorfer, den anderen Fahnenvereinen voraus hat, ist, dass sie den wirklich unsinnigen Kreis drumherum losgeworden ist. Irgendein volltrunkener Mensch muss mal sehr viel Energie darauf verwandt haben, Berliner Wappendesigner:innen einzureden, dass da ein Kreis drumherum muss. Das ist in manchen Fällen sicher nötig, wenn das eigentliche Wappen keine Eigenständigkeit hat, ein Hallo an dieser Stelle nach Staaken, Frohnau, Hohenschönhausen oder Biesdorf zum Beispiel, oft aber völlig unsinnig. Das schlimmste Verbrechen an dieser Stelle ist das Wappen der 47er aus Lichtenberg. Das hübsche L, die 47, dazu meinetwegen noch der dünne Kreis, fertig. Perfekt. Aber nein, es muss noch unbedingt hässlich gemacht werden durch einen dicken Kreis drum herum, in dem alles steht, was in einen Briefkopf gehört. Hallo Lichtenberg, falls jemand zuhört: Weg damit. Echt mal.

Insgesamt ließe sich aus grafischer Sicht vieles verbessern. Manches ist auf Clipart-Niveau. Was zum Teufel, Mahlsdorf? Was lief schief, Altglienicke? Nicht viel Geld gehabt, Türkspor, das verstehe ich, aber trotzdem!

Dass aber Modernisierung nicht immer gut ist, selbst wenn das Ergebnis professionell ist, zeigt das neue Logo, ja Logo, der Reinickendorfer Füchse. Entschuldigung, der Füchse Berlin Reinickendorf. Bis 2012 hieß der Verein noch Reinickendorfer Füchse und hatte ein hübsches, Geschichte atmendes Wappen. Dann beschloss man aus dem vielseitigen Verein eine moderne Marke zu machen, zerstörte den Namen zu einem sinnlosen Ungetüm und ersetzte das wunderbare alte Wappen durch ein smartphonegerechtes, shiny, ecken- und kantenloses Logo, das sich alle Mühe gibt, nicht aufzufallen. Eine echte Schande.

Zum Abschluss noch ein paar meiner Favoriten. Auch wenn ich ein Traditionalist bin, gefallen mir doch die Wappen besonders, die schlicht sind oder sehr eigen. Das C des SC Charlottenburg ist gut (und ist das, was L47 sein könnte), das Union-Wappen mag ich aufgrund der Eigenheit sehr (bin da aber natürlich auch nicht unparteiisch). Das R des TSV Rudow sticht heraus, das modernisierte Wappen der Viktoria gefällt mir (der Vorgängerverein hatte ganz urspünglich mal eine Fahne), den 40 / 50 Jahre-Charme Empors mag ich.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum 1.FC Novi Pazar 95, der eigentlich 1. FC Novi Pazar Neukölln 95 heißt. Und bis vor drei Jahren noch 1. FC Neukölln hieß (und ein Wappen mit gelber Fahne hatte). Dass ich im September letzten Jahres bei einem Auswärtsspiel Spartas Schwierigkeiten hatte, den Verein zu finden, ist nicht verwunderlich. Im Internet tatsächlich oft noch unter altem Namen geführt, hat der Verein seine Geschäftstelle in Steglitz und spielt in Gesundbrunnen, die reiche Neuköllner Geschichte komplett ausradiert und vernichtet. Äußerst schade. [Mehr dazu] Aber hej, der Font im neuen Wappen ist der, den auch Barcelona mal benutzte.

Diego

Wenn wir abends, nach sechs Stunden Busfahrt an der argentinischen Küste entlang oder einem Tag im Naturschutzpark Feuerlands oder einer Reise durch die Weingebiete um Mendoza und den Andenvorläufern, erschöpft im Hotelzimmer den Fernseher anschalteten, gab es zwei Optionen: Wir versuchten, eine der merkwürdigen argentinischen Gameshows zu verstehen oder wir schalteten so lange durch die Sender, bis wir fündig wurden. Denn eines war sicher, irgendwo, auf irgendeinem Sender liefen sie immer: Die besten Tore des Diego Armando Maradona.

