Geschichte wird gemacht: Die Causa Finke

Es ist immer die Frage, wie eine Geschichte erzählt werden soll. Was erzählt werden soll und was nicht. Und nicht zuletzt, was der Leser aus den Worten für eine Geschichte herausliest, auch er agiert als Autor.

Die Geschichte rund um den Rücktritt Frank Schaefers als Cheftrainer des 1. FC Köln ist klar und eindeutig, glaubt man den Zeitungen und einem nicht geringen Teil der Fans in Foren und Blogs. Der aufrichtige Herr Schaefer, durch Indiskretionen und Intrigen aus dem Amt gemobbt von Sportdirektor Finke, der es schlußendlich erfolgreich schafft, Schaefer aus dem Amt zu vertreiben und es selbst zu übernehmen, weil er es nicht lassen kann, Trainer zu sein, weil er zu machthungrig ist, um jemanden neben sich zu dulden.

Eine einfache Geschichte, so könnte man glauben. In ihrer scheinbaren Einzigartigkeit aufsehenserregend und „typisch Köln“, aber eben: Einfach.

Spätestens der zweite flüchtige Blick macht die ganze Geschichte allerdings weniger eindeutig und nährt Zweifel daran, ob diese Geschichte so richtig erzählt ist.

Die Geschichte beginnt, jedenfalls für den außenstehenden Beobachter, Mitte März. Genau genommen am 18. März, da nämlich erscheint im Kölner Stadtanzeiger ein Interview mit FC Geschäftsführer Claus Horstmann. In den zurückliegenden wilden Zeiten mit Meier, Overath und Daum gilt Horstmann bei Presse und Fans als der Gute, der weder Intrigen spinnt, noch ohne Weitsicht agierend einzig am kurzfristigen Erfolg interessiert ist. Ein Ruf, der sich spätestens am 18.03. erledigt hat. In jenem Interview nämlich erzählt Horstmann, Schaefer habe „hier in den vergangenen Monaten wirklich eine Visitenkarte abgegeben und mehr geleistet, als man erwarten konnte“, ein Gespräch darüber aber, ob Schaefer über die Saison Cheftrainer bleiben werde, werde erst nach Klassenerhalt geführt. So sei es verabredet, so ist es – dies steht nicht im Interview, wurde allerdings vom Trainer bis dahin schon mehrfach in anderen Interviews erwähnt – von Schaefer selbst gewünscht. Kein aufsehenserregendes Interview also, es wird wiederholt, was alle wissen. Geführt wurde es übrigens von Karlheinz Wagner.

Was allerdings nicht in diesem Interview steht, erfährt der Leser in der Überschrift: „Kein Bekenntnis zu Schaefer“ heißt sie. Und damit der Leser mit dieser Überschrift nicht so alleine dasteht, werden ihm noch gleich zwei Artikel an die Seite gestellt, denen er entnehmen kann, „ohne Not hat der 1. FC Köln zum Spekulieren aufgerufen“ durch das „bizarre Spiel der FC Führung“. Ein Kriegsschauplatz wird eröffnet.

Doch das Thema beruhigt sich wieder. Grund dafür ist vor allem eine historische Heimsieg Serie, sieben Siege zu Hause in Serie, vom 16. bis zum 28. Spieltag ist der FC auf heimatlichem Grund unschlagbar. Dieser Heimserie steht allerdings die Auswärtsserie gegenüber: Im gleichen Zeitraum gewinnt der FC in der Fremde kein Spiel, gewinnt 2 glückliche Punkte von 21 möglichen bei 5 zu 21 Toren (die später folgende Niederlage in Wolfsburg nicht miteinberechnet). Trotzdem wachsen Schaefers Sympathiewerte in den Himmel, es braucht nicht viel um zu erkennen, dass die ganze Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte, wären die Siege in der Fremde und die Niederlagen vor heimischen Publikum geschehen.

Vorbei mit der Ruhe ist es spätestens einen Monat nach jenem Horstmann Interview. Die Bild Köln, es wird gemunkelt, sie sei Präsident Overaths bevorzugter Kommunikationskanal, berichtet am 11. April plötzlich vom Zögern des Volkshelden bezüglich eines neuen Vertrages. Grund sei dessen sensible Art und die Belastung, die das Fulltime- und Showgeschäft Bundesliga mit sich bringe.

