Faryd Mondragón – Der heimliche Kapitän bleibt an Bord.

Damals, bevor der 1. FC Köln in den Niederungen des Profi-Fußballs verschwand, galt eines als sicher: Das Trikot mit der Nummer Eins trug ein Spieler, der sowohl sportlich große Klasse verkörperte als auch eine wichtige Integrationsfigur für den Verein darstellte. Anton „Toni“ Schumacher, Harald „Toni“ Schumacher, Bodo Illgner. Von 1979 bis 1994 kam der Torwart der deutschen Nationalmannschaft aus Köln. Und so unterschiedlich Schumacher der Zweite und Illgner als Typen waren und sind, so wichtig waren sie doch beide für den Verein als Führungsspieler und Galionsfiguren.

Der FC ist sportlich noch lange nicht wieder da, wo er mal war. Ob das überhaupt gelingen kann und wenn ja, wie lange es dauert, sind andere Fragen. Doch eines ist sicher: Der Torwart des FC ist wieder wer.

Es war im dritten Spiel für den 1. FC Köln, als Faryd Mondragón 2007 den Grundstein legte für das, was er heute dem Verein bedeutet. Das zweite Heimspiel der Saison, das erste war verloren gegangen und auch jetzt sah es nicht gut aus, kurz nach der Halbzeit war Carl Zeiss Jena mit 1:3 in Führung gegangen. Ob der schon etwas ältere Kolumbianer im Tor wirklich die erhoffte Verstärkung werden würde, lag noch im Nebel der unbekannten Zukunft. Zwar hatte Adil Chihi in der 74. Minute den Anschlußtreffer zum 2:3 erzielen können, doch die Stimmung in Müngersdorf war schlecht, das Spiel des FC bis dahin auch, ein Sieg hier und heute schien undenkbar, der Fehlstart für die geplante Aufstiegssaison damit zementiert. Da wechselte der Gegner in der 80. Minute aus, Nils Petersen schlich auf der Höhe der Mittellinie vom Feld, jeder langsame Schritt eine Sekunde mehr auf der Uhr. Nicht, dass diese Zeitverzögerung irgendjemanden sonderlich gestört hätte, das Spiel war eh verloren. Einer jedoch sah das anders: Plötzlich tauchte Mondragón auf, von seinem Tor aus kam er angelaufen mit großen Schritten, nur um Petersen auf seinen letzten Metern ein bißchen Dampf unterm Hintern zu machen. Er kassierte dafür die Gelbe Karte und die Herzen der Zuschauer. Denn plötzlich war der Mut wieder da, auf den Rängen und auf dem Feld und der FC gewann tatsächlich noch 4:3. Aufgerüttelt von einem, der gar nicht einsah zu verlieren.

Faryd Mondragón wird nie das deutsche Nationalmannschaftstrikot überziehen, aber ansonsten ist er in allen Belangen ein großartiger und würdiger Nachfolger der Kölner Torwarttradition. Sportlich hat er in den vergangenen drei Jahren mit starken Leistungen zum Aufstieg und anschließendem zweimaligen Klassenerhalt verholfen. Im zerbrechlichen Kölner Mannschaftsgefüge gilt er als einer der wichtigsten Figuren und auch außerhalb der Mannschaft ist er ein Mann, dessen Wort Gewicht hat: Als Anfang der Saison jeder Windhauch von den Boulevardmedien zu einem menschheitsvernichtenden Sturm aufgeblasen wurde, hielt Mondragón ihnen eine Standpauke, die sich gewaschen hatte – mit Erfolg. Mittelfristig herrschte Ruhe.

Gestern gaben der FC und Mondragón bekannt, dass der Kolumbianer auch in der kommenden Saison zwischen den Pfosten des Vereins stehen wird. Das galt lange Zeit als unsicher, einerseits ist Mondragón mittlerweile schon 39, andererseits gab es Berichte über das Interesse zweier us-amerikanischer Vereine an den Diensten des Torwarts. Und weil spekuliert worden war, dass Mondragón hier nur um einen neuen Vertrag pokern würde, und weil er einer ist, dem das an der Ehre kratzt, lud er gestern Vertreter der Medien zum Geissbockheim um die Dinge klar zu stellen.

