HI HA HO , jez sin mer wieder froh

Es wird mal wieder Zeit, der in jüngerer Vergangenheit etwas verstaubten Abteilung „Musikzwodrei“ Leben einzuhauchen.

Und was eignet sich da besser als dieses Kleinod an Livemitschnitt, über das ich jüngst stolperte: Der Chef höchstselbst. „De Plaat“ trägt ein wunderbares figurumschmeichelndes Ensemble aus dem Hause Batik-für-Jedermann, die anwesende Jugend ist höchst freudig erregt, dass sie den Refrain singen darf, die Ramones nicken zufrieden über diese Coverversion ihres Songs Rockaway Beach und ganz am Ende gibt es eine Textvariation zu Gunsten einer Erwähnung des FC. (In einer 2006 aufgenommenen Version hat Zeltinger den gesamten Text übrigens auf den FC gemünzt, im hier gehörten Original geht es eigentlich um einen Nachmittag im Schwimmbad.)

Und welches andere deutschen Stadion kann von sich behaupten, in einem nicht vereinsbezogenen Song besungen worden zu sein? – Hinweise gerne in den Kommentaren.

Su, jenuch jeschwaad:

Huhu, Ihr Union-Ultras,

nicht, dass Ihr mich falsch versteht: Ich find Stadionverbote in der Regel auch ziemlich dämlich. Weil ich sie für das falsche Mittel halte, weil sie lieber gießkannenartig ausgekippt werden und somit häufig die falschen treffen und überhaupt.

Und ja, ich kann auch damit leben, dass Ihr ein-, zweimal pro Spiel Euren Anti-Stadionverbot-Singsang anstimmt. Mir persönlich ist das ja in der Regel zu selbstreferentiell, vor allem, wenn es als fester Programmpunkt in unschöner Regelmäßigkeit auftaucht. Ich mein, ich steh grundsätzlich nicht so auf Euer Hauptsache-90-Minuten-Dauersupport-egal-wie-sinnentleert-Ding. Schalala Gesänge, die in jedem Stadion der Republik die gleichen sind, brauch ich nicht. Aber jut, wenn Ihr meint, dann macht mal, leben und leben lassen.

Aber liebe Freunde des permanenten Liedguts, was ich nun echt nicht verstehe, ist das, was da gestern beim Spiel des 1. FC Wundervoll (© by textilvergehen) geschah. In einem zwar durchaus graupigen, aber stets auf des Messers Schneide stehenden Spiel steht es kurz vor Schluß 1:0 für die Unsrigen. Dem Gegner, in diesem Falle die doofe Fortuna aus Düsseldorf, gelingt es zwar nicht so einen großen Druck zu entfalten, dass man sich genötigt sieht, bis zu den Knöcheln an den Fingernägeln zu knabbern, aber – hey, Mattuschkas Tor fiel auch eher überraschend und doch, doch, die Fortunen versuchen durchaus noch den Ausgleich zu erzielen. Es ist also schon ein wenig eng, und nur noch wenige Minuten zu spielen. Zugegeben, die Stimmung im herrlichen Rund Eckigen ist schon den ganzen Abend über ein wenig dem schlechten Spiel und dem noch schlechteren Wetter angepasst, aber trotzdem: Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt zu einem solchen Zeitpunkt einen einschläfernden Singsang über Stadionverbote zum Besten zu geben. Wie gesagt: Wenn Ihr meint, Ihr müsst das machen, macht nur. In der 56. Minute, wenn grad nüscht passiert da auf dem Feld. Oder in der 75., wenn der eigene Verein drei null führt. Oder meinetunwegen auch drei null hinten liegt. Aber jessesmariaundjosef, doch nicht der 86. Minute beim knappsten Spielstand, der denkbar ist.

Schöne Grüße,
icke.

P.S.: Und diese unsägliche „Sieg“-Scheiße können wir uns bitte auch gleich wieder abgewöhnen. Danke.

Ein Abend in Köln-Deutz

Gebannt blickten die Gagschreiber der Republik gestern abend nach Köln, besser als jede Karnevalssitzung, so hieß es, würde sie bestimmt werden, die Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln. Ein Vergleich, der in der Regel von Menschen gezogen wurde, die noch nie in ihrem Leben auch nur in der Nähe einer Karnevalssitzung waren und welcher, wie sich zeigte, auch wenig passend war, denn Witze, ob gute oder schlechte, wurden wenige gemacht.
Wie bekannt sein sollte, wohnt der Spielbeobachter (also icke jetzt) schon lange nicht mehr in Köln, war also auch nicht anwesend. Dank der modernen Medien war es aber möglich beinahe dabei zu sein, ein Versuch der Einordnung des Geschehenen soll also folgen.

