Sag mal, DFB,

ich hatte in Erinnerung, dass es eine Regel gäbe, wonach ein und derselbe Sponsor nicht die Brüste von zwei Mannschaften der selben Liga schmücken dürfe. Macht ja auch Sinn, Wettbewerbsverzerrung wäre ansonsten mit Pauken und Trompeten Tor und Tür geöffnet. Eine Einladung zur Korruption quasi.
Habt Ihr die Regel geändert? Oder, was natürlich peinlich wäre, für mich, der ich immer dachte, es gäbe sie, als auch für Euch, dass Ihr so schludrig umgeht mit solchen Gefahren, gab es sie nie?
Eines von beidem muss wohl stimmen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass Ihr zugelassen habt, dass der Hauptsponsor eines Mitwettbewerbers jetzt auch Hauptsonsor des gesamten DFB-Pokal-Wettbewerbes geworden ist und dadurch auf den Ärmeln der Trikots aller Teilnehmer prangt. Noch dazu bedacht, und da wollen wir jetzt ausnahmsweise mal nicht so tun, als wäre das nicht so, dass dieser Hauptsponsor mit dem Verein seiner Wahl nicht nur einen schnöden Sponsorenvertrag abgeschlossen hat, sondern darüber hinaus eine Symbiose eingegangen ist, die die 50+1 Regel lächerlich macht.
Ich muss Euch ehrlich sagen, dass ich die Vorstellung, dass Ihr dermaßen blauäugig seid und so fahrlässig mit den Risiken solcher Einladungen zur Korruption umgeht, recht gruselig finde.
Sicher ist jetzt jedenfalls eines, das F in DFB steht nicht für Fairness.

Entsetzte Grüße,
icke.

Die Zuschauer, die Vereine und die Gewalt

„Beobachter stimmen darin überein, dass sich das immer aggressivere Verhalten eines Teils des Publikums seit etwa zehn Jahren feststellen lässt. Dabei sind es immer jüngere Fans, die die sogenannten Hemmschwellen überschreiten. Entsprechend gehören Ausschreitungen schon zum Alltag der Bundesliga. Es hat den Anschein, als begnüge sich die Öffentlichkeit damit, diesem Trend mit säuerlicher Miene zuzuschauen und der Polizei die Lösung des Problems zu überlassen.

Freilich sind die Versuche von Psychologen und Soziologen, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, vielfältig. Von Leere und Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen in einer gleichgültigen Gesellschaft, der die wirklichen Ziele und Ideale fehlen, von der Genormtheit auch des Freizeitverhaltens, die zum Abwürgen von kreativen und spontanen Äußerungen führe, von der Flucht der Jugendlichen aus der Einsamkeit und Schulproblemen in die Geborgenheit der Fan-Clubs, in dem sie mit Randale im Stadion soziale Anerkennung suchten und auch erhielten, ist die Rede, wenn es um Erklärungen geht. […]

Mit Sicherheit spielen eine ganze Reihe sozialer und wirtschaftlicher Faktoren (z.B. Jugendarbeitslosigkeit) bei der Ausbreitung des „Fußball-Rowdytums“ eine Rolle. Wir wollen hier aber vor allem danach fragen, inwieweit der Fußball selbst diese Phänomene mit herbeigeführt hat. Dabei fällt eine Parallele ins Auge, die leider zu wenig beachtet wird. Betrachtet man nämlich die Entwicklung in England, wo man uns in puncto Ausschreitungen und Gewalt auf dem Fußballplatz um einige Jahre voraus zu sein scheint (nicht von ungefähr gelten gerade unter den „harten Fans“ die englischen Fans als eine Art Vorbild), so lässt sich dort eine erstaunliche Parallelität zwischen der totalen Professionalisierung und Kommerzialisierung, wie sie mit der offiziellen Freigabe der Ablösesummen und dem Fall der Höchstgrenze für Spielergehälter um 1960 eingeleitet worden ist, und der Entstehung dieser „neuen Subkultur der Gewalt“ feststellen. […] Nun sieht es fast so aus, als sollte sich dieser Prozess bei uns wiederholen.

Der neue Typ des mobilen Profispielers bringt auf Seiten der Zuschauer sein Gegenstück hervor: Den Fan, der seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verein, seine Verbundenheit mit einem bestimmten Idol nun durch Vereinsabzeichen, entsprechende Kleidung usw. demonstriert.
Der „Fan“ ist aber nur der eine Typ, der mehr und mehr an die Stelle des traditionellen Anhängers tritt, dessen Identifikation mit dem Verein aufgrund einer sozialen und lebensgeschichtlichen Verbundenheit selbstverständlich war. Der andere ist der eher distanzierte, wählerische Konsument, der gemäß der überall propagierten marktwirtschaftlichen Ideale für sein gutes Geld „gute Unterhaltung“ verlangt. Wird sie geboten, so ist er zufrieden, ja begeistert. Bei einem schwächeren Spiel aber zeigt er sich rasch bereit, die eigene Mannschaft zu verdammen. Lindner hat dies in einer Untersuchung über Fußballfans als „Cäsarenhaltung“ bezeichnet, die in einer „Gladiatorenhaltung“ der Spieler ihre Entsprechung finde.