Und Mondragón wäre nicht Mondragón, wüßte er nicht eine solche Verkündigung zu nutzen. Als Feier seiner eigenen Bescheidenheit („Ich habe hier, verglichen mit dem was ich in der Türkei verdient habe, auf 70% meines Einkommens verzichtet“), als glaubhafte Versicherung zum Verein („Ich tauschte Geld gegen Glück und die Teilhabe an einem ambitioniertem Projekt“), um Vereinspolitik zu betreiben („Wir müssen hier noch viel ändern, innerhalb und außerhalb des Vereins, besonders aber innerhalb.“), um berechtigte Medienschelte zu tätigen („If Maniche makes Schtinkefinger, it’s more important than when we won against Bochum for example“) und um die Fanseele zu streicheln („Niemand kann mir ins Gesicht sagen, dass ich ein Söldner wäre. Ich bin und bleibe hier, weil ich die Farben des Vereins fühle, weil ich den Verein verteidige, weil ich Teil des Vereins geworden bin.“).

Und auch wenn er hier und da vielleicht über das Ziel hinausschießt („Ich mag nicht mehr gegen den Abstieg spielen, ich möchte um einen Europacup-Platz mitspielen und das Pokalfinale in Berlin spielen“) – jedes Wort ist glaubhaft. Dass Mondragón weiß, wie er sich verkaufen muss, um sich bei den Fans, den Medien und im Verein gut zu positionieren, und er das auch nutzt, ist sicher unzweifelhaft. Aber das ist ihm erlaubt. Weil seine Leistung stimmt und weil er sich, wie zu Beginn der Saison, auch der Gefahr sich unbeliebt zu machen aussetzt, wenn es ihm nötig erscheint. Weil er eine würdige Fortsetzung der Kölner Torwarttradition ist.

Danke Faryd und auf ein weiteres Jahr.

Das Orakel hat gesprochen: Weltmeisterschaft braucht nicht mehr gespielt werden!

Wer wird Weltmeister? Welche Mannschaften werden eine wichtige Rolle im Turnier spielen, welche fahren hohnbelacht und spottbeladen wieder nach Hause? Welche Spieler fallen auf, sei es durch besonders viele Tore, oder durch rüde und häßliche Fouls? Wer spielt eine tragende Rolle innerhalb der teilnehmenden Mannschaften?

Fragen über Fragen. Sie brennen auf, unter und neben unseren Nägeln, nicht nur aus sportlicher Ereiferung heraus, auch Tipprunden wollen gewonnen und Wettgewinne eingestrichen werden.

Kein Problem.

Man nehme ein Medium (also: icke jetzt), gehe zum nächstbesten Zeitschriftenhändler, kaufe das große Panini Fußballweltmeistersammelklebealbum-mit-einem-Haufen-Tütchen-Paket, packe alle Bilder aus (auch die, die im Heft sind), lege sie mit dem Bild nach unten in einer geheimen (sorry) Anordnung auf den Boden (das Heft in der Mitte) und tanze um Mitternacht um die Bilder herum. Nackt, versteht sich. Dann klebe man die Bilder ein – et voilà – DAS GROSSE FUSSBALLORAKEL hat gesprochen:

(Achtung! Wer sich die Spannung nicht verderben will, lese nicht weiter):

Fangen wir hinten an: Sang- und klanglos fahren nach Hause:
Honduras, Kamerun, Japan, Holland, Slovenien, Algerien, England, Griechenland, Frankreich, Mexiko und Südafrika. (Kein Bild)
Okay, Südafrika kann nicht Hause fahren, die sind schon da. Und okay, dass drei Mannschaften aus Gruppe A schon nach der Vorrunde nach Hause fahren können, bzw. da bleiben können, wo sie zu Hause sind, hat mich auch verwirrt, aber das Orakel hat immer recht. Vielleicht ein Dopingskandal. Don Blatter werden die Haare zu Berge stehen, sein schönes Markenprodukt.

Eine gute, aber letztendlich nicht ganz bis nach oben auf die Spitze reichende Leistung werden folgende Länder abrufen und darbieten:
Spanien, Portugal, Italien, Australien, Deutschland, USA, Nigeria, Argentinien und Uruguay. (Zwei Bilder)
Spanien! Deutschland! Italien! Argentinien! Ich höre das Zerreissen Eurer bisher gemachten Tippzettel bis hier hin, liebe Freunde des Favoritentipps. Tut mir leid, keine dieser Mannschaften wird Weltmeister.