– Die Nicht-Entlastung des Vorstandes hat kaum rechtliche Bedeutung. Ob die symbolische Bedeutung über „XY raus!“ Sprechchöre im Stadion hinausgeht, darf bezweifelt werden, es sei denn Wolfgang Overath nimmt sich diese „Ohrfeige“ derart zu Herzen, dass er sein Denkmal in Gefahr sieht. Dann könnte noch ein nachträglicher Rücktritt erfolgen, allerdings vergäbe er sich damit die Chance, seinen Namen vom aktuellen Makel frei zu waschen.

– Mit Ruhm bekleckert hat Overath sich allerdings nicht. Dass er zum Beispiel mehrfach darauf hinwies, ja nur ehrenamtlich beschäftigt zu sein und nicht nah genug am Tagesgeschäft zu sein, um Spieler, die verpflichtet werden, im Vorfeld schon gut genug einordnen zu können, wäre an und für sich ganz und gar im Sinne eines Präsidenten, der mit großem Namen repräsentiert und Sponsoren bindet, das Tagesgeschäft aber kompetenteren Leuten überläßt. Erinnert man sich allerdings früherer Ankündigungen Overaths, so zum Beispiel, dass jeder Transfer über seinen Tisch gehen würde, klingt dies wie der schlecht verhüllte Versuch eines bockigen Kindes den schwarzen Peter loszuwerden.

– Den von den Fans und Teilen der Medien geforderten Rücktritt Michael Meiers, bzw. dessen Entlassung, wird es vorerst nicht geben. Zwar schwankte Overath im Laufe des Abends einige Male bedenklich zwischen „Das wird es mit mir nicht geben“ und „Wir werden darüber nachdenken“, letzteres muss aber wohl als relativ spontane und nicht nachhaltige Reaktion auf die aggressive Grundstimmung des gestrigen Abends geschuldet gesehen werden.

– Keine neue Erkenntnis: Auch eine quasi basisdemokratische Revolution braucht Köpfe, rhetorische Gewandheit ist ein Muss. Der Fragen-an-den-Vorstand-Teil des Abends, von selbigem allerdings auch nach bester Funktionärsweisheit als Blockveranstaltung getaktet, war offenbar in weiten Teilen, wie zu erwarten war, ein Fiasko. Weltfremde Forderungen und zielloses Gebrabbel haben noch keinen Machiavellisten vom Thron gestürzt.

– Die aus meiner Sicht entscheidende Frage des Abends wurde offenbar nicht beantwortet: Wie sieht es denn aus, das längerfristige Konzept um den 1. FC Köln aus seiner mittlerweile zur Normalität gewordenen fünfzehnjährigen Krise zu führen? Gab es in der Tat den Plan, wie in den vergangenen Wochen vereinsseitig behauptet, mit massiven Investitionen (Daum, Özat, Mondragon, Maniche, Womé, Podolski) aus dem Fahrstuhl auszusteigen, um dann mit leeren Kassen und Kräften aus der eigenen Jugend in Liga Eins zu überleben, bis die Fernsehgelder den Umstand vergessen haben, dass der FC in der jüngeren Vergangenheit immer wieder nicht zu den ersten achtzehn Mannschaften gehörte? Und falls ja: Wie geht man nun mit dem momentanen Rückschlag um? Und, falls es dieses Konzept gab, warum um alles in der Welt klingt es dann verdammt so, als wäre es den FC Granden erst jetzt eingefallen, als wäre es ihnen erst jetzt offensichtlich geworden, dass die Kassen leer sind.
Hätte sich vor drei, vier Jahren jemand hingestellt und gesagt, dass ein Ausstieg aus dem Fahrstuhl nur so möglich sei, nämlich mit Klotzen, dies allerdings zur Folge habe, dass anschließend nur gekleckert werden könne und dies wiederum bedeute, dass es nach der erfolgreichen Abwendung der unmittelbaren Wiederabstiegsgefahr ein, zwei sehr magere Jahre geben würde – das Geschrei heute wäre nur halb so groß, falls überhaupt.

Aber, wenn der gestrige Abend eines gezeigt hat, so dies: Transparenz und Offenheit sind Fremdwörter für den FC Vorstand – dies allerdings nur unter der Vorausetzung, dass es den oben skizzierten Plan überhaupt gab. Alles andere wäre blindwütige Wurtschelei. Und das klingt leider genauso wahrscheinlich.

