FC.Dämlich oder: How to kill your community

[Eine erste Reaktion des FC siehe unten unter Update II]

Fußballforen, speziell wenn es sich um Vereinsforen handelt, sind nicht unbedingt ein Hort nüchterner und differenzierter Betrachtungsweisen und wohlfeiler Diskussionskulturen. Nach einer Niederlage des gemeinsamen Objektes fußballerischer Zuneigung zum Beispiel gibt es keinen besseren Ort um der Forderung nach rollenden Köpfen zuzuschauen, wie sie sich in vor Empörung triefenden Worten Bahn bricht. Umso größer die Community ist, desto häufiger wird dabei jegliches Niveau unterboten, oder um es einfacher zu sagen: Je mehr Teilnehmer, desto mehr Müll wird fabriziert. Soweit, so nichts Neues.

Aber es wäre deutlich zu kurz gegriffen, wollte man ein solches Forum allein auf dieses Stammtischniveau reduzieren. Ob es noch vor dem Morgengrauen abgetippte Printartikel über das gemeinsame Objekt der Verehrung sind, die ihren Teil zu einer umfänglichen Presseschau beitragen, wie sie der Verein selbst nicht hinkriegt, oder, besonders beliebt, mühevoll ausgearbeitete Threads über Gerüchte, Möglichkeiten und Andeutungen aus ganz Europa in Sachen Transferaktivität sind; ob es die neuesten Informationen aus der organisierten Fanschaft sind oder ob solche die näher am Verein sind, andere die zum Beispiel weiter weg wohnen mit Wissen versorgen, das ansonsten unmöglich zu erlangen wäre – bei 22951 Mitgliedern gibt es viele, die ein regelmäßiges Lesen wert sind.

Das offizielle Fanforum des 1. FC Köln war bislang ein solcher Hort, sowohl Stammtischparolen als auch emsig zusammengetragene Informationen fanden ihren Platz. Zudem diente es als Umschlagplatz wichtiger Verabredungen für gemeinsame Auswärtsfahrten oder anderer miteinander organisierter Veranstaltungen.
Schon lange war bekannt, daß es bald eine neue Forumssoftware geben sollte, vor einigen Tagen dann gab es die Ankündigung, daß vorerst keine neuen Anmeldungen möglich wären, die Umstellung auf die neue Forumssoftware stünde kurz zuvor. Gestern Nachmittag folgte dann die Tat: Ab sofort gibt es das neue offizielle FC Forum. Mit der klitzekleinen Einschränkung allerdings, daß nur Mitglieder des Vereins oder des Fan-Projekts dort freigeschaltet werden. Mit anderen Worten: Lesen und schreiben kann dort nur, wer a) zahlt und b) wessen Daten bekannt sind. Dauerkartenbesitzer gehen hingegen leer aus.

Gründe wurden keine genannt. Seit geraumer Zeit allerdings schon haben offene und offizielle Vereinsforen mit dem Problem von urheberrechtlichen Streitfragen zu kämpfen: Wer ist verantwortlich, wenn zum Beispiel ein YouTube Video gepostet wird, dessen Inhalt zu den Rechten Dritter gehört? Und: Wie soll es dem Betreiber (dem Verein) bei einem offenen Forum möglich sein, im Falle von anderen strafrechtlichen Belangen zu agieren?

Der 1. FC Köln hat sich offenbar entschlossen, das Kinde mit dem Bade auszuschütten. Wenn du nicht in der Lage bist, dein Forum zu kontrollieren, mach es einfach zu. Soweit bekannt ist, war dies offenbar eine der beiden Alternativen, die auf dem Tisch lagen, die andere, jetzt gewählte, kommt dem jedoch faktisch gleich. Sollte der FC darauf gehofft haben, es gäbe nun einen neuen Schwung Mitglieder, so scheint er sich getäuscht zu haben, schon gibt es massive Austrittsandrohungen – wobei diese Suppe selten so heiß gegessen wird, wie sie gekocht wird.