Unterstellte man ihm, den größten aller Großen, eine geheime Absicht und die Fähigkeit, das Fernsehprogramm zu beeinflussen, so könnte man darüber nachdenken, ob dahinter nicht ein kühner Plan stünde, denn eines ist sicher: Das war eine Gehirnwäsche. Fuhr man, wie wir, mit der Vermutung nach Argentinien, dass Maradona vermutlich einer der besten Fußballer bis dahin, auf jeden Fall aber ein sehr guter, und sonst, na ja, irgendwie ein schräger Vogel.. so kehrte man drei Monate später in der festen Überzeugung zurück, zu den gleichen Zeiten wie ein menschgewordener Gott zu leben. Eine Überzeugung, der es egal ist, was andere darüber denken, denn sie ist mit einer inneren Glückseligkeit verknüpft. Diego ist einer von uns. Einer für uns.

Natürlich, all das wurde möglich gemacht durch den Fußball. Nein, durch seinen Fußball. Durch die unglaublichen Fähigkeiten Maradonas, seine Dribblings, seine Tore, seine Ballbehandlung. Stundenlang könnte ich schwärmen und jeder Mensch, der ihn sah, würde mir zustimmen. Das war, was ihn aus einer Villa Miseria in Buenos Aires herausholte und auf die Bühne der Welt brachte. Die Bühne, die er über Jahre hinweg nach Belieben bespielte. Auf der in jenen Zeiten links und rechts von ihm gerumpelt wurde, und er inmitten dieses Gerumpels mit einer Täuschung, einem Pass, einem Tor die Welt still stehen ließ und den Fußball zu seinem machte, eine Bühne, auf der er uneingeschränkter Herrscher war.

Aber es waren nicht seine fußballerischen Fähigkeiten, die ihn darüber hinaus zu der Ikone, als die wir ihn heute kennen, werden ließen. Es war sein Scheitern. Und die endlose Liebe seiner Landsleute. Die trotz allem Befremden über viele seiner Eskapaden genau dadurch noch wuchs. Was sein Scheitern wiederum noch wahrscheinlicher machte. Was ihn, den pibe de oro, den Goldjungen, in all seiner güldenen Göttlichkeit, in der von harten Klassengegensätzen geprägten argentinischen Gesellschaft, menschlicher machte. Seine ihm immer wieder anzusehende, ehrliche und kindliche Freude über seine Popularität, eine Freude, die nicht geschäftlich oder finanziell motiviert war, sondern aus Demut heraus und die auch dann noch zu sehen war, als schon lange klar war, dass ihn genau diese Popularität kaputt macht und ihn erdrückt.

Es ist zugegebenermaßen sehr schwer über Diego Armando Maradona zu schreiben ohne religiös zu klingen. Denn es ist eine religiöse Geschichte. Einem Jungen aus Villa Fiorito wurde eine göttliche Gabe geschenkt, er zog aus, um die Menschheit zu beglücken. Und sie liebten ihn und trugen ihn, so wie sie von ihm getragen wurden. Und vielleicht war ihre Liebe so groß, dass er dafür einen harten Preis bezahlen musste, der ihn letzten Endes sein Leben kosten würde.

In einem Überlandbus, irgendwo in der Pampa oder in Patagonien, ich weiß es nicht mehr, sitze ich neben einem Mann, vielleicht 60, 65, der einen sehr harten Akzent spricht, mein mangelhaftes Spanisch reicht nicht aus, um mich mit ihm unterhalten zu können, er spricht keine Fremdsprache. Wir wechseln ein paar Vokabeln, ja, ja, Buenos Aires, sí, sí, Tierra del Fuego. Er tut das aus Höflichkeit, Spaß macht es nicht, es scheint eher anzustrengen, das Gespräch, wenn man es so nennen will, versandet. Bis er plötzlich seinen Kopf zu mir wendet und über das ganze Gesicht strahlend „Diego?!“ sagt. „Sí claro!“. Wir lachen beide froh. Diego ist bei uns. Eterno.