Herrrreinspaziert!

Willkommen, werte Damen und hohe Herren, zu einem Abnd guter Laune und größter Spannung – für Sie und Ihr Vergnügen wird am heutigen Abend der große Klassiker „Jahreshauptversammlung“ durch die Theater- und Gauklertruppe 1. FC Köln gegeben. Nehmen Sie Platz!

Damit niemand den Überblick verliert, liebes Publikum, sind wir so frei, Ihnen noch einmal in Kürze eine Übersicht über die handelnden Personen zu geben:

Wolfgang Overath – Der Fürst
Der Herr des Hauses. In früheren Tagen einst ein großer Ritter in den rot-weißen Farben – was ihm inzwischen den Titel „Ihro BesterKölnerFußballspielerallerZeiteninEwigkeitAmen-Durchlauchtigkeit“ einbrachte. Eroberte sich einst das Fürstenamt mit dem Versprechen, das mittlerweile verarmte Fürstenhaus wieder zu Glanz und Gloria zurückzuführen. Opferte dafür viele Höflinge und Ritter. Mit mäßigem Erfolg. Gilt einigen immer noch als Hoffnungsgestalt, anderen als Erfolgsverhinderer. Manch Gerücht glaubt an Flucht, andere sehen seinen Kopf rollen. Wird vermutlich nichtsdestotrotz Fürst bleiben.

Claus Horstmann – Hofmarschall
Einst Lordsiegelbewahrer und somit Schatzmeister und als solcher von untadeligem Ruf, schien das Fürstentum unter seiner Ägide doch unter dem seltenen Zeichen der „Schwarzen Null“ zu prosperieren. Heute weiß man, das dazu manch Trick notwendig war, der die Kassen heute weit leerer sein läßt als erwartet. Inzwischen zum Hofmarschall Abteilung „Strategie“ befördert worden. Gibt dabei nur ein halb so gutes Bild ab.

Michael Meier – Hofmarschall
Einst als jungscher Beamter am Hofe mit großen Erfolgen verdiente er sich seine Sporen – mit sehr wechselhaften Ergebnissen – zwischenzeitlich in einem anderen Fürstentum. Heute zuständig für die Auswahl der Garde. Dabei zeigt er wenig Glück, allerdings gelang es der Garde zwei Jahre lang, sich nicht zurückdrängen zu lassen aus der ersten Reihe. Aufgrund der jüngsten Mißerfolge steht er nun am Pranger und es scheint nur die Frage im Raum zu stehen, wer lauter seinen Kopf fordert: Das Volk oder der Fürst. Letzterer könnte seinen eigenen retten, opfert er seinen Hofmarschall den ersteren.

Oliver Leki – Hofmarschall
Der Nachfolger als Lordsiegelbewahrer. Erst seit Sommer im Amt. Unbekannt und außerhalb aller Schußlinien.

Frank Schaefer – Chef der Garde
Gerade erst in sein Amt gehoben worden. Könnte durch einen prominenteren Vertreter abgelöst werden, dessen berühmter Name die vor Wut über die jüngsten Mißerfolge kochende Volkseele beruhigen soll. Allerdings ist der bauernschlaue Gardistenchef Liebling des Volkes. Da Fürst Wolle der I. immer ein Ohr für die Stimmungen im Volke hat, ist zu vermuten, dass Schaefer Chef der Garde bleiben darf. Mit seiner Opferung rettet sich der Fürst jedenfalls nicht.

Die Garde
Bunt zusammen gewürfelter Haufen. Durchaus in der Lage das Fürstentum in der ersten Reihe zu halten, benötigt dazu allerdings ideale Voraussetzungen. Die sind nicht gegeben.

Der Prinz
Ist verletzt. An Leib und Seele. Letzteres bedingt durch die jüngsten Mißerfolge. Wird in grauer Zukunft einmal Fürstenkandidat sein.

Jürgen Glowacz und Stephan Engels
Hofnarren. Nicht lustig.

Die Medien
Tollkühne Selbstmordattentäter, die in der Regel nicht genau wissen wann, wo und wie welche ihrer Bomben hoch geht und welche nur Attrappen sind.

Christoph Daum
Vom Hofe geflohenes Schreckgespenst. Sein Schreckenspotential wird mittlerweile außerhalb des Fürstentums als größer angesehen als innerhalb.