Torschützenkönig der WM wird:
Sergio Agüero. (Erstes eingeklebtes Bild)
Ja, das ist eine kleine Sensation, nicht Lionel Messi, nicht Wayne Rooney (Wie auch, die Engländer fahren ja stante pedes wieder nach Hause), nein, El Kun wirds. Nun ja, so überraschend auch wieder nicht, Maradonas Schwiegersohn, das muss doch irgendwie abfärben.

Die erste Rote Karte:
Aberto Gilardino (Erstes doppeltes Bild)
Raus mit dem! Zack! Weg!

Fällt durch besonders häßliches Spiel auf:
Edison Cavani (Schief eingeklebt)
Nun gut, ein Urugayo. Da liefert uns das Orakel doch endlich mal ein verläßliches und zu erwartendes Ergebnis.

Herausragende deutsche Spieler:
Per Mertesacker und Emblem.
Ich bin entzückt, dass ein Spieler, den bislang niemand auf der Rechnung hat und der offenbar von Jogi Löw erst in letzter Sekunde aus dem Hut gezaubert wird, so positiv auffallen wird. Ich hoffe, der effzeh hat schon ein Vorkaufsrecht auf Emblem. Ich würds Michael Meier, diesem gewieften Fuchs, ja zutrauen.

Und nun, Trommelwirbel, eine dieser drei Mannschaften wird Weltmeister:
Brasilien, Neuseeland, Ghana (Drei Bilder)
Ja, ich bin auch verwirrt. Drei Weltmeister? Kann das denn sein? Lange hab ich gegrübelt, hin und her überlegt, die Historie gewälzt. Aber ich hab des Rätsels Lösung gefunden: Das Orakel ist ebenfalls ein gerissener Fuchs und verrät den Weltmeister erst im nächsten Tütchen.

Ich halte Euch auf dem laufenden. Hoffentlich wird es nicht Brasilien.

BREAKING NEWS! BREAKING NEWS! BREAKING NEWS!

Zwei weitere Neuseeländer! Zwei! Ein eindeutiges Zeichen! NEUSEELAND WIRD WELTMEISTER!

Och. Naja. Hm. FC Home Trikot 2010/2011

[Fashion-Content. Kannst wieder wegkieken.]

Nur der Vollständigkeit halber, denn das Trikot ist so wie es hier zu sehen ist, heute auch im Express zu sehen: Das neue Home-Trikot des FC.

Hübscher und ansehenswerter als das aktuelle, Barcode-Trikot. Aber sagen wir es, wie es ist: Ein wenig langweilig ist es. Aber schlicht kann ja auch ganz schick sein, warten wir also ab, wie es am Leibe der gottgleichen Geissbockkicker aussieht.
Allerdings: Mal wieder in Weiß zu Hause wär ja auch was, vielleicht verschwände dann auch die katastrophale Heimbilanz im Orkus des Vergessens. Und was diese schwarzen Nähte, im Fußballtrikotdeutsch auch Applikationen genannt, sollen, mag allein der liebe Fußballgott wissen.

Aber allemal besser als die schwarz-weißen Auswärtstrikots.

Haken setzen und Weichen stellen

Erstmal:
Haken setzen. Mein persönliches Saisonziel für den 1. FC Köln ist erreicht:
Klassenerhalt. Check.
Das ist großartige, geile Scheisse. Zwei Jahre die Liga gehalten, es geht ins dritte Jahr. Das letzte Mal gab es so etwas am Ende der Saison 96/97, das ist gefühlte zigtrillionen Jahre her. Der Fahrstuhl ist das erste Mal seit dem ersten Abstieg 97/98 verlassen. Vorerst jedenfalls.
Ich weiß noch nicht, ob ich zur nächsten Saison die im Nacken sitzende, ewige Abstiegsangst loswerden kann. Zu sehr bin ich dran gewöhnt, die vorsaisonalen Gedanken mit dem Mantra „Wenn nicht alles perfekt läuft, wird es nichts und dann kommt es knüppeldicke“ abzuschließen – ob es nun um Nichtabstieg oder um Aufstieg ging. Zwölf Jahre Konfrontation mit dieser sportlich existentiellen Bedrohung sind eine lange Zeit. Was sich nicht zuletzt daran zeigt, daß ich mich eigentlich noch nicht recht traue, diesen Haken wirklich zu machen, rein rechnerisch ist der Abstieg noch möglich. Aber ich bin mal mutig und machs trotzdem, bei neun Punkten und zwanzig Toren Vorsprung.