[Infografikmassaker] Alle afrikanischen Rekordmeister

Frühere (damals, als Jugend noch kein Fremdwort war) Blogbeiträge der Kategorie Infografikmassaker begannen gerne mit der Beschreibung eines Gesprächs am Tresen, während des dritten oder sechsten Biers, welches sich um irgendwelche abgründigen Fußballfragen drehte. Aus diesem dann erwuchs die Lust an der Recherche, daraus dann die der Darbietung interessanter Fakten und am Ende die möglichst übersichtliche Gestaltung derer. Dieses Mal ist fast alles anders.

Der Tresen war ein virtueller, Twitter war’s. Es wurde über Afrika gesprochen, darüber, dass Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou die Hauptstadt mit den meisten Vokalen im Namen ist, und schließlich, dass darob Trainer Marco Pezzaiuoli den führenden Verein der Stadt trainieren sollte.
Und der führende Verein der Hauptstadt Burkina Fasos, das wissen wir Fußballexperten, unter denen das Gespräch stattfand, doch alle ist, nun, tja. Also.

Étoile Filante de Ouagadougou. 12 Meistertitel, 20 Pokalsiege. Ich fühlte mich gemüssigt, das zu recherchieren und überhaupt, wie ist es denn mit dem afrikanischen Vereinsfußball? Wer sich ein bisschen auskennt, kennt vielleicht Al Ahly und Zamalek, die beiden großen ägyptischen Konkurrenten, hat vielleicht schon mal von dem einen oder anderen maghrebinischen Verein gehört, aber dann dürfte es wohl schnell versiegen, das Wissen. Was doch recht ignorant ist und natürlich ein Zeichen von Eurozentrismus ist. Der Autor ist hierbei ausdrücklich eingeschlossen.

Also machte er sich auf die Suche. Rekordmeister eines jeden afrikanischen Landes, die Anzahl der Titel, dazu das Wappen, das Ganze hübsch drapiert um ein Bild des Kontinents, et voilà.

In diesem Satz vesteckt sich eine Reihe von Irrtümern. Es sind mehr Länder als der gemeingewöhnliche Spielbeobachter, dumm wie er ist, so denkt. Was nicht nur sehr viel mehr Arbeit bedeutet, als er dachte, sondern im nächsten Schritt das drumherum drapieren auch deutlich komplizierter machte als gedacht. Drum herum drapieren kann man übrigens auch nur, was man hat. Und ist es dank Wikipedia inzwischen recht einfach, den jeweiligen Rekordmeister herauszufinden, stellt sich heraus, dass nicht jeder dieser ein Wappen hat, das im Internet einfach so verfügbar wäre. Möglicherweise findet man eins auf irgendeiner Seite, das ganze wirkt aber nicht wirklich seriös, so dass man dann auf die Suche geht, in der Hoffnung irgendwo ein Foto zu finden, auf dem vielleicht das Wappen auf einem Trikot zu sehen ist?

Und zack, schon guckt man ein zweiminütiges Video vom Spiel von Sony de Ela Nguema gegen Real Rebola, welches zwar oben einblendet, dass Ela Nguema 3:0 gewonnen hat, aber keine Tore zeigt und nun ja, auch kein Wappen der Mannschaft aus Malabo (Sie wissen schon, die Hauptstadt von, na gut, wir wollen nicht alles verraten), auf dessen Suche man gerade war.

Mit anderen Worten, das war ein bisschen kompliziert. Es ist nun ein Wappen zu sehen, das ich von einem Foto einer Wandmalerei freigestellt hab, eines von einem „Wir helfen in der Covid-19-Krise“-Plakat auf Facebook, eines hab ich von einem sehr verpixelten, winzigen Bildchen nachgemalt (Hallo an dieser Stelle an den FC 105 aus Libreville, ich finde ein bisschen lustig, dass das C nicht für Club, sondern für Cannon, ja, Football Cannon steht, aber da Ihr schon mal hier seid: 105 hat doch bestimmt auch irgendeine Bedeutung?) und bei einem guten Viertel bin ich mir trotz aller Versuche, zweite Quellen zu finden, nicht sicher, ob es wirklich das richtige, offizielle Wappen ist.