Und in der Tat: In seiner Zeit als Cheftrainer fällt Schaefer positiv auf. Weil er anscheinend das Wort Show sehr klein schreibt. Weil in seinen punktgenauen Analysen deutlich wird, wie sehr er Fußball lebt und denkt. Weil er sich selbst nie in den Vordergrund stellt, sondern immer nur den Klub. Und weil er vom ersten Tag an offen sagt, dass er nicht weiß, ob dieses Geschäft das richige für ihn sei und sich eine Rückkehr zu der U23 sehr gut vorstellen könne. Aufrichtigkeit und Unaufgeregtheit sowie eine hohe Fachkompetenz sind von Anfang an die medialen Zuschreibungen.

Am nächsten Tag erscheint in der Bild ein weiterer Artikel, in dem der späte Entscheidungspunkt erstmals als problematisch dargestellt wird. Mittlerweile hat der FC der 2:6 Klatsche beim HSV ein 1:5 Debakel beim niederrheinischen Nachbarn folgen lassen und spätestens jetzt ist allen klar, dass die Entscheidung über den Klassenerhalt nicht allzu bald fallen wird.

Einen weiteren Tag darauf, auch in der Bild: Auftritt Finke. Ab hier wird es schwierig, die Vorgänge so objektiv wie möglich zu beschreiben, da alles weitere der Interpretation des lesenden Autoren unterworfen ist. So vorsichtig formuliert wie möglich: In einem Interview mit der Kölner Ausgabe der Zeitung mit den vier großen Buchstaben erklärt Finke, warum es Schaefer offenbar schwer falle, sich stante pedes für den Cheftrainerjob in der Bundesliga zu entscheiden, sondern nicht nur bis zum Klassenerhalt mit einer Entscheidung warten wolle, sondern über den glücklichen Tag des Ligaverbleibs hinaus eine weitere Bedenkzeit brauche: Dies liege nicht begründet in branchenüblicher „Alters- und Planungskarriere“, sondern in der „privaten, grundsätzlichen Lebenseinstellung“ Schaefers, in der dessen religiöser Glaube ja eine große Rolle spiele.

Auf den ersten Blick läßt dieses Interview zwei miteinander konkurrierende Interpretationen zu. Die Finke-freundliche liest sich so: Der Sportdirektor versucht Dampf aus dem sich zunehmend erhitzenden Kessel der Vertragsverlängerungsfrage zu nehmen, in dem er die besonderen Entscheidungsumstände Schaefers erläutert. Warum zögert der von den Massen geliebte und sportlich trotz der bodenlos schlechten Auswärtsbilanz durchaus erfolgreiche Trainer so lange damit, seinem Verein Planungssicherheit zu verschaffen? Einen dementsprechenden Vertrag hat er offenbar seit einem halbem Jahr vorliegen. Es liegt, so kann man das Finke Interview durchaus lesen, an der Kehrseite der Aufrichtigkeit und Authentizität Schaefers, die eben für die branchenübliche Gier nach Geld, Ruhm und Macht keinen Platz lasse in den Prioritäten Schaefers, sondern stattdessen Hand in Hand mit religiös motivierter Demut gehe.

Dies ist, wie gesagt, eine mögliche Interpretation und sie interpretiert Finkes Worte zu Gunsten des Sportdirektors. In der weiteren medialen Begleitung kommt sie nicht vor.

Stattdessen erscheint noch am selben Tag im Kölner Stadtanzeiger ein Kommentar Karlheinz Wagners, der Finkes Argumentation „äußerst bizarr“ nennt. „Die mehrfache und explizite Betonung dieses hochprivaten Details aus Schaefers Vita in diesem Kontext klang wie die vorweggenommene Begründung für das bevorstehendes Ende der Zusammenarbeit.“ – der Mythos vom Trainerstuhlsägenden Finke ist geboren. Ein Tag später stellt auch Stephan von Nocks im Kicker (Print) die Frage, ob die Thematisierung von Schaefers Glauben durch Finke richtig war und fragt ob der Trainer dadurch nicht in die „Schublade des Predigers“ gesteckt würde, die ihm die Glaubwürdigkeit nehme. Darüber hinaus mische sich, und es entsteht ein weiterer Baustein im Bild des Schurken Finke, der Sportdirektor in das Training ein, so rufe er schon mal Anweisungen von seinem Beobachterposten an den Bande ins Feld. Bei einer Videoanalyse habe er das Wort ergriffen.