Damit wäre dann mein Saisonziel erreicht. Die Saisonziele Zvonimir Soldos lasen sich ein bißchen anders: Mehr Punkte als im Vorjahr, also mindestens 40, „zu Hause eine Macht werden“ solle der FC und insgesamt attraktiverer Fußball gespielt werden.
Das erste Ziel kann immer noch erreicht werden, dazu fehlt noch ein Sieg oder drei Unentschieden aus den letzten drei Partien.
Eine Heimmacht hingegen ist der FC wirklich nicht. Der Sieg gegen Bochum am vergangenen Wochenende war erst der dritte dieser Saison aufheimatlichen Grund. Sollte im letzten Heimspiel gegen Freiburg gewonnen werden, so wäre wenigstens die letztjährige, ebenfalls schlechte Heimsiegquote egalisiert. Eine Macht sieht anders aus.

Das liegt vor allem am verkrampften und nur selten funktionierenden Offensivspiel. Und abgesehen von der starken Konzentration auf die defensive Ordnung, die ich hier schon des öfteren besprochen habe, liegt der Grund dafür wohl auch am Personal. Die dafür vorgesehenen Protagonisten Maniche, Novakovic, Podolski sowie ab der Winterpause Tosic harmonieren nicht in einem Maße miteinander, wie es nötig wäre, um ein Abwehrbollwerk hin und wieder auch mal gefährlich werden zu lassen. Das kleinste Problem – und das nicht nur körperlich gesehen – ist dabei Zoran Tosic. Zwar hat er in seinen ersten Spielen für den FC einen zu egoistischen Eindruck hinterlassen, um dem lahmenden Kombinationsfußball auf die Sprünge helfen zu können, doch spätestens seit den beiden Toren gegen Bochum ist klar, dass der Serbe mit andauernder Mannschaftszugehörigkeit auch für das Zusammenspiel ein Gewinn ist.

Den beiden Stürmern Podolski und Novakovic kann man nur bedingt einen Vorwurf machen. „Tore zählen“ zum Beispiel, wie es insbesondere im Fall Podolski gerne und genüsslich getan wird, ist wenig sinnvoll, wenn der FC die Mannschaft der Liga mit den geringsten Torchancen ist. Wenn die gesamte Mannschaft nicht in der Lage ist, gefährliche Situationen zu kreieren, haben die Stürmer kaum die Möglichkeit ihre Positionen in der Torjägertabelle zu verbessern. Hinzu kommt, dass Podolski aufgrund des kränkelnden Mittelfeldspiels und seinen Stärken als eher zurückhängende Spitze überall zu finden ist, aber nicht in der Nähe des Tores. Sein unbestreitbarer Wille, unbedingt helfen zu wollen, ist da vielleicht manchmal eher hinderlich, jedenfalls ganz sicher nicht zu eigennützig. Und seine ebenso unbestreitbaren Fähigkeiten im Umgang mit dem Ball werden in der Tat auch im Mittelfeld gebraucht.
Etwas anders ist liegt der Fall bei Millivoje Novakovic, in den letzten beiden Spielzeiten mit insgesamt 36 Toren Vollstrecker Nummer Eins. Durch seine Position in der Sturmspitze in der Regel weit weg vom Spielgeschehen, hat Novakovic wenig Bindung zum Spiel und das Zusammenspiel mit Podolski ist nicht nennenswert. Ein Umstand, den man durchaus der Trainingsarbeit und Taktik Soldos anrechnen kann, aber nicht muß: Zu oft wirkte der Slowene, als wäre ihm sein persönlicher Erfolg wichtiger als das Funktionieren des Mannschaftsgefüges auf und neben dem Platz.

Eine Interpretation, die sicher auch auf das Verhalten des vierten im Bunde, Maniche, zutreffen kann. Vergessen wir Lamborghinis und Stinkefinger gegen Bildzeitungs-„Journalisten“: Gemessen an eigenem Anspruch und Auftreten drückt er dem Kölner Spiel zu selten einen Stempel auf, ist zu häufig Mitläufer, zwar selten faul, dafür aber nicht oft genug in der Lage, entscheidendes auf dem Feld zu bewegen. Nur eine Torvorlage steht bislang zu Buche, das ist bei seiner Klasse zu wenig. Die erhoffte Rolle der Schaltzentrale füllt er jedenfalls nicht aus.