Der größte Irrtum aber mag die Nützlichkeit dieser Grafik sein. Das Ding ist ca. 239983 Meter groß, muss es sein, weil sonst nichts zu erkennen wäre. Wer das hier auf dem Telefon liest, kann an dieser Stelle eigentlich aufhören. Vielen Dank für den Besuch, schau mal wieder rein und komm gut nach Hause!

Auch auf anderen Geräten ist es vermutlich nicht wirklich brauchbar, aber nun ist es nun mal da. Und auch wenn es vielleicht nicht so richtig tut, was es als Infografik tun sollte, nämlich die Betrachterin und den Betrachter lehren und informieren, so tat es das doch zu mindestens beim Autor, also hier, icke. Ich weiß nun deutlich mehr über afrikanischen Fußball und afrikanische Geografie als zuvor und hoffe, die fußballfreie Zeit dank der Pandemie möge bald ein (medizinisch gerechtfertiges) Ende haben. Der guineische Rekordmeister (Gucken Sie doch nach!) steht im Halbfinale des Confederation Cup (was das Äquivalent zur Europa League ist). Es wäre der zweite internationale Titel nach dem Sieg des Pokals der Pokalsieger 1978. Yay!

[P.S.: Aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, vergass ich Dschibuti. Und auch die Inseln, abgesehen von Madagaskar fanden keinen Platz. Sie sind alle unten links aufgeführt]

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Ganz nach vorn

So viele Elfmeter liegen gelassen. In Darmstadt, Fürth, in Bochum. Wieder und wieder beim Anlauf ausgerutscht, quasi. Das Ding war durch, wer solche Spiele nicht gewinnt, kann nicht aufsteigen. Wieder, wie schon 2 Jahre zuvor, im Saisonendspurt die Nerven verloren, die Konstanz verloren, die Spiele nicht gewonnen. Und nun der übermächtige VfB Stuttgart, das ist eine klare Sache. Ein fantastisches Hinspiel, ja, sicher, aber heute und hier ist da eigentlich nichts zu holen.

Egal. Die Möglichkeit besteht trotzdem. Beste Heimmannschaft der zweiten Liga. Beste Defensive der zweiten Liga. Nur elf popelige Tore kassiert zu Hause, da muss der Gomez Mario erst mal dran vorbei. Und wir haben Rafał. Der kann allen Gegnern den Ball vom Fuß zaubern, nur mit der Kraft seiner Augen. Und seinen Mitspielern brennt er die Angst weg, auch mit seinem Blick.

Die Gedanken in den Köpfen sind ein wild zuckendes Hin und Her, zu flüchtig um sie zu artikulieren, eben noch bei der Packung, die gleich kommen wird, jetzt schon beim gloriosen Triumph, der auf uns wartet, als wir das Stadion betreten. Früher als sonst, wir können es nicht abwarten, wir wollen da jetzt hin, lasst das Spiel endlich beginnen, wir platzen sonst. Es ist nicht weniger als ein medizinischer Notfall, dass dieses verdammte Spiel sofort beginnt und sofort beendet wird, wie auch immer.

Aber noch ist eine Stunde hin bis zum Anpfiff, und wir kommen nicht auf unsere angestammten Plätze, alles schon voll und fast alles Menschen, die wir da noch nie gesehen haben, in den 18 Jahren, die wir da stehen. Wer sind diese Menschen, wo kommen sie her, was soll das?
Etwas weiter links also heute, in der Verlängerung der linken Außenlinie. Das Stadion singt. Der Stuttgarter Mob, auch schon da, hüpft. Wir singen weiter. Lauter. Immer weiter, ganz nach vorn.

Endlich, das Spiel beginnt. Die erzeugte Elektrizität auf den Rängen reicht, um eine Handvoll Kleinstädte für ein paar Jahre mit Strom zu versorgen. Irgendwer hat Bier besorgt, das haben wir uns im Stadion eigentlich abgewöhnt, vorher und nachher draußen ist es billiger und hier schwierig wieder an den Platz zu kommen. Heute ist alles anders.