Dinge, die Trainer Schaefer nicht stören, glaubt man seinen öffentlichen Aussagen. „Frank Schaefer ist tief enttäuscht“ lautet zwar die Überschrift eines Interviews des Kölner Stadtanzeigers mit dem Trainer am 16.04., und aufgrund der Unterüberschrift scheint sich die Aussage der tiefen Enttäuschung auch auf Finke und dessen Äußerungen zu beziehen, im Interview selbst liest sich das allerdings anders: „Volker Finke hat versucht, die Beweggründe besser einzuordnen. Aber es herrscht eine Diskrepanz zwischen seinem Antrieb und den Dingen, die später daraus gemacht wurden.“ Über Finkes Einmischungen sagt er: „Aus Trainersicht ist es immer wichtig, sich auszutauschen. Es passiert immer, dass Ansprachen von anderen gehalten werden. Man verbrennt sonst, wenn man fünf-, sechsmal die Woche zur Mannschaft redet.“ und zum allgemeinen Verhältnis zwischen Sportdirektor und Trainer: „Wir haben ein intensives, vertrauensvolles und ehrliches Verhältnis und sprechen über alles.“
Die tiefe, titelgebende Enttäuschung hingegen rührt aus der Tatsache, dass immer wieder, wie schon seit Jahren Interna die Kabine verlassen und sofort beim nächstbesten Journalisten landen.

Es wird allerdings bei fortschreitender Geschichte Schaefers Worten immer weniger Glauben geschenkt. Schaefer will, so hat er in der Tat immer wieder betont, bei einer potentiellen Demission vom Cheftrainerstuhl gerne weiter als U23 Trainer arbeiten, und würde dies natürlich auch unter Sportdirektor Finke tun, dem er also tunlichst nicht gegen das Schienbein treten solle und wolle. Die Diskrepanz zwischen der ehrlichen und aufrichtigen Authentizität Schaefers, die eine Beschäftigung im Haifischbecken Bundesliga mit all seinen Lügen und Intrigen unmöglich macht einerseits und der angeblichen Bereitschaft Schaefers wieder und wieder unverfroren zu lügen, wenn es um das Verhältnis zu Finke und um die Motive für seinen Rückzug geht, nur um seinen Job bei der U23 zu retten andererseits – diese Diskrepanz findet in der weiteren Geschichte keine Verwendung, sie wird stillschweigend hingenommen und nicht weiter thematisiert, da die stattdessen erzählte Geschichte von Finkes Mobbing ansonsten nicht stimmig ist. Nur wenn Schaefers wiederholte und expliziten Äußerungen über das Verhältnis zu Finke Lügen sind, um seinen vergangenen und zukünftigen Job zu sichern, kann sie funktionieren. Nur wenn diese Lügen nicht beleuchtet werden, kann Schaefer weiter der Gute sein.

Dass sich Finkes Eingreifen in die Videoanalyse später als ein Fall entpuppt, in dem ein älterer Spieler Schaefers Ausführungen über einen ihm vom Trainer vorgeführten Fehler im Spiel ignoriert und von Finke aufgefordert werden muss, dem Trainer Ohr und Aufmerksamkeit zu schenken, fällt vollkommen unter den Tisch. Es wirft ein schlechtes Licht auf die Mannschaft und auf die Beschaffenheit von Schaefers Autorität, aber keines auf Finke. Offenbar ein unbrauchbarer Teil der Geschichte.

Fortan jedenfalls werden die Vorgänge unter dem Begriff „Demontage“ zusammengefasst. „Finkes Nadelstiche“ haben den Trainer „zermürbt“, dessen unüblicher Wunsch, nach gelungenem Klassenerhalt eine Auszeit zu nehmen, um darüber nachzudenken, ob er dem FC weiter als Cheftrainer zur Verfügung stehen möchte, hingegen keine Rolle mehr spielt. Als Schaefer schließlich nach der Heimniederlage gegen Stuttgart vorzeitig verkündet, seinen Vertrag nicht verlängern zu wollen, sondern ins zweite Glied zurück zu wollen, ist für Presse und weite Teile der Fans der Schuldige gefunden, bevor untersucht werden kann, ob es überhaupt eine Schuld gibt: Finke.

Dabei wird gerade seitens der Fans gerne außer Acht gelassen, warum Volker Finke überhaupt beim Verein ist und was seine Aufgabe dabei ist: Er ist kein fußballahnungsloser Manager wie Meier, seine Aufgabe ist es, dem Verein eine sportliche Linie, ein Konzept zu geben und dieses durchzusetzen. Diese in den Herbststürmen, als die Mitglieder dem Vorstand nach Jahren der kurzfristig gedachten Stümperei die Entlastung verweigerten, immer wieder vehement geforderte Besetzung einer Leerstelle in der grundsätzlichen Struktur des Klubs spielt in den festzementierten Interpretationsangeboten der Medien und den Interpretationsannahmen der Fans keine Rolle mehr. Finke sei daran interessiert, dass auf dem Trainerstuhl jemand sitze, der ihm kein Kontra in der sportlichen Ausrichtung gebe. Dies ist als Vorwurf gemeint, was absurder kaum sein kann – ein Sportdirektor, der dieses Ziel nicht verfolgt, ist sein Geld nicht wert.