Und auch das Fan-Projekt muß sich fragen lassen, in wie weit der notwendige Widerstand gegen diese Umstrukturierung vollzogen wurde. Wer sonst hätte die Macht dem Verein die Dämlichkeit seines Tuns vor Augen zu führen?

Und dämlich ist es. Der 1. FC Köln hat seinen Fans in den letzten zehn Jahren dank Missmanagement und einer endlosen Reihe von Fehlentscheidungen eine Geisterbahnfahrt of Hell zugemutet. Die Fans kamen trotzdem. Der derzeit mal wieder angegangene Kraftakt, den Verein aus den Fahrstuhlniederungen in das etablierte Bundesligafeld zu hieven, wäre nicht möglich ohne ein Umfeld, daß sich interessiert, denn ohne dieses Umfeld gäbe es auch kein Interesse von dafür notwendigen Sponsoren. Dieses Umfeld jedoch, und das scheint dem 1. FC Köln entgangen zu sein, lebt nicht allein von Cheerleadern und Eckenverhältnispräsentationen, sondern in erster Linie von Selbstorganisation. Diese wird in Zukunft nicht mehr im offiziellen Vereinsforum stattfinden. Zur Zeit sammeln sich die Ausgeschlossenen und unwilligen Mitglieder anderswo, in einem spontan aus dem Boden gestampften Alternativforum.

Well done, FC. Du machst alles richtig auf dem Weg, Dir Deine Stützen abzusägen.

[Update]: Andere Blogs zum Thema:
11 Freunde: Zugang nur für Kunden
Goal.com: Zensur beim 1. FC Köln
Heimspiel: Eigentor
Koma-Blog: Der 1. FC Köln und der Umgang mit Social Media
Reviersport.de: Ein Verein legt sich mit seinen Fans an
sebibloggt.de: Der Tag, an dem das FC Forum starb
Geissbock-blog.de: Was erlauben FC?

[Update II] Offenbar haben die wütenden Reaktionen der Fans und die medialen Berichte zu einem ersten zarten Umdenken beim 1. FC Köln geführt.
In einer auf dem alten fc-brett veröffentlichten Stellungsnahme des Fanbeauftragten Rainer Mendel wird angekündigt, zukünftig auch Nicht-Mitgliedern das Lesen und Schreiben ermöglichen zu wollen – dies müsse allerdings „personalisiert geschehen“. Als Grund dafür werden „anonyme diffamierende Äußerungen“ wie sie in der Vergangenheit geschehen seien genannt. Was genau das auch immer sei.

Hier die Ankündigung im Wortlaut:

„Liebe FC-Fans,

wir bedauern sehr, dass die Neuerungen im FC-Forum so negativ aufgenommen werden. Natürlich nehmen wir Eure Kritik ernst und setzen uns mit den konstruktiven Kritikpunkten auseinander.

Zukünftig können neben Mitgliedern auch „normale“ Fans weiter im FC-Forum mitdiskutieren. Dies muss nur personalisiert geschehen. (Nähere Informationen zum Prozedere erfolgen in den nächsten Tagen.) So kann ausgeschlossen werden, dass anonym diffamierende Äußerungen getätigt werden. Dies ist in den letzten Wochen und Monaten leider vermehrt vorgekommen. Daher haben wir uns zur aktuellen Änderung entschlossen.

Wir werden in der nächsten Zeit weitere Optimierungen vornehmen, bei denen wir Euch gerne mit einbinden würden. Um für Euch eine optimale Diskussions- und Austauschplattform zu erarbeiten, möchten wir natürlich auch auf Eure Meinung und Eure Ideen zurückgreifen.

Daher werden wir demnächst erstmals ein virtuelles „Fan-Treffen“ durchführen, eine Art Chat, in dem Ihr uns Eure Ideen und Meinungen zum FC-Forum und der Community schreiben könnt. Im Dialog können wir so direkt über angedachte Veränderungen und neue Features diskutieren. Ihr und wir erhalten so sofort Feedback.

