Vom Rollen der Köpfe und dem Wüten des Pavianfelsens

Kennt Ihr das? Ein Thema brennt auf den Nägeln, ob das nun daran liegt, dass es Euch selbst so antreibt oder das ebenfalls am Thema interessierte Umfeld in Aufregung versetzt oder beides, und der innere Ruf, dazu einen Blogbeitrag zu machen ist von gellender Lautstärke – nur: Wie anpacken? Welche Perspektive wählen, welchen Teil der Geschichte erzählen? Es gibt Themen, die sind so groß, so mannigfaltig, so ineinander verwoben, dass es eigentlich unmöglich ist, ihnen eine kommentierbare oder wenigstens erzählbare Richtung zu geben.

Vielleicht fangen wir mal hinten an. Gestern hat der 1. FC Köln eine Erklärung abgegeben, genauer gesagt der Vorstand. Notwendig wurde dies nach eher schlechten Ergebnissen, viel Pressetamtam um die Spieler Podolski und Mondragon und einer großen Unzufriedenheit im Umfeld. Woraus sich diese speist ist ein Thema für sich, dazu später mehr.

Und der Vorstand des 1. FC Köln verhielt sich ganz und gar atypisch. Als gäbe es keine lange Geschichte populistischer Entscheidungen, als wüßte nicht jeder in der Fußballrepublik, dass das K in „1. FC Köln“ für Kurzschlußhandlung steht, als wäre nicht bislang jeder Vorstand – so auch dieser bereits mehrere Male – vor dem heftigen Bombardement aus Boulevard und Pavianfelsen (so wird in Kölner Fankreisen jener Teil der Fanschaft genannt, der sagenwirsmalfreundlich eher kurzfristig denkt) eingeknickt – die Botschaft war zur großen Enttäuschung der beiden letztgenannten weder die Entlassung Soldos noch die Demission Manager Meiers. Stattdessen: (Achtung, werte Freunde des gepflegten Vorurteils über Kölner Vereinsverhaltensweisen, jetzt wird es unglaubwürdig): Vernunft. Zusammenhalt. Interne Aufarbeitung.

Und der Pavianfelsen wütet und schreit, kein Kopf rollt.

Drei Tage zurück: Im Kölner Stadtanzeiger erscheint ein Artikel über den Neuzugang Martin Lanig. Lanig kommt so langsam in Tritt, der 26jährige wird gewiß nie ein Mittelfeldspieler internationalen Formats werden, aber einem gefühlten Mittelfeldverein mit Hang zum Abstiegskampf kann er, wenn er nach der fast einjährigen Verletzungspause wieder in Form ist, weiter helfen. Martin Lanig, der beim VfB Stuttgart durch allerlei Täler wandern musste, sagt: „So etwas wie in Köln habe ich noch nie erlebt. Es ist schwierig, der Erwartungshaltung hier gerecht zu werden“ – und mit „schwierig“ meint er wahrscheinlich „unmöglich“.

Die Vorwürfe gegen Trainer Zvonimir Soldo sind manngifaltig und mindestens ebenso undurchsichtig. Ein schönes Exempel ist ein Blogbeitrag Quarkbällchens: Warum der Trainer denn nicht endlich mal, wie versprochen, auf die Jugend setze? Tatsächlich standen gegen Dortmund fünf Spieler auf dem Platz zwischen 19 und 22, auf der Bank saßen drei weitere Spieler dieser Altersgruppe. Die jugendlichen Spieler Matuschyk, Clemens, Yalcin, Salger und Jajalo verdanken ihre Einsatzzeiten dem Händchen des Kroaten für junge Spieler und die letztjährige Renaissance Adil Chihis – von Vortrainer Christoph Daum zu einem spielerischen Häufchen Elend gemacht – geht ebenfalls auf Soldos Konto.
Aber, aber: Zudem habe der Trainer mit der Nichtberücksichtigung Novakovics und Mondragons zwei „Probleme reingebracht“. Ein Jahr zurück: Trainer Soldo steht am Pranger, weil er sich von der Diva Novakovic auf der Nase rumtanzen läßt.

Die Argumente der Soldo-Kritiker sind so viele wie sie austauschbar sind wie sie keinen Sinn ergeben. Übrig bleibt am Ende dann immer der Hinweis auf die zu ruhige Ader des Kroaten, der in Interviews und an der Seitenlinie zu ruhig sei und deswegen unmöglich in der Lage sei, die Mannschaft zu motivieren. Die Mannschaft übrigens sagt das Gegenteil.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass der Express zügig nach der Anstellung Soldos beschloß, diesen so schnell wie möglich wieder wegzuschreiben, da er sich aufgrund seiner Introvertiertheit nicht zum Auflagenrenner wie sein Vorgänger – der im übrigen stets gemeine Sache machte mit der Zeitung – eignet. Quelle surprise – die Argumente des Pavianfelsens sind die gleichen wie die des Boulevard. Nachtigall, ick hör dir stampfen.

Das Gegenbild zeichnet der Kicker in seiner gestrigen Ausgabe: „„Ich möchte solche Dinge intern lösen. So bin ich, so werde ich bleiben“, betont er und blickt nur auf den Erfolg der Mannschaft: „Sie wird unten rauskommen. Aber dafür braucht sie Ruhe. Deswegen habe ich auch kein Theater gemacht, sonst würde es hier noch schlimmer.“ Er fordert: „Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren!“ Soldo stellt Egoismen hinten an – ein im Klub seltenes Bild.“ Abgesehen davon, dass es so scheint, als wäre der Wunsch die Nerven nicht zu verlieren für das Umfeld längst nicht mehr realisierbar, ist es vor allem der letzte Satz, der hängenbleibt. Und der damit einhergehende Schluß, was für ein Glück es eigentlich ist, dass dieser Verein, dieses liebenswerte Konglomerat aus Chaos und Egomanie, einen solchen Trainer hat.

Noch jedenfalls. Zeter und Mordio werden wohl auch die letzten Spuren von Vernunft dahinraffen, wenn am Samstag keine gute Leistung und / oder eine Niederlage gegen Hannover folgt. Dann wird vermutlich egal sein, dass der letzte Trainer, unter dem der Effzeh attraktiveren Fußball spielte, Ewald Lienen hieß (und dies auch nur eine Saison – 2000/01 – in der darauffolgenden Saison wurde Lienen zum Rückrundenstart entlassen) und dies weder Christoph John, noch Friedhelm Funkel, noch Marcel Koller, noch Huub Stevens, noch Uwe Rapolder, noch Hanspeter Latour und schon gar nicht Christoph Daum gelang. Es wird ebenso egal sein, dass in der Geschichte des 1. FC Köln nur ein Paniktrainerwechsel Erfolg brachte und das war, man mag es gar nicht schreiben, der hin zu Peter Neururer in der Saison 1995/96. In der darauffolgenden Saison allerdings wurde Neururer schon Ende September entlassen und der Verein stieg erstmalig ab. Alle anderen Trainerentlassungen haben genau das gebracht: Nichts.

Aber egal. Die Hauptsache ist, dass ein Kopf rollt. Dem Volk gelüstet es nach Blut.

Eine Antwort auf „Vom Rollen der Köpfe und dem Wüten des Pavianfelsens“

  1. Äußerst gelungen Ein äußerst gelungener Beitrag, den ich in einem Beitrag in meinem Blog ReesesSportkultur.de aufnehme (hoffe das ist okay).

    Lese hier sehr gerne mit und grüße aus der Innenstadt Kölns,

    Klaas

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