Spätestens seit Schaefers endgültigem und sofortigem Rücktritt am gestrigen Mittwoch ist Finke reif für den vollständigen Beschuß. Dass er den Trainerposten für die kommenden drei Spiele übernommen hat, werfen ihm zwar selbst seine schärfsten Kritiker nicht vor, wenn auch nur zähneknirschend, da es in der Tat die sinnvollste Vorgehensweise zu sein scheint. Dafür aber öffnen Karlheinz Wagner via Kölner Stadtanzeiger bzw. Frankfurter Rundschau und Stephan von Nocks via Kicker (Print) aber die Schatulle des Vertraulichen. „Vertraulich“, so Wagner, habe Finke Zweifel an Schaefers Arbeit geäußert, Zweifel, die die Mobbing-These stützen ebenso wie das äußern dieser gegenüber Journalisten. Allerdings darf man fragen, wie weit vertrauliche Äußerungen öffentliches Mobbing sind. Und ob dieser Vorgang, dass nämlich in informellen und vertraulichen Gesprächen Informationen an Journalisten fließen, die da nicht unbedingt hingehören alltäglich ist. Und ob der Vorgang, dass diese vertraulichen Informationen dann in der Zeitung landen, nicht ziemlich ungewöhnlich ist.
Stephan von Nocks hingegen beendet seinen Artikel über die Interna am Geißbockheim mit dem Zitat des Skykommentators vom vergangenen Sonntag beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg, welcher für große Heiterkeit in der FC-Kneipe, in der ich weilte, sorgte: „Erst seit Volker Finke im Klub ist, ist die Unruhe wieder zurück. Das ist Fakt“ – Lieber Skykommentator, lieber Herr von Nocks, ich glaube, eine Trainerentlassung, eine Managerentlassung sowie eine Nichtentlastung des Vorstandes vor Finkes Engagement sowie fünf der sieben Heimsiege nach Finkes Eintreffen stützen diese abenteuerliche These der Oase der Ruhe, in die Finke seit dem ersten Tage Unruhe brachte, nicht.

Manch einer mag mir diesen Artikel als Verteidigung Finkes auslegen, und auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Verpflichtung Finkes als Sportdirektor nach wie vor positiv sehe, er ist so nicht gemeint. Ich weiß nicht, welche Dinge intern besprochen werden, im Gegensatz zu den erwähnten Journalisten habe ich keine Standleitung zu Spielern oder Trainern und werde auch nicht von Volker Finke angerufen, wenn er etwas klären möchte.

Ich lese allerdings eine Geschichte, die auf Biegen und Brechen stimmig gemacht wird und die auf recht einfache Art und Weise Schwarz-Weiß malt.
Ich halte es durchaus für möglich, dass Finke in seiner Funktion als Sportdirektor zu dem Schluß gekommen ist, dass Schaefer – im Gegensatz zu meinem Eindruck des Trainers – nicht der richtige ist, um die Mannschaft auch über den Sommer hinaus zu führen. Wenn dem so war, so gehört es natürlich zu seinen Aufgaben, dem entgegen zu steuern, wenn auch nicht öffentlich, aber durchaus gegen den potentiellen Widerstand aus der Anhängerschaft oder der Presse. Andererseits kann ich mir genauso gut vorstellen, dass Teile der Kölner Presse frühzeitig festgestellt haben, dass Volker Finke schwieriger zu nehmen ist, als sie es gewohnt sind. Der blindwütige Eifer jedenfalls, mit dem sie agiert, macht solche Gedanken greifbar.

Aber: Ich weiß weder das eine noch das andere und ich lese und höre wenig, was mich überzeugt, die eine oder die andere Geschichte vorbehaltlos zu glauben. Und Geschichten sind es allemal.

That’s The Way, Aha, Aha, We Like It

Die erste gute Nachricht des Tages in diesen, wieder einmal völlig unnötigerweise unruhigen Zeiten kommt mit dem Geißbockecho ins Haus, bzw. Stadion geflattert. Nach der Aufregung um das diesjährige Auswärtstrikot versprachen der Verein und Ausrüster Reebok Besserung für die kommende Saison – und es sieht aus, als würden sie Wort halten. Auf einer zweiseitigen Anzeige in der aktuellen Ausgabe des Stadionheftes zum heutigen Spiel gegen den Verein für Bewegungsspiele Stuttgart 1893 e. V. offenbart die Adidas-Tochterfirma, dass der FC in der kommenden Saison so auflaufen wird, wie es sich die meisten FC Fans wünschen: Zuhause weiß, auswärts rot. So und nicht anders. Bitte, danke.


foto: @larswittenberg

Dann müßte jetzt bitte nur noch die zweite gute Nachricht des Tages eintreffen. So gegen 17:15 Uhr.

