[Infografikmassaker] Hamburger Fußballvereine

Willkommen zur dritten Folge von „Große Städte und ihre Fußballvereine“, werte Wappenkundlerin und werter Leser. Was dem mittlerweile geschulten Auge direktemang im Vergleich zu Berlin, insbesondere aber im Vergleich zu Köln auffallen wird an dieser Grafik zu Hamburger Vereinen und ihren Wappen ist die schiere Menge. Und damit sind wir gleich mittendrin in einer der wichtigsten, von verwirrten Betrachtern und rätselnden Leserinnen immer wieder gestellten Fragen der beiden bisherigen Ausgaben: Wie wähle ich aus, wer kommt auf die Grafik, das sind doch nicht alle Verein oder doch oder wie?

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Nein, natürlich sind das nicht alle Vereine, in Berlin z. B. gibt es ca. 400 Fußballvereine, das wäre eine sehr, sehr große Grafik. Das Vorgehen ist ungefähr so: Ich gehe von oben runter bis ich genug habe. Dabei gibt es keine bestimmte Anzahl, die „genug“ bedeutet, es ist eher ein „zuviel“, welches sie beschränkt. In Berlin hatte ich nach der sechsten Liga, der sonst Landes-, in diesem Fall aber Berlin-Liga genannten Spielklasse 34 Vereine zusammen. In Köln waren es nach der achten, der Kreisliga, erst 24 Klubs. Die Etage tiefer darunter, die zweistaffelige Kreisliga B, das bedeutet 32 weitere Vereine (wenn davon auch einige herausfallen, da 2. Mannschaften von Vereinen, die schon weiter oben auftauchen, nicht wieder aufgenommen werden). Diese noch dazuzunehmen, hätte das alles sehr eng gemacht. Mitten innerhalb einer Liga zu trennen und, sagenwirmal, nur die obersten zehn Vereine dazuzunehmen, kommt gerade in dieser von Corona zerrissenen Saison nicht in Frage.

Hamburg jetzt führte mich zu der Entscheidung, schon nach der 5, der Oberliga mit nur 18 Vereinen Schluss zu machen oder die darunter liegende Landesliga noch dazu zu nehmen, die aber gleich in zwei Staffeln daherkommt, mit insgesamt 21 Vereinen. Was noch mal eine Menge ist. Insgesamt dann 39 Vereine, um genau zu sein, und so eng sieht es dann auch aus. Bei Twitter wurde neulich schon die Frage diskutiert, warum es in der einen Stadt so viele Vereine in der vierten oder fünften oder sechsten Liga gibt und in der anderen nicht und die Antwort darauf scheint kompliziert zu sein: Ligastruktur meets Stadtgröße meets Finanzgefälle Umland vs Stadt meets Stadthistorie. Apropos Stadthistorie: Im Hamburger Fall lässt sich ganz gut erkennen, wo wann die Stadt gewachsen ist, bzw schon war, als der Fußball in unsere Welt kam.

Kommen wir zur schönsten Sache der ganzen Angelegenheit und fürwahr, es ist wirklich schön in diesem Falle. Hut ab, werte Hamburger Fußballvereinsverantwortliche der vergangenen ca. 150 Jahre, das mit den Wappen habt Ihr wirklich gut hinbekommen. Glückwunsch zunächst einmal an den Harburger Turnerbund, nicht nur weil er der älteste Verein ist (jaja: 1865 zwischen zwei Turnvereinen zu diesem fusioniert, die Fußballer wurden erst 1910 gegründet, da wollen wir jetzt mal nicht pingelig sein), sondern auch, weil es offenbar gelungen ist, in all der Zeit den Versuchungen des jeweiligen Zeitgeistes zu widerstehen und das Wappen so zu lassen, wie es schon immer war.

Es gibt einige Wappen, die meiner Vorliebe für klare und schlichte, sich eher an Bauhaus als an Rokoko orientierenden, Vereinsabzeichen sehr nahekommen. Victoria, der SC Sternschanze, dem ETV, das wirklich aufregend mutige Wappen des SV Altengamme sollen hier hervorgehoben werden, aber ganz besonders der HSV, mit seiner ikonischen Raute ohne jeden Text. Bei Barmbek-Uhlenhorst, so muss ich gestehen, habe ich womöglich ein bisschen geschummelt, denn es finden sich zwei Varianten im Netz und womöglich ist nicht das hier abgebildete, sondern dieses mit einem Erklärbärkreis drumherum das ganz offizielle. Aber da BU mir aufgrund eines der besten Vereinssongs der Welt sehr sympathisch ist, nun ja, geschah mir leider dieses Missgeschick, dass ich versehentlich das falsche Wappen und so weiter und so fort.