Euer 1. FC Köln
Rainer Mendel“

[Update III] Siehe auch hier.

Dä Tschitschi: Von der Kunst der Geduld

Vor einem Jahr ungefähr zeichnete sich langsam ab, daß man um eine weitere Enttäuschung nicht herumkommen würde: Adil Chihi, junges Talent mit deutschen und marokkanischen Wurzeln, seit der Zweitliga Saison 2006/07 in der Profimannschaft des 1. FC Köln tätig, würde dann wohl doch nicht das werden, was man sich von ihm einst erhoffte.
Spätestens zum Ende der vergangenen Saison, in der er zwar 19 Einsätze tätigte, allerdings nicht einen einzigen dieser über 90 Minuten und zumeist nur als Joker im Spiel war, war dann jedem aufmerksamen Beobachter klar: Das wird nichts mehr. Die erste Liga ist schlichtweg zu groß für ihn. Chihi stagnierte seit mindestens anderthalb Jahren. Durchaus mit einer ansehnlichen Technik gesegnet, die schon in seiner Debütsaison – im Alter von knapp 18 Jahren – manchen Beobachter mit der Zunge schnalzen ließ, mangelte es ihm an Spielübersicht (häufig) und Durchsetzungsvermögen (fast immer). Was nützt ein schönes Dribbeling, wenn der Ball, ausnahmsweise mal nicht vertändelt, anschließend ohne Umstand in des Gegners Fuß gespielt wird?

Zum Beginn dieser Saison galt Chihi dann eigentlich nur noch als Bankdrücker, Ergänzungsspieler, wie sich das heutzutage nennt. Als solcher kam er auch am Anfang der Saison zum Einsatz, als der gesetzte Sturm Novakovic und Podolski noch verletzt und / oder unfit war. Und er enttäuschte die schlechten Erwartungen nicht: Kopf runter, da ist der Ball, da ist der Gegner und weg ist der Ball, stehen bleiben, enttäuscht gucken (das allerdings kann er wirklich gut). Am 4. Spieltag dann ein plötzliches Hoffnungszeichen, ein wunderschön geschossenes Tor bei der ansonsten katastrophalen Auswärtsniederlage in Hamburg. Aber es schien ein Strohfeuer zu sein, Soldo jedenfalls ließ an seiner statt lieber Sebastian Freis spielen und Adil Chihi wärmte die Bank.

Irgendwann gen Ende der Hinserie jedoch scheint etwas passiert zu sein. Ein, zwei Kurzeinsätze, ein Spiel gegen Freiburg von Beginn an – immer noch viel Murks, immer noch viel Zwang zum Aufstöhnen beim geneigten Zuschauer, doch langsam aber stetig häuften sich die guten Aktionen. Dann das letzte Rückrundenspiel gegen Nürnberg, eine gute Partie und immerhin eine Torvorlage. Und nun, zum Beginn der Rückrunde, man mag es kaum glauben, auch wenn es genau das ist, auf das man immer hoffte: Chihi ist präsent, deutlich exakter in seinen Flanken und Pässen und, man höre und staune, durchsetzungsfähig. Hin und wieder ist er noch da, der gute alte flattrige Moment, wenn er überhastet den Torwart anschießt oder den Ball leichtfertig verliert, aber es ist überdeutlich: Adil Chihi is back. In der Kölner Offensivabteilung, die insgesamt natürlich auch zur Zeit nicht gerade zur formstärksten aller möglichen ernannt werden kann, ist Chihi tatsächlich im Moment der wichtigste Spieler. Wer hätte solches vor einem oder einem halben Jahr prognostizieren wollen?