Seht Ihr, Ultras, so wird das gemacht

Choreos, wie es im Fachjargon heißt, sind ja eine hübsche Sache. Nicht meine, aber hübsch, durchaus. Der damit einhergehende Wettbewerb um die schönste, größte, tollste, hastenichgesehen Choreo, ist auch nicht meiner, aber ich kann zumindestens nachvollziehen, wie und wo das ins Spiel kommt, das das eigentliche Spiel am Rande begleitet.

In Sachen größer jedenfalls gibt es seit der gestrigen Nacht eine neue Messlatte. Die Fans des CA Peñarol aus Montevideo, Uruguay haben sie gelegt, im Copa Libertadores-Gruppenspiel gegen den argentinischen Nachbarn Independiente von anderen Seite des Rio de la Plata. Knapp ein Viertel der Zuschauerränge des 76000 Zuschauer fassenden Estadio Centenario war zu Beginn beider Halbzeiten von einer großen Blockfahne bedeckt – wohl die größte der Welt, so wird behauptet und ich habe keinen Zweifel daran, dass das nicht stimmt.

Hat aber auch nur bedingt genützt: Das Spiel ging verloren, das Überstehen der Gruppenphase für Peñarol war allerdings schon vorher klar.

Und jetzt Ihr.

Debakel.

Ich muss da erst noch drüber nachdenken.
Wenn ich fertig bin mit nicht mehr dran denken.

Auf gehts, Stürmer, schieß ein Tor. Oder zwei.

Na klar, über allem schwebt der Müller Gerd. Für alle Zeiten uneinholbar. Der Bomber eben. Oder auch Mr. Doppelpack (55 mal!). Nur in Bundesligapartien wohlgemerkt.
Danach dann Klaus Fischer, mein ewiger Held. Heynckes, Burgsmüller, Kirsten, Kuntz, Müller (Dieter), Allofs (Klaus) Löhr, Rummenigge.

Namen, die jeder Fußballfreund kennt und wer sich ein bißchen auskennt, weiß natürlich auch woher: Die Liste der erfolgreichsten Bundesligatorschützen, genau genommen, die erfolgreichsten zehn.

Soviel Tore, wie das Jahr hat, schoß Gerd Müller in Bundesligapartien, diese 365 Tore werden vermutlich nie wieder erreicht werden. Die Zeiten haben sich geändert, das Spiel sowieso und Müller war, ohne jeden Zweifel, ein Ausnahmespieler.

Der im Strafraum rumlungernde Stoßstürmer ist Seltenheit geworden, Defensivaufgaben müssen übernommen worden und im Fall des großen Erfolges winkt das Ausland, was weniger Bundesligatore als möglich bedeutet.

Ist es also völlig undenkbar, dass ein noch aktiver Stürmer in diese Phalanx der ersten zehn einbrechen wird? Nein, Ulf Kirsten, mit 182 Toren auf Platz fünf einsortiert, hat schließlich erst 2003 die Torschützentreter an den Nagel gehängt, bei günstigem Karriereverlauf müsste es also denkbar sein, auch heute noch auf eine solche stattliche Anzahl erzielter Tore zu kommen, dass ein Platz recht weit vorne in der ewigen Torschützenliste der Bundesliga drin ist.

Um unter die ersten zehn zu kommen, müssten es mindestens 162 Tore sein, soviele schoß Karl-Heinz Rotbäckchen Rummenigge. Aber wer käme denn da in Frage? Von den noch aktiven Stürmerstars? Oder gar ein Mittelfeldspieler?

Ich denke nach und mir fällt ein, dass Claudio Pizarro kürzlich zum erfolgreichsten ausländischen Torschützen erkoren wurde. Der müsste also recht weit oben sein, ist ja auch schon das eine oder andere Jahr aktiv. Mario Gomez schießt ein Tor nach dem anderen, in dieser Saison und auch schon beim VfB Stuttgart tat er dies. Aber soviele können es ja noch nicht sein?

Genug gerätselt, Zeit sich einzugestehen, dass man keine Ahnung hat, jedenfalls keine gesicherte. Lassen wir also die Zahlen sprechen.