Nehmen wir also einmal an, der Abstieg ist in der Tat verhindert und tasten uns vorsichtig heran an die nächste Aufgabe, die der Verein erfüllen muss: Der Kader der nächsten Saison.
Sicher scheinen drei Dinge zu sein:
a) Pierre Womé verläßt den Verein, es muß wohl für Ersatz hinten links gesorgt werden.
b) Die im Raum stehenden fünf Millionen Ablöse für Zoran Tosic kann der FC unter keinen Umständen zahlen.
c) Überhaupt ist nicht mit teuren Transfers zu rechnen, ansonsten würde Wolfgang „Ich lauf Euch noch einen Kracher“ Overath kaum wieder und wieder betonen, dass in unmittelbarer Zukunft verstärkt auf die eigene Jugend gesetzt werden soll. Der Verdacht liegt nahe, dass die gemunkelten 2,5 Millionen Ablöse für den frühzeitig getätigten Transfer des rumänischen Stürmers Ionita von den Einnahmen des Halbfinales im DFB Pokal bezahlt werden sollten. Dumm nur, dass der FC Augsburg und Schiedsrichter Kinnhöfer andere Pläne hatten.

Die Jugend soll es also richten. Und da gibt es einige: Adam Matuschyk zum Beispiel, der schon gezeigt hat, dass er mal ein wichtiger Spieler werden kann. Im defensiven Mittelfeld und in der Abwehr Reinhold Yabo und Bienvenue Basala-Mazana. Der bis zur neuen Saison wieder genesene und hoffentlich an seine guten Leistungen anknüpfende Adil Chihi.
Alles schön und gut, die Probleme sind nur zweierlei: Abgesehen von Chihi handelt es sich eher um defensive Spieler und, vor allem, muss bezweifelt werden, dass einer dieser Jungspunde genug Standing haben kann, um den alten Herren die Stirn zu bieten, spielerisch wie menschlich.

Wenn also kein neuer Platzhirsch hinzukommen kann, wird man, so paradox das klingen mag, einen der alten loswerden müssen, um aus dem offensiven Einzelgängertum ein kollektives Zusammenspiel werden zu lassen. Da Tosic sowieso gehen wird (es sei denn, er kann weiter ausgeliehen werden, was aber bezweifelt werden darf), Podolski ganz sicher nicht verkauft werden soll und Maniche erst zu Beginn der Saison kam und vermutlich nicht allzuviele Interessenten haben dürfte, müsste dann wohl die Wahl des Abschieds auf Novakovic fallen. Was schade wäre, hat Novagoal uns in der Vergangenheit doch viel Vergnügen bereitet. In dieser Saison allerdings hat er viel dafür getan, dass sein Abgang verschmerzenswert wäre.

Hallo B.Z.,

also nun, ich will ja nicht korinthenkackender als notwendig erscheinen, aber irgendwie kommen wir in diesem Fall nicht zusammen: Ihr und ich und die deutsche Sprache.

Zum Fall des als mögliche neue Torwartverpflichtung beim 1. FC Union Berlin gehandelten BVB-Mannes Marcel Höttecke titelt Ihr „Jan Glinker stichelt gegen Höttecke„. Ah, Krawall und Remmidemmi zwischen den beiden potentiellen Konkurrenten um den Platz des Torwartes bei Union, jetzt schon, obwohl noch gar nichts bestätigt ist und alles bloßes Gerücht.

Im Text fliegen sie uns dann nur so um die Ohren, die Sticheleien: „Direkt mit mir gesprochen hat niemand. Aber es war mir klar, dass jemand kommt, der mir Druck machen soll. Jetzt kommt ein junger Torhüter, der heiß ist. Das ist okay.

Also, äh. Ich mein, okay: In der Überschrift mal ein bißchen auf den Putz hauen, sowieso. Als Boulevardzeitung erst recht. Aber, äh. Bin ich bei irgendeiner Sprachreform falsch abgebogen oder ist das, was Jan Glinker da von sich gibt, nicht das ziemlich genaue Gegenteil einer Stichelei?