Das Volk
Leidet. Aufgebracht und nach Blutopfern verlangend. Bereit, im Notfall auch den Fürsten zu stürzen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wer den Fürsten beerben könnte. Könnte sich allerdings mit dem Kopf eines Hofmarschalls zufrieden geben.

Nun denn, wertes Publikum, machen Sie es sich bequem und lassen Sie sich bestens unterhalten!

Eins kann uns keiner, Eins kann uns keiner, Eins kann uns keiner geben.

Sie haben es mit allem versucht:

Kleine Schritte
Große Schritte
Wiedergeburt des Messias
Heimholung des Prinzen
Große Trainernamen,
aus dem Hut gezaubert
Bergdoktoren,
in den Schweizer Bergen gefunden
Altstars, teure
Junghoffnungen, billige
Kölsche Ureinwohner
Fremde Andenanrainer
Trainerwechsel
Trainerwechsel
Trainerwechsel
Konservatives Finanzmanagment
Meiersches Finanzmanagement
Kleckern
Klotzen
Lange Bälle, nach vorne gedroschen
Kurze Bälle, zum Gegner gespielt
Eine Spitze
Zwei Spitzen
Keine Spitze
Dieser raus!
Jener raus!
Alle raus!
Dicke Sponsoren
Dickere Sponsoren
Zypern.

Nur mit einem wurde es nie versucht:
Geduld.

Ein guter Schaefer?

„Der Geissbock braucht einen guten Schaefer“, so stand es geschrieben auf einem Transparent auf der Südtribüne anläßlich des Pokalspiels am vergangenen Dienstag. Gemeint war natürlich Interims- oder Auchnichtinterimstrainer Frank Schaefer.

Ist Schaefer dieser gute Hirte, den die FC Fans in fast schon verzweifelter Manier in ihm sehen wollen? Die Sehnsucht danach ist verständlich: Der Mann ist nicht nur Kölner, was ihm natürlich Punkte im Standing bei den Fans bringt, sondern kennt den FC seit einigen Jahrzehnten. Ein Eigengewächs also, dazu noch eine fraglos billigere Arbeitskraft als ein Trainer mit vermeintlich großem Namen, eine Lösung, die vermutlich von Wolfgang IchhabdanocheinenKracher Overath angestrebt wird. Wenn also seine Arbeit als Fußballlehrer etwas taugt, wäre Schaefer, so scheint es, eine Ideallösung.

Aber: Taugt diese etwas? Dies zu beurteilen, ist nach zwei Spielen, eines im Pokal gegen einen Zweitligisten und eins zu Hause gegen einen eher mittelmäßig aufspielenden HSV, schwer bis unmöglich. Da ich weder in der Kabine noch beim Training zu Gast sein kann, bleiben wenige Zeichen anhand derer ich deuten kann, was Frank Schaefer bislang tat, um die sportliche Misere des 1. FC Köln zu beenden.

Aufstellungsfragen:
Die größte, und bislang auch erfolgreichste Umstellung betrifft offensichtlich den Sturm: Milivoje Novakovic spielte in beiden Spielen von Anfang an, Podolski, halb Spitze, halb Zehner dahinter. Die taktische Aufstellung also, die auch Zvonimir Soldo für diese Saison auf seinem Zettel hatte, aus Gründen des schlechten Starts aber wieder und wieder verschob, bis sich die arg wackelige Defensive gefangen haben sollte. Angesichts von vier Toren für Novakovic und vier Torvorlagen und einem Tor für Podolski muss man hier ein dickes Plus für Schaefers Umstellungen notieren.
Ein klares Minus hingegen gibt es für die arg abenteuerliche und schwer nach hinten losgehende Idee, Mato Jajalo im Spiel gegen die Löwen auf die halbrechte Position zu stellen. Das Spiel lief bis zu seiner Auswechslung in der 54. Minute an Jajalo vorbei, der ganz offensichtlich überhaupt nichts mit dieser Position anfangen kann. Allerdings soll hier auch erwähnt werden, dass Schaefer offenbar schnell lernt: Anstelle Jajalos spielte fortan Christian Clemens, der dort auf seiner, ihm gewohnten Position, recht ertragreich spielte.
Auf der Problemposition hinten links kehrte Schaefer zu Stephan Salger zurück, der sich auch unter Soldo in den ersten anderthalb Spielen dort probieren durfte. Und auch im Spiel gegen den HSV verursachte Salger durch Schlampigkeit in der Abseitsstellung ein Gegentor. Allerdings kann man hier Schaefer kaum einen Vorwurf machen – der FC hat keinen anderen, besseren Linksverteidiger und Salger ist jung und wird, hoffentlich, durch solche Fehler lernen.
Durch Salgers Einsatz hinten links wurde der Aushilfsaußenverteidiger vom Dienst, Fabrice DJ Ehret, für die Position im linken Mittelfeld frei. Eine Position, die dem Franzosen weit besser liegt. Allerdings: Eine Fülle an einfachen Ballverlusten und unglaublich miserablen Flanken machten Ehrets Auftritte eher zu einem Ärgernis.