Der Wechsel von traditionellen Anhängern zu diesen beiden Typen des Stadionbesuchers bringt die Vereine in einen fast unlösbaren Konflikt. Auf der einen Seite möchten sie den verlässlichen Anhänger, der sich vorbehaltlos mit „seiner“ Mannschaft identifiziert und ihr auch an schlechten Tagen einen Rückhalt gibt, auf der anderen Seite wird ihnen die „Randale“ mancher jugendlicher Fans zum Ärgernis. Man hätte gerne die Vereinsverbundenheit des traditionellen Anhängers und das Benehmen des wählerischen Konsumenten zugleich. Diese Verbindung aber ist scheinbar nicht zu haben.
Jene verlässlichen Anhänger, die bei Wind und Wetter, unabhängig von der Attraktivität der Spielpaarung, vom Tabellenstand und der am Vorwochenende gezeigten Leistung, bei jedem Heimspiel wieder da sind und treu zur eigenen Mannschaft stehen, dies sind paradoxerweise heute mehr und mehr gerade die „harten Fans“, unter denen einige mit Alkoholexzessen, Schlägereien und Zerstörungswut hervortreten. Das hat dazu geführt, dass die Vereine im Verhältnis zu den Fan-Clubs immer wieder zwischen harten Abwehrmaßnahmen und Versuchen der Integration hin und her schwanken.
[…]

Wie aber wird sich das Zuschauerwesen weiterentwickeln? Vor allem: Wie werden sich die Fans, die Vereinsvorständen wie der fußballinteressierten Öffentlichkeit insgesamt erhebliche Sorgen bereiten, in Zukunft entwickeln?
Einer der zentralen Reize, die den Fußball wie den Sport schlechthin auszeichnen und von anderen kulturellen Ausdrucksformen unterscheiden, ist die Tatsache, dass der Zuschauer hier in einem gewissen Sinne mitspielt, insofern er die Möglichkeit hat, durch Anfeuern, durch verschiedenste Einflussnahme auf die Akteure (einschließlich des Schiedsrichters) einen von vorneherein nicht festgelegten Spielausgang zu beeinflussen. Peter Handke hat diesen Reiz und Unterschied zum Theater in einem fast schon klassischen Satz ausgesprochen: „Wer könnte im Theater einen Hamlet zum Handeln anfeuern?“

Diese Eigenheit setzt der weiteren Durchsetzung des ausschließlichen „Fernsehfußballs“, der aus TV-Tantiemen und Werbeeinnahmen finanziert wird und gelegentlich als Schreckensbild am Horizont erscheint (man denke nur an das Endspiel im Europacup der Pokalsieger 1981 zwischen Jena und Tiflis, das in Düsseldorf vor einer Geisterkulisse ablief, aber von Hunderten von Millionen an den Fernsehschirmen verfolgt wurde) Grenzen. Den Fußballfan im Stadion wird es also solange geben, solange es Fußball überhaupt gibt. Was allerdings seine zukünftige Rolle auf den Plätzen anbetrifft, so ist Skepsis angebracht. Denn es steht zu vermuten, dass das organisierte Fan-Wesen mit seinem zunehmenden Aggressions- und Gewalttätigkeitspotential noch weiter um sich greift. Denn der traditionelle Zuschauer scheint immer mehr an Bedeutung zu verlieren. [..] Und in dem Maße, in dem der Fußball als Teil der Showbranche auftritt und von kommerziellen Gesichtspunkten bestimmt ist, wird sich die Rolle der Spieler als Gladiatoren für die Zuschauer eher weiter verstärken und damit die Neigung zu Gewalttätigkeit und Vandalismus zunehmen – gar nicht zu reden von den düsteren wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven in unserer Gesellschaft, die das Gewaltpotenzial zu erhöhen versprechen. „Härteres Durchgreifen“ wird da voraussichtlich nicht nutzen.“

Aus: Erich Laaser / Hubert Kleinert: „Die Goldenen siebziger Fußballjahre“, 1981, Kapitel „Die Zuschauer“, S. 188 – 191

Eine Bestandsaufnahme

Das zweite Spiel der Saison 12/13 liegt hinter dem 1. FC Köln und mittlerweile sind wir tatsächlich klüger. Wir wissen, dass die Prognosen, der FC würde dieses Jahr wohl eher nicht zu den großen Aufstiegskandidaten gehören, keine Unkenrufe waren. Wir wissen auch, dass die neu zusammengestellte Mannschaft noch Zeit braucht, um tatsächlich zu solch einer zu werden – im sportlichen, nicht im psychologischen Sinne. Wir erahnen, dass es wohl viele Anhänger gibt, die – wie der Autor (also icke, ne) selbst auch – zwar von Geduld und niedrig angesiedelten Erwartungen reden, gefühlte Niederlagen gegen einen Aufsteiger aber doch schmerzen. Selbst wenn es genau solche Spielausgänge gegen genau solche Gegner sind, auf die man sich nun einen Sommer lang mental vorbereitet hat und die eben sportliche Versinnbildlichung des erzwungenen neuen Kurs des 1. FC Köln sind.