Wirklich viele Wappen, die aus grafischer Sicht irgendwo falsch abgebogen sind, finden sich nicht. Ein bisschen schmerzhaft ist das Wappen des Wandsbeker Turn- und Sportverein Concordia. Wie es der Name schon andeutet, eine Fusion, erst 2013 entstanden aus dem TSV Wandsbek-Jenfeld und dem SC Concordia. Letztere brachten ihr Wappen mit in der Ehe, ein von einem roten Kreis umrandetes C. Dem C des Charlottenburger SC sehr ähnelnd und vor allem aber mit ähnlich hohem Wiedererkennungswert. Dem natürlich völlig verständlichen Wunsch des Fusionspartners zukünftig auch zu erkennen zu sein, wurde nachgekommen, indem das völlig bedeutungslose Wandsbeker 08/15-Wappen drumherum geklatscht wurde statt z. B. Einfach den roten Kreis grün zu machen. Aber gut, wer weiß, was da für Entscheidungsprozesse eine Rolle spielten.

Wappenfusion am Beispiel des TSV Wandbek und dem SC Concordia

Stellte ich ja damals bei der Berlin-Ausgabe ja die These, dass die Fahnen-Wappen-Häufung darauf hinweise, dass es sich dabei um ein Berliner Phänomen handele (mittlerweile so ein bisschen widersprochen – es gibt auch anderswo Fahnenwappen – , und ein bisschen bestätigt – in der Häufigkeit aber nicht – ), so stelle ich hiermit die These auf, dass die Hamburger Vereine ebenfalls eine Eigenheit haben, nämlich den Hang zum adligen Nachnamen. Sehr, sehr viele Vereine tragen das Jahr ihrer Gründung am Ende des offiziellen Vereinsnamen, aber natürlich, wie könnte es anders sein in Pfeffersackhausen, nicht so einfach wie beim BVB 09 oder Schalke 04, nein, es muss immer noch unbedingt ein „von“ dazwischen. Altonaer FC von 1893. USC Paloma Hamburg von 1909. SC Sternschanze von 1911. Und so weiter. Gibt es sicher auch anderswo, aber in der Häufigkeit nicht.

So weit, so weit, zunächst einmal. Pflegen Sie Ihre Wappen, wo es nur geht. Bis dahin.

11 Antworten auf „[Infografikmassaker] Hamburger Fußballvereine“

  1. Interessant ist auch die Geschickte von Vorwärt-Wacker Billstedt. Das waren zwei verschiedene Vereine, die sich nicht unbedingt mochten, dann aber fusionieren mussten, weil man das irgendwann eben muss.

    Und eine der beiden früheren Vereinskneipen ist jetzt ein Puff.

    1. Die Geschichten drumherum, die mir bei der Recherche begegnen, machen das Ganze ja zum Vergnügen, auch wenn das natürlich bei der Recherche immer an der Oberfläche bleibt. Hier z. B. hatte ich wohl gelesen, dass es eine Fusion gab (sieht man Wappen und Namen ja auch an), aber dass die sich eigentlich nicht mochten, las ich nicht. Sehr schön.
      Das mit dem Vereinheim natürlich auch.

  2. Vielen Dank für Deine Recherche und das hier Dargebotene!
    Top 🙂
    Habe jedoch eine Anmerkung:
    Das Wappen des HSV ist ein um 45° gedrehtes Quadrat. Und ja, die Bezeichnung „Raute“ ist geometrisch auch korrekt, jedoch handelt es sich hier („Raute“) um eine grobe Bezeichnung dieser geometrischen Figur.
    Binde z.B. jemanden die Augen zu und gib ihm/ihr die Aufgabe ne Raute zu malen. Es wird in 100% der Fälle kein Wappen des HSV dabei herauskommen. Beim um 45° gedrehten Quadrat sollte dies jedoch klappen.
    Oder anders:
    Zum Vergleich: Neh Kuh (ziemlich klare Bezeichnung), wird ja wenn über sie gesprochen wird i.d.R. ja auch nicht als „Lebewesen“ bezeichnet, obwohl es korrekt aber eben sehr ungenau ist.
    Da kann ich nicht nachvollziehen wieso das Wappen des HSV immer noch als „Raute“ bezeichnet wird?! 🙂

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