Et voilà: Die Liste der erfolgreichsten Bundesligatorschützen aller noch aktiver Spieler mit mindestens 50 Toren. Kursiv jene, die nicht mehr in der Bundesliga spielen, aber ja theoretisch noch in der Lage wären, Bundesligatore bei einer möglichen Rückkehr (Kevin Kuranyi zum Beispiel wird sicher noch das eine oder andere Spiel irgendwann in der Bundesliga machen) zu erzielen. In Klammern die Platzierung in der Liste aller Torschützen der Bundeslioga, egal ob aktiv oder inaktiv.

Claudio Pizarro also. Und: Der Mann hat noch ein Jahr Vertrag, sowie eine vereinsseitige Option auf ein weiteres. 23 Tore fehlen ihm noch, um sich von Platz 15 auf Platz 10 vorzuschieben. Machbar.
Dann wird es enger: Ob Miroslav Klose im spätesten Herbst seiner Karriere noch mehr als 40 Tore schießt, darf bezeifelt werden, vor allem dann, wenn er sie bei den Bayern fortsetzt. Kuranyi könnte, wie gesagt, dereinst zurückkehren, ob es ihm dann allerdings gelingt noch 50 Tore zu schießen?
Dann allerdings kommt Mario Gomez und ja, der Mann hat beste Chancen – wenn er denn noch ein paar Jahre in der Bundesliga bleibt. Stefan Kießling, ebenso wie Gomez ein reiner Strafraumstürmer, hat aufgrund seines Alters gute Chancen, allerdings ist der Weg noch sehr weit. Der Rest: Chancenlos. Weil zu alt oder zu wenig Strafraumstürmer oder beides.

Die Frage ist allerdings, ob all diese Zahlen wirklich Aufschluß geben. natürlich nicht darüber, wie gut ein Fußballer insgesamt ist, da helfen Zahlen eh nur bedingt. Aber auch in der Frage, wie erfolgreich jemand als Stürmer, als Torerzieler ist. Wichtig ist dabei ja auch, wie oft er dazu die Gelegenheit hatte, wieviele Spiele er absolvierte. Teilen wir also spaßeshalber mal die erzielten Tore dieser Top-14 durch die gemachten Spiele, ergibt sich folgendes Bild:

Nun schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass Edin Dzeko noch einmal in der Bundesliga auf Torejagd geht für recht gering ein, aber man weiß ja nie. Unabhängig davon ist seine Torquote imposant: Nur Gerd Müller (0,85), Friedhelm Konietzka (0,72), Horst Hrubesch (0,61) sowie Roy Makaay und Jupp Heynckes (beide 0,60) können in der Liste der Bundesligatorschützen mit mindestens 50 erzielten Toren eine bessere Quaote aufweisen als Dzeko. Hut ab.
Und auch hier wieder: Mario Gomez lauert. Übrigens der gleiche Mario Gomez, den die Bayern-Fans gerne als Chancentod bezeichnen.

Karim Benyamina Fußballgott

Er kam in der dunkelsten Stunde des Vereins: Der 1. FC Union Berlin war aus der damaligen Regionalliga in die vierte Liga, die Oberliga, abgestiegen, durchgereicht aus der 2. Bundesliga. Der zweimalige Abstieg hatte kaum noch Spieler übrig gelassen, 23(!) neue Spieler kamen zu Beginn der Saison 2005/06. Einer davon hieß Karim Benyamina, im real-sozialistischen Dresden geborener Algerier.

Die Saison begann mittelmäßig, ein mühevoller Heimsieg gegen den BAK, anschließend ein maues 1:1 bei TeBe. Dann stand der Schlager gegen den ehemalig größeren und immer noch verachteten Nachbarn, den BFC Dynamo an. 8:0 hieß das Ergebnis und Karim Benyamina kam zu seinem ersten Torerfolg. Nicht einmal, nicht zweimal, dreimal netzte er ein an jenem historischen Nachmittag. Das dritte Spiel für den Verein und schon stand sein Denkmal.

Es folgten 12 weitere Tore in der Liga und am Ende stand der sofortige Wiederaufstieg, der Absturz war nicht nur abgefedert, sondern sogar ausgebessert worden. Und Benyamina? 15 Tore in der Liga, 10 weitere im Pokal sind eine Hausmarke, aber eben gegen Gegner wie den SV Falkensee/Finkenkrug oder die TSG Neustrelitz. Nicht wenige bezweifelten, dass es ihm schwer fallen würde in der 3. Liga, damals noch Regionalliga genannt.