Wenn es ihm gelingt, diese Form konstant zu zeigen und auch weiterhin an den natürlich immer noch vorhandenen Schachstellen zu arbeiten, könnte Adil Chihi ein wandelndes Paradebeispiel dafür werden, daß es sich eben doch lohnt, festzuhalten an den jungen, noch nicht fertigen Spielern. Jenen, die Zeit auf der Weide brauchen, um ihr Talent nicht nur anzudeuten und mal aufblitzen zu lassen, sondern es in der Tat weiter zu entwickeln. Die auf dem Weg dahin allerdings auch manchen Umweg nehmen und den einen oder anderen Schritt zurück oder auf der Stelle machen. Dazu ist natürlich ein Trainer nötig, der ihnen nicht nur diese Zeit gibt, sondern eben auch ein Fußballlehrer im wahrsten Sinne des Wortes ist. Zvonimir Soldo scheint ein solcher zu sein, Christoph Daum war es offenbar weniger, zumindest im Falle Chihi.

Ob er es allerdings schafft, den seit seinem ersten Einsatz als Jugendlicher aufgrund einer unterstellten Ähnlichkeit zu gewissen befellten Puppen errungenen Spitznamen als „Dä Tschitschi“ wieder loszuwerden, darf bezweifelt werden. Macht aber nichts.

Fährt ein blau-gelbes Schiff nach Buenos Aires…

Wer sich schon immer gefragt hat, wieso denn eigentlich Boca Juniors in Blau-Gelb spielt und zwar dergestalt, daß ein gelber Balken über dunkelblauen Grund querstreift, der soll Antworten bekommen (Und gebt es zu, fast jeden Morgen steht Ihr auf und fragt Euch dieses – sofern Ihr, und davon gehe ich insgeheim natürlich aus, die Antwort nicht schon längst kennt):

Es war also dereinst, Anno 1907, und somit zwei Jahre nach der Gründung des Vereins, daß die beiden Stadtteilvereine Boca Juniors und River Plate beschlossen, daß das Hafenviertel La Boca zu klein sei für zwei rot-weiße Vereine. Ein Freundschaftsspiel sollte klären, welcher der beiden weiterhin in den für alle Welt allerschönsten Trikotfarben auflaufen dürfe und welcher sich andere, und somit in der Natur der Sache liegend, häßlichere suchen müsse.
In dieser frühen der später Superclásico genannten Begegnungen gewann River und trägt seitdem das stolze Rot-Weiß. Wobei dazugesagt werden muß, daß der gut 25 Jahre später erfolgte Umzug in ein Schickimicki-Viertels der Hauptstadt Argentiniens dem Verein nicht sonderlich gut getan hat. Aber schicke Trikots haben sie.

Doch zurück zu Boca Juniors. Was also tut man, wenn man am Hafen lebt, gerade eine peinliche Niederlage erlitten hat und sich in Folge dessen neue Trikotfarben suchen muß? Exakt: Man schlendert zum Hafen und wählt, so will es die Legende, die Farben der Landesfahne des erstbesten Schiffs, daß einem vor die Nase tuckert. Und so ward es getan, und so ward es gut (Abgesehen davon, daß Rot-Weiß natürlich weitaus schöner ist. Immer und überall.)

Und wer nun immer noch nicht weiß, woher jenes Schiff kam, dem helfen Boca und Nike mit der neuesten Auflage des Trikots weiter, die aus Anlaß des 105-jährigen Vereinsjubliäum (Was man nicht alles feiern kann) herausgegeben wurde:

Und nun seid dankbar für diese unnütze Erweiterung Eures Wissens (auch wenn Ihr das alles natürlich schon längst wußtet) und freut Euch mit mir für die Boca Juniors, daß es ein schwedisches Schiff war und keines von den Seychellen:

Ich mein, wie Scheiße säh das denn aus?

Schöner Wohnen

Vorab: Dies ist gnadenloser Contentklau, denn gefunden hab ich es bei thisblogrules.com, wo für den geneigten Leser die „12 World’s weirdest stadiums“ zusammengesammelt worden sind. Und noch nicht mal gefunden hab ich es selbst, sondern die fussball_arena.