Es ist laut, natürlich, aber das ist es meistens. Heute ist es nicht nur lauter, sondern auch anders laut. Alle singen und brüllen immer zu, durchgehend, es gibt keine Gespräche, keine Fachsimpeleien, keine Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen, kein Gemecker über Fehlpässe. Es gibt nur die, die ihre Anspannung heraus brüllen und die, die von ihr in Apathie gefangen werden. S. wirft ihren Mittelfinger dem Schiedsrichter entgegen, egal, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, sonst nicht ihre Art. E., neben mir stehend, brüllt seine Kommentare dem Spielfeld entgegen, als könne er Wunder bewirken, wenn er nur laut genug ist.

Und Wunder sind notwendig, Grund für Gemecker gäbe es reichlich, wenn wir meckern würden heute, wenn wir es könnten, die erste Halbzeit ist ein stetes schwäbisches Anrennen auf unser Tor und sie dauert heute nicht 45 und nicht 50 Minuten, sondern mindestens 7 1/2 Stunden, sie will nicht enden. Ein Tor fällt, wird wieder zurückgenommen, was neu für uns ist, aber das ist kein Thema jetzt, zählte nicht, alles gut, warum auch immer, egal, weiter, immer weiter, ganz nach vorn.

Halbzeit. Durchatmen. Oder wenigstens den Versuch wagen. Daran scheitern. Durchatmen ist heute nicht. Bitte, Jungs, da unten, weiter so. Egal wie, keins kassieren. Und wir wissen doch: Irgendwann wird es kommen. Vielleicht doch mal einen Angriff wagen. Oder zwei.

Irgendwann in der zweiten Halbzeit wechsel ich von der Gruppe der Brüllenden in die der Apathischen. Ich kann nicht mehr. Es ist keine Entscheidung des Kopfes oder des Herzens, Stupor hat meinen Körper ergriffen. Die Unsrigen sind jetzt etwas mutiger, aber jeder Meter scheint schwerer zu fallen, so sehr sind sie bislang jedem Ball hinterher gerannt, haben den Gegenspieler verfolgt, den Ball gewonnen und sofort wieder verloren, sind wieder hinterher gerannt. In der 65. Minute kommt Zulj zum Eckball und sieht aus, als habe er schon mehrere Marathonläufe hinter sich. Ryerson, anfänglich mit spielerischen Problemen, jetzt mit fantastischer Leistung, humpelt, wenn der Ball gerade nicht in seiner Nähe ist, ist er es aber, rennt er, als habe das Spiel gerade erst begonnen. Wir hören das Knallen des Balles, als Manni Abdullahi ihn an den Pfosten jagt, einmal, zweimal. Das wäre es gewesen. Für viel mehr reicht vorne weder Kraft noch Mut, beides wird gebraucht, um zu verhindern, dass hinten das Stuttgarter Tor noch fällt.

Und doch wird es fallen. Das weiß jeder, spätestens als die 85. Minute anbricht, wenn es jetzt nämlich fällt, dann ist es zu spät, dann ist es aus. Die, die noch können, brüllen noch lauter. Den Ball vom eigenen Tor weg brüllen. Das geht. Muss gehen. Noch aggressiver, noch verzweifelter, noch mehr von allem. Wir platzen gleich. Oder entzünden uns. Oder beides. Jede Sekunde kann es geschehen. Atmen. Irgendwie atmen. Pfeif endlich ab. Pfeif ab!

Er pfeift ab. Wir schreien, wir umarmen uns, wir hüpfen, im Knäuel, zu dritt, zu viert. Tränen fließen. Wir fallen uns um den Hals im Taumel Wahnsinniger. Als wir wieder hingucken können, ist das Spielfeld schon voll. Ich bin kein Freund von Platzstürmen, auch nicht solcher, die aus Freude passieren, aber jetzt und hier verstehe ich, was da passiert, all die Energie, die sich in den Wochen und Tagen und Stunden und 90+ Minuten aufgeladen hat, muss irgendwo hin, rennen tut da sicher gut. Wir bleiben da, aber schreien und hüpfen immer noch.