Aber gefehlt. Benyamina schoß weiter Tore. In der durchwachsenen, aber für einen Aufsteiger recht ordentlichen Saison 06/07 11. Im darauf folgenden Jahr lief es etwas weniger rund, aber es kamen immerhin noch 7 Ligatore heraus. Dann folgte die Saison, die den Abschied aus der 3. Liga bedeutete und Benyamina machte nach gutem Start negative Schlagzeilen: Rote Karte wegen Tätlichkeit, sechs Spiele Sperre. Kaum zurück, verhalf er Union mit zwei Toren zum schon nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg über die bis zur 74. Minute 2:0 führenden Paderborner. Dieser Sieg war der letzte Schub, den Union brauchte um an den Aufstieg in Liga Zwei zu glauben. Am Ende standen 16 Ligatore für Benyamina und der unumstrittene Aufstieg in die zweithöchste deutsche Spielklasse zu Buche.

Nun aber würde es endgültig nicht mehr reichen, vermeldeten die Zweifler, und ja, es wurde schwieriger und nein, es reichte auch weiterhin: 6 Tore in 28 Ligaeinsätzen klingt, verglichen mit den Saisons zuvor, nicht sonderlich erfolgreich – allerdings konnte nur Thorsten Mattuschka mehr Tore als Benyamina und, gleichauf, Jon Jairo Mosquera, erzielen. Am 25.09.2009 schießt er ein wichtiges Tor: Es macht ihn zum Rekordtorschützen Unions aller Zeiten – Stand heute stehen 85 Pflichtspieltore in der Statistik.

In dieser Saison dann beginnt sich schon frühzeitig anzudeuten, dass sich Benyaminas Zeit in Köpenick dem Ende zu neigt. Ein großer Höhepunkt seiner Karriere ist die Berufung zur algerischen Nationalmannschaft im November 2010, doch bei Union ist er seit Beginn der Rückrunde nur noch Einwechselspieler. Heute hat der Verein verkündet, dass Benyamina in der kommenden Saison nicht mehr zur Mannschaft gehören wird. Ich bin nicht überrascht, aber traurig.

Karim Benyamina war einer der wichtigsten Spieler der vergangenen sechs Jahre beim 1. FC Union Berlin, neben Torsten Mattuschka wohl der wichtigste. Er stand für den steilen Aufstieg von der vierten Liga in die zweite, gab dem aufblühenden Köpenicker Verein ein Gesicht. Und Tore. Sowie: Tore. Außerdem noch Tore.

Der Verein hat verkündet, die 22, Benyaminas Nummer nicht mehr zu vergeben – bis ein anderer Spieler es schafft seine Rekordmarke zu brechen. Das wird dauern.

Mach es gut, Karim. Dann, wenn Du gehst. Und bis dahin mach noch ein, zwei oder auch drei Tore. Auf dass es länger dauern möge, Dich aus den Annalen zu verdrängen.

Unerbetene Einmischung.

Zum Glück geht mich das alles gar nichts an. Ist ja nicht mein Verein. Und dazu noch nicht mal einer, der besonders hoch in der Rangliste meiner Wertschätzung steht. Aber wundern, wundern tut es mich schon. Die Vorkommnisse selbst, aber auch die von mir wahrgenommene Reaktion.

Die Rede ist vom deutschen Vorzeigeverein, dem FC Bayern München und den Auseinandersetzungen zwischen Vorstand und Fans.

Ich bin viel zu weit weg, als dass ich mir in der Sache, bzw. den Sachen, die da von allen Seiten be-stritten werden, ein Urteil leisten wollte oder könnte. Das ist nun auch wirklich nicht meine Baustelle. Liebe Bayern, macht nur, zerfetzt Euch gegenseitig, wenn Ihr unbedingt müsst. Was ich allerdings nicht verstehe, und auch wenn es so aussehen mag, möchte ich damit den schwarzen Peter keineswegs ausschließlich in Richtung Vereinsführung schieben, ist das stümperhafte Kommunikationsverhalten der Selbigen.

Sicher, die beiden Fälle, die für den Streit sorgen, sind sehr unterschiedlich. Die Verpflichtung eines von Teilen der aktiven Fanszene zur Persona Non Grata erklärten Spielers zu erklären, mitzuteilen, vielleicht gar schmackhaft zu machen, ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Und ja, bei jedem Transfer die Fans zu befragen, ist nicht nur unmöglich, sondern gewiss auch kontraproduktiv. Im Fall der potentiellen weiteren finanziellen Unterstützung des TSV 1860 sehe ich mehr Spielraum, denn Sachargumente bieten die Möglichkeit das mit- oder gegenstreitende Gegenüber abzuholen, mitzunehmen.