Einstellungsfrage:
Vielerorten wurde Zvonimir Soldo vorgeworfen, durch seine eher ruhige Art der Mannschaft nicht genug Motivationsschub mitzugeben. Meines Erachtens war das Unsinn: Von einigen wirklich unrühmlichen Spielen abgesehen, stimmte die Einstellung: also der Kampf-, Einsatz- und Laufwille der Mannschaft auch unter Soldo. Richtig ist, dass Schaefers Vorstellung von „aktivem Fußball“ die Mannschaft zu mehr Aktion zwingt, während Soldos Marschroute häufig den Weg über die kontrollierte Defensive nahm. Aber Vorsicht, hier wird sich erst noch zeigen müssen, ob die Mannschaft auch in anderen Situationen in der Lage ist, die von Schaefer gewünschte Aktivität erfolgbringend an den Tag zu legen. In anderen Situationen heißt: Nicht gegen einen Zweiligisten oder einen arg ersatzgeschwächten HSV spielend. Und: Nicht zu Hause spielend. Die Auswärtsstärke des FC der letzten Jahre begründete sich immer auf einer extrem massierten Defensive. Sämtliche Versuche von dieser abzuweichen, mündeten in mittleren Debakeln. Das Spiel in Nürnberg am Samstag wird also auch in dieser Hinsicht ein Gradmesser sein.
In individuellen Einstellungsfragen scheint Schaefer bislang eine recht klare Linie zu fahren: Mondragon bleibt nach wie vor außen vor. Adil Chihi, dessen Trainingsleistungen wohl nicht ausreichend waren, wurde mit der Begründung „Ich kann auf Egoismen keine Rücksicht nehmen“ aus dem Nürnberg-Kader gestrichen.
Das klingt gut, allerdings hat es Schaefer zur Zeit auch einfach: So gibt sich die langjährige Ego-Diva Nummer Eins, Novakovic, zur Zeit handzahm, offenbar froh nach anderthalbjährigem Machtkampf mit dem ehemaligen Trainer wieder zur Startelf zu gehören. Adil Chihi wurde schon drei Tage vor der Streichung aus dem Kader öffentlich zum Buh-Mann, als Manager Meier erklärte, der Spieler habe auch das zweite, erhöhte, Angebot nicht angenommen und wolle offenbar den Verein wechseln um anderenorts mehr Geld zu verdienen. Man stelle sich vor, Soldo hätte vor drei Wochen die Streichung der Offensivhoffnung vorgenommen – also ohne öffentliches Wissen um die Verlängerungsstreitigkeiten: Der Aufschrei wäre groß gewesen.

Auch und besonders in den Medien und damit kommen wir zum letzten Punkt der Standortbestimmung nach knapp zwei Wochen Schaefer: Trainer, wie hältst Du es mit dem Boulevard? Nach zwölf Tagen im Amt läßt sich, durchaus nicht überraschend, festhalten: Der Boulevard liebt Schaefer – kein Tag ohne positive Schaeferstory – und Schaefer läßt sich nicht lumpen: Die Begründung zur Streichung Chihis zum Beispiel wurde exklusiv an die Zeitung mit den vier großen Buchstaben weitergegeben. Wer hier mitliest, weiß, was ich davon halte. Andererseits: Ein Trainer, der sich nicht gut mit dem Boulevard stellt, lebt in Köln nicht lange.

Wie eingangs erwähnt: Eine echte Standortbestimmung ist noch nicht möglich. Die ersten Zeichen sehen durchaus positiv aus, eine Zaubermannschaft wird auch Schaefer nicht herbeitricksen können. Der große Vorteil Schaefers, dass er Verein und Mannschaft sehr gut kennt, ergänzt um die Tatsache, dass die Kanoniere des Express stillhalten, gibt Hoffnung, dass Schaefer die Zeit bekommt, die er braucht.
Am 17.11. ist allerdings Jahreshauptversammlung, Wolfgang Overath wird es sich nicht nehmen lassen, dort eine umjubelte Lösung zu präsentieren: Gelingt es Schaefer gegen die Mitkonkurrenten Nürnberg und insbesondere im Heimspiel gegen Erzfeind Mönchengladbach zu punkten, so wird er spätestens am 17. seinen Job innehaben. Wenn nicht, kommt dann der „große Name“.