Später dann, an der Birke, die nicht mehr da ist, aber immer noch als Treffpunkt direkt vor dem Stadion dient, leere Blicke. Andere schreien sich gegenseitig die Freude ins Gesicht. Alle sagen, dass sie gar nicht verstehen, was da gerade passiert ist. Irres Gelächter wechselt mit stummen Kopfschütteln. Das alles ist nicht zu verarbeiten. Vermutlich wachen wir morgen auf und stellen fest, dass das alles doch irgendwie nicht stimmt, logisch wäre es jedenfalls. Körperliche Schmerzen von der Anspannung haben wir jetzt schon, heisere Stimmen auch. Die Lautesten sind ganz leise, die Leisesten ganz laut. Völliger Wahnsinn, das alles.

Die letzte S-Bahn bringt uns zurück, alles wird besungen, wieder und wieder. Und Pa-ren-sen! Pa-ren-sen! Im heimischen Prenzlauer Berg zieht die Meute durch die Straßen zur Stammkneipe, die Anwohner werden freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, was heute geschehen ist.

Der 1.FC Union Berlin ist aufgestiegen. Und: Relegation abschaffen. Das hält doch kein Mensch aus.

Fuck you, Leitkultur.

Wie vielleicht die eine Leserin oder der andere Leser weiß, wohne ich in Berlin-Prenzlauer Berg. Ah, sagen jetzt die, die es noch nicht wussten: Gutbürgerliches Schwabistan, so einer also. Ja, nee, antworte ich da, zum einen wohne ich hier schon länger als das wohlverdienende Bürgertum, zum anderen leben hier kaum Schwaben, denen gehört bloß alles. Was ein feiner, aber entscheidender materialistischer Unterschied ist. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Der Prenzlauer Berg jedenfalls bedient allerlei Klischees, und die meisten davon sind wahr: Es gibt eine unerträglich hohe Anzahl von Kindern, alleine im im Umkreis von 500 Metern rund um meine Wohnung befinden sich drei sehr große Spielplätze. In den Eisläden, Entschuldigung, in den Showrooms der Bio-Eismanufakturen wird die Sorte Safran-Ingwer angeboten. Die Eltern helikoptern derweil stets wachsam über ihren Gören, bis der kleine Jeremy zum Golftraining abgeholt wird und wählen grün, in meinem Wahllokal kommt die Partei der Besserverdienenden regelmäßig auf 40 – 55%. Alles wahr also, fast jedenfalls, es gibt noch Widerstandsnester, aber auch das ist hier nicht das Thema.
Was die bundesdeutsche Klischeevorstellung über den Prenzlauer Berg – jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – selten erwähnt, ist ein im multikulturellen Berlin recht auffälliger Umstand: Prenzlauer Berg ist weiß und deutsch. Klar, Cem, der mich immer „Chefnachbar“ ruft, wenn ich bei ihm meinen Döner kaufe, ist Türke. Die vielen Schawarma-Dealer entlang der Danziger (der Prenzlauer Berger isst lieber Schawarma, der liegt nicht so schwer im Magen und ist auch sonst feiner) sind Libanesen, Ägypter und anderer arabischer Provenienz. Aber weder Cem noch seine arabischen Kollegen wohnen hier. Die Ausländer, die hier wohnen sind US-Amerikaner, die für die paar Jahre, in denen sie hier sind, bevor sie wieder zurück gehen, kein Deutsch lernen.
Ca. 15 Fahrradminuten weiter westlich liegt der Wedding. Früher der rote Wedding genannt, da von Arbeitern mit kommunistischen Hintergrund geprägt, heute ein Stadtteil, in dem Menschen wie Cem, also Menschen mit Migrationshintergrund, leben, wenn ihnen Kreuzberg zu hip und zu laut ist. Der überwiegende Teil des Weddings, über den ich reden kann, da ich ihn inzwischen ganz gut kenne, ist türkisch, in allen Generationen. Anderswo sind die Menschen afrikanischer Herkunft, überall gibt es viele Polen, der Wedding ist bunt. Und auch hier finden sie sich, die Klischees: Die Dichte dicker und teurer Autos ist deutlich größer als im viel wohlhabenderen Prenzlauer Berg, das Leuchten der kalten Neonröhren in den vielen Männercafes am späten Abend wird nur noch von den grellen LED-Werbetafeln an den Wettbüros übertroffen. Die Amtssprache auf der Straße ist perfektes bilinguales Kanak. Die Hälfte aller türkischen Frauen in diesem eher familiär geprägten Kiez trägt Kopftuch, im Fitness-Studio schwitzen Muskelberge im Bushido-Look, im Laden des Schusters und Schlüsselmachers (der selbstverständlich, ohne Fragen zu stellen, jeden Schlüssel nachmacht) hing lange ein Erdoğan-Portrait.