Wie gesagt: In den Streitfällen will ich gar keine Position beziehen. Der Streit selbst allerdings ist merkwürdig: Er findet nämlich gar nicht statt, jedenfalls auf der einen Seite. Und diese Seite wundert sich nun in empörten Worten darüber, dass der Streit eskaliert. Wird nicht in jedem mittelmäßigen Unternehmensberaterseminar die Lehre von der Wichtigkeit der Kommunikation wiederholt, bis das Bullshitbingothermometer in viele tausend Stücke zerspringt? Kann wirklich die Notwendigkeit bestehen, der Führung des FC Bayern diesbezüglich ein Memo zu schicken? Im Jahr 2011?

Dass es im Verein schon seit vielen Wochen rumort, kriegt man sogar in Berlin mit. Warum, weshalb, weswegen – nicht nur nicht mein Bier, sondern vor allem: Nebensächlich. Nicht nebensächlich: In dieser Situation veröffentlicht der Club Nr. 12, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Art der Dachverband der Fanclubs des FC Bayern, in Sachen möglicher Löwen-Unterstützung einen offenen Brief an die Vereinsführung, in Persona Uli Hoeneß, der im Thema zwar klar und deutlich ist, im Ton meiner Meinung aber nach recht sachlich. Unterzeichnet von 130 Fanclubs. Und dann: Ohne jegliche Reaktion seitens der Vereinsführung.

Ähm. Und diese Vereinsführung wundert sich dann, wenn der Streit eskaliert? Ginge man davon aus, sie wäre auf der Höhe der zeitgenössischen Kommunikationserkenntnisse, so müsste man vermuten, sie suchte mit dieser Nichtreaktion den Konflikt. Als wüßte sie nicht, wie immanent wichtig Identitätspolitik für einen Fußballverein (der ja lobenswerterweise tatsächlich noch ein Verein ist) ist, als wäre es völliges Erkenntnisneuland, dass Fußballfans anders behandelt werden müssen als Kunden an der Wursttheke, da ihre Anwesenheit und ihr Verhalten mit zum Produkt gehört, es aufwertet.

Ohne Frage ist die Empörung über die als Reaktion auf die Nicht-Reaktion gewählten Worte auf Spruchbändern und Transparenten verständlich. Die Wut aber, die hinter den Worten und den vielen, vielen umgedrehten Zaunfahnen steckt, die haben sie sich zu einem nicht geringen Teil selbst zuzuschreiben.

Lese ich allerdings Nichtreaktions-Reaktion-Reaktionen in den verschiedenen Bayern-Blogs, die ich besuche, muss ich mich fragen, ob ich das alles richtig verstanden habe. So schreibt zum Beispiel das von mir geschätzte Fernglas FCB sinngemäß, dass Kritik ja durchaus in Ordnung sei, aber niemand erwarten könne gehört zu werden. Und dann eben geschwiegen und hingenommen werden müsse, dafür gäbe es ja einmal im Jahr eine Mitgliederversammlung. Hm, vielleicht fehlen mir zum Verständnis des allgemeinen und insbesonderen Miteinander beim Rekordmeister, zum Verständnis des Münchner Oben und Unten, bayrische Gene.

Soll ja meine Sache auch nicht sein. Versprochen, ich halts dann zukünftig wieder mit Knorkator.

Die Serie

Die beste Heimsiegserie aller Zeiten:

09. Spieltag 1. FC Köln – Borussia Dortmund 4:1 (2:0)
11. Spieltag 1. FC Köln – Hertha BSC 3:1 (1:0)
13. Spieltag 1. FC Köln – TSV 1860 München 6:2 (4:0)
15. Spieltag 1. FC Köln – 1. FC Kaiserslautern 4:1 (1:1)
17. Spieltag 1. FC Köln – FC St. Pauli 4:1 (1:1)
18. Spieltag 1. FC Köln – Fortuna Düsseldorf 1:0 (1:0)
21. Spieltag 1. FC Köln – FC Bayern München 2:0 (0:0)
23. Spieltag 1. FC Köln – 1. FC Saarbrücken 3:1 (1:0)
25. Spieltag 1. FC Köln – Hamburger SV 6:1 (1:0)

Nur noch zwei. Wenn der 1. FC Köln erstmal neun Heimspiele in Serie gewonnen hat, wird er wieder Meister, wie damals.

Okay, weit abgeschlagener letzter in der Auswärtstabelle sollte man dabei nicht sein. Und eine ebenso gute Hinrunde spielen. Aber ansonsten ist der FC schon so gut wie Meister. Wie damals.

(Ich bitte diesen unsachlichen Beitrag zu entschuldigen, die doppelte Dosis „Ein dicker Schritt zum Klassenerhalt“-Endorphine ist schuld. Ich guck mir jetzt eine halbe Stunde die Auswärtstabelle der ersten Bundesliga an, das erdet.)