Aber sei es drum. Das erste Bild zeigt sich und ich denk: Danke schön. Siehe selbst:

Nun mal ehrlich, liebe Mitfanatiker – kann es ein schöneres Wohnen geben? Der Morgen graut, die Vorhänge werden aufgezogen und der Blick fällt die nächstbeste Tribüne. Ein romantisches Stelldichein unter der Anzeigetafel. Das Kindsvolk wächst auf beim Räuber und Gendarmspiel zwischen Block G und H. „Ich bring nur schnell den Müll in den Spielertunnel“. Samstagnachmittägliches regeneratives Sonnenbaden (inklusive Radiokonferenz für die Spielstände aus den anderen Stadien natürlich) auf der Pressetribüne. „Liebe Nachbarn, heute abend könnte es eventuell laut werden, ich feier meinen Geburtstag auf den Stehplätzen, kommt doch vorbei“. Und in den langen und dunklen Wintermonaten macht man einfach mal zwischendurch das Flutlicht an.

Liebe Stadienfreunde (Wir ignorieren an dieser Stelle, daß es sich eigentlich um ein Baseballstadion handelte) – was könnte es schöneres geben?

Eben.

Zwei Halbzeiten und eine Pause

Natürlich, es gäbe Gründe genug, Schlechtes zu finden am gestrigen Spiel des glorreichen 1. FC Köln gegen die Dortmunder Borussia 09. Das Ergebnis vorneweg zum Beispiel. Und: Schon wieder zu Hause nicht gewonnen. Der Tabellenstand, der wenig Anlaß zur Freude gibt. Das Kuddelmuddel bei den beiden Gegentoren in der ersten Halbzeit, bei der die sonst so gute Abwehr und der in dieser Saison groß aufspielende Faryd Mondragon wenig souverän wirkten. Und leider auch die 91. Minute. Von der wollen wir gar nicht reden.

Aber eigentlich war es ca. 55 Minuten lang ein gutes Spiel des FC. Die erste Halbzeit zeigte eine spielbestimmende Kölner Mannschaft, die die eindeutig besseren Torchancen hatte, und hinten, mit Ausnahme der beiden vermaledeiten Toren nach Standardsituationen, keine weitere Chance des immerhin Tabellenfünften zuließ. Sicherlich: Große Fußballkunst war da nicht zu sehen, aber wir erinnern uns: Der FC, das ist die Mannschaft der Hinserie mit den gefühlten 0,2 Torchancen pro Spiel und dem nicht existenten Offensivspiel. Eine deutliche Steigerung war diese erste Halbzeit. Zählen wir noch die letzten zehn Minuten hinzu (ohne die 91., logisch) – zwei Tore in Müngersdorf ist ja nun auch keine Selbstverständlichkeit.

Die eigentliche Frage aber lautet: Was war los in der 2. Halbzeit, bis zur 81., als endlich das 1:2 gelang? Die Rede vom psychologisch ungünstigen Zeitpunkt eines Gegentores kurz vor dem Halbzeitpfiff ist bekannt, aber das kann nicht erklären, was nach der Pause geschah: Jeglicher Schwung dahin, ein Zusammenspiel fand nicht mehr statt, Spieler wie z.B. Adil Chihi, die in der ersten Halbzeit noch mutig Risiken eingingen und dafürauch belohnt wurden, fanden zurück zur eigentlichen Stärke des FC aus der Hinserie: Jeden offensiven Pass zum Gegner zu spielen. Direktemang. Blei in den Beinen und Leere im Kopf – und am Gegner lag es gewiß nicht, Dortmund tat auch weiterhin alles um nach vorne nicht allzu gefährlich zu werden.

Ich habe keine Ahnung, was in der Kabine zwischen den beiden Halbzeiten geschah, und Spekulationen darüber sind auch müßig. Aber was auch immer es war: Geholfen hat es ganz bestimmt nicht. Und bittschön: Ändern.

Der alte Mann und der Ball

Ich muss zugeben, ich war skeptisch, als damals, im Jahr 2007 die Verpflichtung des fast 35 jährigen Marco Gebhardts durch den 1. FC Union Berlin bekannt gegeben wurde. Der Name noch geläufig aus der einen oder anderen Bundesligapartie für Eintracht Frankfurt gefühlte 3 Millionen Jahre zuvor. Ein Fußballstück, das oft schon aufgeführt wurde: Der alte Mann und der Ball. Oftmals garniert mit den Beilagen Überheblichkeit, Lauffaulheit und Vertragsabsitzerei. Gerade in den unteren Ligen immer wieder ungern gesehen.