Ein Armutszeugnis

Ich versuch mich ja zu zügeln. Boulevardschelte, wenn es um den 1. FC Köln geht, hab ich schon so oft gebracht, viel öfter als es sinnvoll wäre. Vermutlich ist das nicht einmal mehr sonderlich unterhaltsam. Ein totes Pferd und so.

Nun sitze ich hier aber schon seit Sonntag und dieses eine Ding geht mir durch den Kopf und es will raus. Also dann, fuck that, ich mach hier, was ich will.

Am vergangenen Sonntag gab es in der ZDF Reportage einen gar nicht mal so üblen Bericht über den FC, das Durcheinander der letzten Wochen wurde beleuchtet und die allgemeine Situation in Köln und im Verein beschrieben und kommentiert. Dazu gehört auch, welch Wunder, die allseits bekannte und berüchtige Kölner Medienlandschaft. Die Reportage berichtete von den zwei großen Aufregern der letzten Wochen: Podolskis unbestrafte Anklage an den Verein und Mondragons „Hotelflucht“. In letztem Fall verhielt es sich so, dass Torwart Mondragon es für unumgänglich erachtete, zwei Tage vor einem Pflichtspiel mit dem FC ein Länderspiel in den USA zu absolvieren und aufgrund dessen nach seiner Rückkehr vorerst aus dem Kader gestrichen wurde, was den Kolumbianer dazu veranlasste, das Hotel, in dem sich die Mannschaft befand, zu verlassen. Nach Absprache mit dem Verein, wie Mondragon selbst und auch der Verein hinterher sagten, „fluchtartig“ wie es hinterher kolportiert wurde – wer da nun recht hat, ist egal.

Und dann sitzt da Marcel Schwamborn vom Boulevardblättchen Express und erzählt, dass er eine halbe Stunde nach diesem Vorfall von einem Mitspieler angerufen worden sei und ihm von dem Vorfall berichtet wurde. Keine weitere halbe Stunde später war die Geschichte der „Hotelflucht!!!111einself“ Klickknüller auf der Onlinepräsenz des Express.

Schwamborn sitzt da und grinst und sagt, dass es ein gutes Zeichen der Vernetzung wäre. Einerseits. Andererseits aber wäre dieser Vorfall – gemeint ist nicht die Hotelflucht, sondern der Anruf des Mannschaftskollegen – ein ganz und gar schlechtes Signal, quasi ein Armutszeugnis für Mannschaft und Verein. Und mir bleibt die Spucke weg.

Nicht, dass das der Vorgang neu wäre. Es hat, so lange ich denken kann, immer Spieler gegeben, die sich mit internen Informationen einen guten boulevardesken Leumund und ein Schutzschild gegen die gelegentlich auftretende Zerstörungswut des Express erkaufen wollten. Und schon immer hat die Zeitung, wie das auch anderenortes geschieht, man denke an Einlotharmatthäus, solche Korrumptionsersuche gefördert, gefordert und honoriert.

Und natürlich hat er recht: Das ist ein schlechtes Zeichen. Ein schlechtes Zeichen für die Vereins- wie auch die Mannschaftsführung, ein schlechtes Zeichen, wie es um die charakterliche Disposition des einen oder anderen gestellt ist, ein schlechtes Zeichen dafür, welche Macht besagte Zeitung im Verein faktisch hat.

Aber.. ist es nicht ein mindestens ebenso schlechtes Zeichen, diesmal allerdings weniger für den Verein, sondern für den Menschen und Redakteur Schwamborn, wenn er dieses Tun, an dem er maßgeblichen Anteil hat, von dem er direkt profitiert, das er fordert und manifestiert, im übertragenen Sinne als Armutszeugnis bezeichnet? Stellt er sich in dem Moment nicht selbiges Zeugnis aus? Eine Jumbotüte Doppelmoral anyone?

Oder bin ich bloß unendlich naiv?

Genug gefragt, hinabgestiegen, dies Pferd ist tot.

[Der Bericht in der ZDF Mediathek. Besagte Stelle findet sich bei Minute 3]