Langsam können wir auch abschätzen, was das neue Personal bringt. Vor allem bei der Abwehr fällt es noch schwer, da sich sowohl Braunschweig als auch Sandhausen weitesgehend defensiv formierten und so wenige Angriffe Richtung Kölner Tor brachten – die allerdings waren häufig gefährlicher als das Kölner Angriffsspiel, weil der Kontext des Spieles ihnen zwangsläufig mehr Räume gab. Timo Horn hatte wenige Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, führte im ersten Spiel gegen Braunschweig allerdings eine in Köln lange nicht mehr gesehene Fähigkeit vor: Abschläge, die beim eigenen Mann landen. Hui. Das es so etwas noch gibt. Gegen Sandhausen war es mit dem Traum auch schon vorbei, hoffen wir, dass es eine Wiederholung der Braunschweiger Vorstellung Horns gibt.
Die Innenverteidiger Dominic Maroh und Kevin Wimmer stehen bislang zufriedenstellend – Maroh scheint eher ein Verteidiger der rustikaleren Art zu sein, es steht zu befürchten, dass da noch manch Elfmeter auf den FC zu kommt.
Matthias Lehmann soll der Chef des Kölner Mittelfeldes sein, mit seiner Erfahrung in dieser jungen Mannschaft aus der Tiefe der Sechser-Position das Spiel ordnen und die Bälle verteilen. In beidem scheint noch Luft nach oben zu sein. Zwei spielstarke Außen sollten wohl das Herzstück des offensiven Mittelfelds sein, Christian Clemens und Adil Chihi. Beide sind verletzt, Clemens verletzte sich bereits vor der Saison und Chihi im gestrigen Spiel gegen Sandhausen. An Clemens statt spielt Neuzugang Daniel Royer und macht seine Sache dort mutig und mit dem notwendigen Willen, nach vorne zu spielen – ohne allerdings zu glänzen.
Im Sturm spielen anderthalb Neuzugänge, der Heimkehrer Thomas Bröker und Fast-Neuzugang Chong Tese. Nach den Eindrücken dieser ersten beiden Spiele läßt sich wohl sagen, dass hier das größte Problem des FC liegt. Bröker erledigt den einen Teil seiner Aufgabe als hängene Spitze, das Bälle annehmen, halten und verteilen, dank seiner physischen Stärke sehr gut. Geht es allerdings Richtung Tor, wird es weniger gut. Allein im gestrigen Spiel hätte er dreimal klug zu einem besser postierten Mitspieler ablegen müssen, entschied sich aber selbst den Abschluss zu suchen, was leider immer recht kläglich endete, mit Ausnahme des Pfostentreffers anfangs der zweiten Spielhälfte. Zu egoistisch und mit zu wenig Torjägerinstinkt ausgestattet, so scheint es. Chong Tese gibt leider ein noch schlechteres Bild ab: Zwar kämpft der Nordkoreaner vorbildlich und geht weite Wege, seine Abschlüsse allerdings sind nicht erwähnenswert, in der Regel ist der Ball weg, bevor er dazu kommen kann. Mikael Ishak, in beiden Spielen von der Bank ins Spiel gekommen, hat leider nicht zeigen können, dass er den Bankplatz zur Zeit unberechtigterweise inne hat. „Blass“ wäre wohl das richtige Wort für die Vorstellungen des jungen Schweden.

Insgesamt scheint der FC leistungsmäßig da zu starten, wo er erwartet werden konnte und musste: Eine Mannschaft, die in der Lage ist kompakt und gut zu spielen, allerdings nicht so gut, dass sie eine Rolle im Aufstiegskampf einnehmen kann. Die Ergebnisse sind knapp und hätten in beiden Fällen auch anders ausgehen können, insbesondere der Glücksschuß der Sandhausener in der letzten Minute gestern gestaltet die Bilanz negativer als notwendig. Allerdings haben sich die Kölner das 1:1 selbst zuzuschreiben, nach dem 1:0 zog sich die Mannschaft zu weit zurück, statt das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und vergab auf allerkläglichste Weise die sich dadurch ergebenen Konterchancen. Insbesondere Mato Jajalo, ansonsten nach seiner Einwechslung für den verletzten Chihi sehr gut aufspielend, muss sich hier manchen Vorwurf gefallen lassen.

Der 1. FC Köln hat sich gescheut, den Aufstieg als Ziel auszugeben und das ist gut so. Die Mannschaft gibt es – im derzeitigen Zustand – nicht her und, vorallem, braucht die Zeit ohne den Druck aufsteigen zu müssen. Jetzt muss nur noch das Umfeld das kapieren. Und sollte es noch gelingen, einen der aussortierten teuren Spieler zu verkaufen und nach Abzug dessen, was zur finanziellen Konsoldierung nötig ist, noch Geld da sein, muss wohl ein neuer, mit höherem Torinstinkt ausgestatteter Stürmer her.