Und in der Tat Marco Gebhardt gab das Stück „Der alte Mann und der Ball“ – allerdings in der anderen, weitaus erfreulicheren Variante: Die Stärkebeilagen Übersicht, Erfahrung und Unermüdlichkeit brachte er nämlich mit. Noch dazu war seine Ballbehandlung in jener Regionalligasaison, deren Ausgang über die Zugehörigkeit zu der dann neu gegründeten 3. Liga entscheiden sollte, herausragend. Marco Gebhardt war eindeutig Chef auf dem Platz ohne jemals eine solche Attitüde an den Tag zu legen, jedenfalls nach Außen hin.

Nun, zweieinhalb Jahre später hat der Verein offenbar beschlossen, daß es nicht mehr reicht, daß das Alter eine zu große Rolle spielt, daß die 2. Liga zu stark ist für Gebhardt. Der im Sommer auslaufende Vertrag wird nicht verlängert und wenn Gebhardt – ebenso wie Michael Bemben – noch in dieser Transferperiode wechseln wolle, um anderswo zum Ausklang seiner Karriere regelmäßig zu spielen, man dem Spieler ziehen lasse. Das mag für Gebhardt unschön sein, es wäre sicher angenehmer, weiterhin gebraucht zu werden, und auch für uns, die Zuschauer auf den Rängen ist es kein Quell der Freude, denn Gebhardt gehörte schließlich zu den Hauptakteuren des rasanten Aufstiegs Unions der letzten Jahre.

Aber es ist fair, und auch wenn es nicht schön ist, richtig. Union stellt die älteste Mannschaft der 2. Liga und der eingeläutete Verjüngungsprozeß tut dringend Not. Wichtig ist, daß der Verein gelernt hat aus den Debakeln der Vergangenheit, wenn es darum ging, verdiente Spieler zu verabschieden, man denke nur an den höchst unruhmreichen Abgang des Tom Keiler Persich.

Heute beginnt die Rückrunde und ich hoffe darauf, daß ich in dieser noch einmal die Gelegenheit haben werde, Marco Gebhardt zu applaudieren, ob nun heute, vor Ablauf der Transferperiode oder spätestens im Sommer zum Ende der Rückrunde. Denn der alte Mann hat sich stets gezeigt, hatte großen Anteil am steilen Weg nach oben und wird niemals vergessen.

Liebe Ultras,

Ihr, die Ihr immer so stolz seid auf Eure Choreografien, schauet und erbleichet. Und keine Sorge, die hier agierenden Personen interessiert es vermutlich genauso wenig wie Euch was da gerade auf dem Platz passiert.

[Winterpausengeschichten] Das Spiel, daß es nie gab

Im vergangenen Herbst war es, daß sich eine kleine, aber illustre Reisegruppe abermals aufmachte aus Berlin in ein Land zu reisen, daß sich nach kollektiver Findungsdiskussion im Vorfeld den Beinamen „Absurd“ verdiente. Das letztmalige Ziel Weißrussland an Absurdität zu übertreffen würde schwer werden, soviel war klar, aber da der Großteil der Truppe (genau genommen alle außer dem Autor) im Osten aufwuchs, schien jenes kleine, unscheinbare Land zwischen Holland und Frankreich kein schlechtes Ziel. Belgien, Land des Kirschbiers und der Pommessoßen in x-tausend Variationen. Kirschbier. Geht es noch absurder*?


Es sieht nur so aus, als hätte es dieses Spiel tatsächlich gegeben.