Es ist dieser Teil Deutschlands, der auch in vielen anderen Großstädten zu finden ist, der Deutschen (jenen ohne unmittelbar ansehbarem Migrationshintergrund) Angst macht. Den mit Stammtischparolen um sich Werfenden und in der braunen Kloake Watenden, ebenso wie den wohlverdienenden Wohlmeinenden in direkter östlicher Nachbarschaft. Die Erstgenannten sehen eine herbeifabulierte äußerliche Einigkeit in Gefahr. Schon der Anblick dunklerer Hautfarbe, der Anblick eines in vermeintlich undeutsche Form gebrachten Schnäuzers, ein Name wie Mohammed, Ali oder Mesut bringt ihr Blut in Wallung. Die letztgenannten wähnen sich deutlich differenzierter, sind es auch, das Fremde bleibt ihnen aber ebenso fremd. Natürlich ist es ein Skandal, dass Mohammed mit dem deutlich besseren Zeugnis als Frank weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat als Frank, aber dass sich Mohammed dann von seinem dürftigen Gehalt so ein dickes Auto kauft, muss das denn sein? Wie kann der sich das überhaupt leisten, legal doch bestimmt nicht? Und überhaupt, dicke Autos sind nicht sonderlich umweltbewusst, weiß Mohammed das denn nicht? Ali lebt jetzt in dritter Generation in Deutschland und sein Deutsch, nun ja, ist verbesserungswürdig. Was haben sich seine Eltern nur dabei gedacht, war denen in Alis Kindheit denn nicht klar, dass es um Alis Zukunft geht? Wenn Erdoğan eine Wahl gewinnt, hängen Menschen türkische Fahnen aus dem Fenster ihrer dicken Autos, das sind doch keine deutschen Werte? Was denken die sich denn? Wir Deutschen sind jedenfalls überzeugte und lupenreine Demokraten, und wenn die hier leben wollen, dann müssen sie das auch sein.

Seit über 50 Jahren ist Deutschland ein Einwanderungsland für Menschen aus Südeuropa. Ein Einwanderungsland war es vorher auch schon, aber da kamen die Menschen aus anderen Gegenden, und sahen wenigstens sagenwirmal mitteleuropäisch aus, da fiel es leichter über mangelnde Assimilation hinweg zu sehen. Denn um Integration ging es nie. Integration würde voraussetzen, dass eine Erkenntnis darüber vorherrscht, dass die aufnehmende Gesellschaft keineswegs homogen ist und die hinzukommenden die vorhandende Heterogenität erweitern.
Findet auf Twitter eine der allseits beliebten Brauchtumsabgleichungsdiskussionen statt, stellt sich schnell raus, dass Friesinnen und Bayern, Saarländer und Brandenburgerinnen nicht viel gemein haben. Außer ihrem Pass und der Sprache und selbst beim letzteren kommen angesichts unserer Freunde aus den Alpenprovinzen Zweifel auf. Markus Söder und Alice Weidel sind Erdoğan politisch deutlich näher als mir. Ich erinnere mich an ein Klebeheftchen zur WM 1982, bei der die deutschen Nationalspieler auch ihre Lieblingsinterpreten angegeben hatten, mein 13jähriges Ich geriet in eine echte Krise, da ich kurzzeitig nicht wusste, ob ich auch zukünftig eine Mannschaft anfeuern könnte, die anscheinend ausschließlich aus Menschen bestand, die Nicole toll fanden. Nicole! Bei allem, was recht ist, so schlechter Musikgeschmack kann doch nicht deutsch sein und wenn doch, was bin ich dann?