Verwirrt,
icke.

Das Eichhörnchen und die Mühseligkeit.

Mühsam schleppt sich das Eichhörnchen gen Ziellinie. In diesem Falle ist das Eichhörnchen Rot-Weiß gewandet, kommt aus Berlin und hört auf den Namen Union. Ein eisernes Eichhörnchen, quasi. Und eisern muß es auch sein.

Nach dem Traumstart in die Zweitligasaison, dank dem Wind der Euphorie durch Aufstieg und Stadionbau unter den Fittichen, sah alles wunderbar aus, kühne Zeitgenossen träumten gar von einem Durchmarsch. Doch aus dem Flughörnchen wurde ein Erdhörnchen, das gar nicht mehr recht weiß, wie es ist, wenn es sich triumphierend vom Boden erhebt: Zwei Siege aus den letzten neunzehn Spielen, eine gerade zu desaströse Bilanz, vorletzter Platz in der Rückrundentabelle, nur Rostock ist schlechter. Und hätte es diesen Traumstart nicht gegeben, wäre die Abstiegsgefahr wohl nicht nur weiterhin latent vorhanden, sondern höchst akut oder gar schon zu einer Gewissheit geworden.

Sechs Punkte beträgt der Abstand noch zum gefährlichen 16. Platz, blickt man auf das Torverhältnis, kann man fast von sieben sprechen. Das klingt angstmachend nahe, und das Restprogramm sorgt nicht für Ruhe: St. Pauli, Bielefeld, 1860. Dazu noch Cottbus, auch keine Kleinigkeit. Hoffnung alleine macht die Vielzahl der Mannschaften, die sich um einen Klassenwechsel nach unten bewerben: Ahlen kann es wohl kaum noch schaffen, sich zu retten, bleiben sechs Mannschaften, die (noch) schlechter dastehen als Union, und als Puffer zwischen unserem tapferen Eichhörnchen und den beiden noch freien abstiegsrelevanten Tabellenplätzen dienen.

Die Gründe für den Absturz sind schwierig zu benennen: Den notwendigen Umbruch innerhalb der Mannschaft schon in der Winterpause, damals noch auf einem komfortablen siebten Rang gelegen, zu vollziehen, erschien logisch. Offenbar scheint damit jedoch die Hierarchie in der Mannschaft und / oder die Ordnung auf dem Platz dermaßen nachhaltig gestört worden zu sein, daß nur noch wenig funktioniert. Die Sturmmisere – nur neun Treffer in der Rückrunde – ist sicher ebenfalls ein Grund. Daß keiner der Stürmer Unions zur Zeit einen Lauf oder irgendwas, was entfernt daran erinnern könnte, hat, ist bekannt, aber wohl nicht die einzige Ursache für die fehlenden Tore. Zu selten ist das Offensivspiel so zwingend, daß die gehemmten Stürmer ihrer Blockade Herr werden könnten. Die verletzungsbedingten Ausfälle von Björn Brunnemann und vor allem Michael Parensen, zuletzt so etwas wie das Herz der Mannschaft, mögen ihren Teil dazu beitragen.

So gilt es zu hoffen, daß das Eichhörnchen noch die eine oder andere Nuss knackt und genug Punkte sammelt, um am Ende über dem Strich zu stehen. Daß das gehen kann hat die Mannschaft am Samstag beim Unentschieden gegen den unangefochtenen Tabellenführer Kaiserslautern gezeigt. Und natürlich gilt es zu hoffen, daß mindestens zwei der sechs Mannschaften hinter Union darauf verzichten, plötzlich durchzustarten. Der größte Trumpf im Abstiegskampf jedoch dürfte die treue Anhängerschaft sein, die wohl mal murrt, wenn wieder eine aussichtsreiche Situation vergeben wurde, ansonsten aber, fern jeglicher überzogenen Anspruchshaltung, das ihrige tut, um die Mannschaft beim emsigen Suchen und Sammeln der lebenswichtigen Pünktchen zu unterstützen.