Und natürlich Fußball. Der Besuch eines Fußballspiels ist selbstverständlich Pflicht für Reisen dieser Art. Allerdings, so dachte man vorher, würde hier der Absurditätsvergleich klar zu Gunsten Weißrusslands ausfallen, der belgische Fußball schien doch westeuropäisiert genug im Vergleich zu einem Spiel in der ersten belorussischen Liga. Doch weit gefehlt, jedenfalls im Nachhinein.

Daß die Wahl eines geeigneten Spiels schwer gemacht wurde, hätte schon ein Zeichen sein können. Das eigentlich präferierte Standard Lüttich wollte uns nicht, da sein Ligaspiel mit unseren Reiseplänen kollidierte, schließlich kann man nicht gleichzeitig in Liège und in Ostbelgien, genauer beim Spiel Alemannia Aachen gegen Union Berlin sein, ein Termin, der natürlich Pflicht für uns war. Also dann: Royal Antwerp FC – Zweitligist, Ältester Fußball Verein Belgiens. Hervorragendes Ziel also für Fußballnostalgier. Einmal in Antwerpen angekommen, mussten wir allerdings feststellen, daß das Heimspiel kurzerhand verlegt worden war. In dieser Stunde der Not kam Germinal Beerschot, immerhin Erstligist, daher. Samstagabend, Heimspiel gegen Excelsior Mouscron.

Hübsche kleine Absurditäten gab es da zu sehen. Zum einen der gastgebende Verein selbst, mitten in einer Vorortsiedlung gelegen, und auf diese Weise auf englische Art verwurzelt erscheinend, dabei handelt es sich doch um ein Kunstprodukt, daß nach ca. 234786 Umbenennungen und Ortsverlegungen erst richtig 1999 durch Fusion ins Leben gerufen wurde. Dann auch das Spiel selbst: Die erste Halbzeit sah eine drückend überlegende Gastmannschaft aus Mouscron, der es allerdings erst kurz vor Halbzeitpfiff gelang den längst überfälligen Ausgleich zum 1:1 zu erzielen. Im zweiten Spielabschnitt dann ein völlig auf den Kopf gestelltes Spiel, Germinal Beerschot führte nicht nur früh, sondern hatte gefühlte 98 % des Ballbesitzes, während die Mannschaft aus Mouscron offenbar völlig vergessen hatte, was man so macht, mit diesem merkwürdigen runden Ding, auf einem Fußballfeld herumstehend. Die 2% Ballbesitz jedoch reichten aus, um in der 88. Minute den Spielverlauf ad Absurdum zu führen: Ausgleich, 2:2. Aus dem Nichts ist eine beliebte und zugebenermaßen schwerstens abgedroschene Spielbeschreibungsfloskel, selten war sie treffender. Doch Germinal wußte tatsächlich zu antworten: Irgendwann in der elend langen Nachspielzeit, für die es um ehrlich zu sein keinen Grund gab, fiel doch noch das siegbringende 3:2. Torschütze: Ein bis dahin nur durch schlimmste Stümperei im höchsten Maß aufgefallener Bart Goor. Bart Goor. Geht es absurder?

Die Absurditätskrönung ist jedoch, daß dieses Spiel quasi niemals stattgefunden hat. Jedenfalls der offiziellen Lesart nach. Wie der geneigte und allseits interessierte Leser vermutlich weiß, gehört Excelsior Mouscron zu den ersten Opfern der Finanzkrise und mußte kürzlich die Segel streichen, nachdem zum dritten Mal in Folge kein Team gestellt werden hätte können. Zwangsabstieg in die dritte belgische Liga sowie Annulierung aller bislang gespielten Ligapartien dieser Saison ist die Strafe für den Klub, der einst die Mpenza Brüder groß machte und für zwölf Spiele Heimat des heutigen Hoffenheimers Demba Ba war.

Machs gut, Excelsior Mouscron und komm mal wieder zurück in den bezahlten Fußball. Und unter uns: Ich hab es gesehen, ich kann bezeugen, daß es das Spiel gegeben hat. Ehrlich.

* Soviel sei verraten: Es geht. Schokoladenbier ist wirklich die Krönung des Absurden in Sachen Bier.