Das deutsche „Wir“ ist, wie immer, ein konstruiertes, weil es die Unterschiede ignoriert. Das kann vereinen, das ist in Ordnung, wenn es denn ein deutsches „Wir“ überhaupt braucht. Das Problem: Ohne „Sie“ gibt es kein „Wir“. Und in dem Moment, in dem das „Sie“ eine Rolle spielt, ist die Ignoranz der inneren Unterschiede katastrophal. Warum gehören Menschen, die 40 Jahre in unterschiedlichen politischen und sozialen Systemen gelebt haben, zusammen, Menschen, die in den 40 Jahren Tür an Tür gelebt haben, aber nicht? Warum gehören Menschen, die schrecklich reaktionäre Schlagermusik lieben, dazu, Menschen, die beispielsweise Bengi Bağlama Üçlüsü hören, aber nicht? Selbstverständlich ist, wenn Sie mich fragen, eine Unterstützung Erdoğans eine politische Katastrophe, aber, entschuldigen Sie mal, es gibt in diesem Land Menschen, die regelmäßig die FDP wählen, eine Partei, die mehr als jede andere offen dazu steht, dass es ihr komplett egal ist, wie es 95% der Menschen in diesem Land geht. Die dürfen aber Deutsche sein, oder wie oder was? Ich kann Teile meiner Familie bis ins Jahr 1520 zurückverfolgen, ich bin as deutsch as it gets, aber Menschen, die Grünkohl mögen, sind mir höchst suspekt und ich glaube nicht, dass ich viel mit denen gemein habe. Einige meiner besten Freunde sind Grünkohlesser, aber wenn es hart auf hart kommt und ich mich zwischen denen und jenen, die meinen Döner herstellen, entscheiden muss: Tschüssi, Freunde, war schön mit Euch.

Nahezu alles, was im Folge der Özil und Gündoğan-Fotos diskutiert wurde, sitzt dem falschen Verständnis von Integration auf. Selbstverständlich sollen Türken hier leben dürfen, sie dürfen auch gerne ihre Speisen mitbringen, und ja, da sind wir ja nicht so, ihre Kinder auch Mohammed, Ilkay oder Mesut nennen. Schlauer wäre es halt, sie würden sie Moritz, Michael oder Richard nennen, dann hätten sie bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber selbst schuld. Und ja, okay, wenn sie lang genug und verhaltensunauffällig hier leben, dürfen sie sich auch „deutsch“ nennen. Bei den Werten ist dann aber Schluss mit lustig. Ein Foto mit Erdoğan zu machen, geht auf gar keinen Fall. Nicht vereinbar mit unseren Werten. Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und ihre Helfer vor Gericht zerren, DAS sind deutsche Werte. Dem Mann aus Istanbul, mit dem ein richtiger Deutscher kein Foto machen darf, Waffen zu verkaufen, damit er Menschen in Not bei sich behält und ihnen die Weiterreise verweigert: Deutsche Werte.

Integration ist keine Rosinenpickerei. Über Werte zu diskutieren und zu streiten ist richtig und notwendig. Mit Erdoğan-Unterstützern ebenso wie mit Seehofer-Fanboys. Falls es nach den vergangenen Wochen Letztere noch gibt, abgesehen von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Dass der Mann, der Abgeordnetenbestechung ganz okay fand, als er selbst noch Abgeordneter war, Mesut die Schuld gibt, dass Thomas, Timo und Manuel eine schlechte WM gespielt haben, zeigt jedenfalls deutlich, dass er bis heute nicht verstanden hat, wie Integration funktioniert und dass die aufnehmende Gesellschaft nur in seinen feuchten Träumen homogen ist. Und es zeigt, dass er zwar ein würdiger Nachfolger von Hermann Neuberger, aber kein geeigneter DFB-Präsident ist.