Infografikmassaker: Alle deutschen Europacup Siege & Finalteilnahmen

Manchmal geht das so: Sitzen zwei Fußballfachidioten Fußballsachverständige Fußballsachverstandskoryphäen während eines Champions League Viertelfinales am Tresen am Bildschrim und twittern darüber, wie oft es denn wohl schon vorgekommen sei, daß zwei deutsche Mannschaften im gleichen Jahr zwei europäische Wettbewerbe gewonnen hätten. Ohne auch nur überlegen zu müssen, fällt dem Einen sofort 1997 ein – kein Wunder, er stammt aus dem Ruhrgebiet. Bevor sie noch weitere Überlegungen anstellen können, fordert das Spiel wieder ihre Aufmerksamkeit und der letzte Gedanke zum Thema ist ein Stoßseufzer, es käme doch schnell eine schicke Infografik herbei.

Kein Problem, liebe Leute, the unholy Infografikenmasssakerlehrling strikes back.

Tada – alle deutschen Europacupsieger und, als Zugabe, Finalteilnehmer, im Überblick. Diesmal mit Beschriftung, dafür aber ohne bunte Kreise.

Und was lernen wir daraus?
Die direkte Antwort auf die ursprüngliche Frage lautet: Drei Mal, jedenfalls, wenn wir die ostdeutschen Vereine mit hinzunehmen, nämlich 1974, 1975 und eben 1997.
In weiteren sechs Saisons bestand die Chance dazu, aber mindestens ein deutscher Einspielteilnehmer hatte zwar eine Hand an der jeweiligen Trophäe, musste diese aber nach Abpfiff wieder wegnehmen. Drei Mal betraf das sogar beide Titelaspiranten (Wenn wir diesbezüglich mal den Sonderfall 79/80 weglassen, in dem zwar mit dem HSV und Mönchengladbach zwei deutsche Mannschaften als Verlierer vom Platz gingen, aber der Gegner der Borussia eine ebenfalls deutscher Verein, nämlich Eintracht Frankfurt, war).
Und außerdem: Die letztjährige Finalteilnahme Werder Bremens beendete eine sechsjährige Endspielabstinenz deutscher Vereine, die längste Durststrecke, die der deutsche Vereinsfußball auf europäischer Ebene jemals durchmachen musste.
Und nicht zuletzt: Auch ohne Sinn und Verstand macht es Spaß. Aber irgendwie braucht es mehr bunte Kreise.

Einfach mal die Fresse halten.

All das hier ist schon an anderer Stelle gesagt worden, aber ich kann die ewige Leier nicht mehr lesen, deswegen auch an dieser Stelle noch einmal:

Wer sich dieser Tage als bezahlter Journalist, von Leidenschaft getriebener Forenschreiber oder Twitterer oder zahlender Kunde Zuschauer über die miserable Heimbilanz (und, damit einhergehend, die schlechte fußballerische Qualität in den Heimspielen) des 1. FC Köln echauffiert und als Fehlerquelle den „stillen“ Herrn Soldo und dessen „fehlende Motivationsfähigkeit“ und sein „mangelndes Temperament“ ausmacht, möge in Zukunft bitte über das Balzverhalten von Kakteen und ähnlich anspruchsvolle Themen nachdenken und schreiben.

Noch mal langsam und zum mitschreiben:
Heimbilanz Saison 08/09 unter Seitenlinienzappelphilipp Daum, 29. Spieltag:
Platz 17 – 13 Punkte in 14 Spielen – 3S 4U 7N – 11 FC Tore – Torbilanz: -11
Heimbilanz Saison 09/10 unter dem emotionslosen Soldo, 29. Spieltag:
Platz 16 – 11 Punkte in 15 Spielen – 2S 5U 8N – 14 FC Tore – Torbilanz: -13

Auswärtsbilanz Saison 08/09 unter Seitenlinienzappelphilipp Daum, 29. Spieltag:
Platz 7 – 19 Punkte in 15 Spielen – 6S 1U 8N – 20 FC Tore – Torbilanz: -3
Auswärtsbilanz Saison 09/10 unter dem emotionslosen Soldo, 29. Spieltag:
Platz 6 – 20 Punkte in 14 Spielen – 5S 5U 4N – 13 FC Tore – Torbilanz: +2

Wer hier keine saisonübergreifende, trainerunabhängige Tendenz erkennt, ist entweder blind oder doof.

Manchmal muß man es deutlich sagen.

Die anderen Stellen sind hier zu finden: Bei Andre vom Spielfeldrand und bei Stefan von der Welt aus der Sicht der Südtribüne (vor allem in den Kommentaren).