Eine kleine Geschichte der Misswirtschaft

Die jahrzehnte lange Spitzenstellung, die der 1. FC Köln im deutschen Fußball innehatte, verdankte er Franz Kremer. Der erste Präsident des Vereins baute in den frühen Jahren des Clubs eine von allen Seiten beneidete Infrastruktur auf, die seinerzeit Ihresgleichen suchte und führte den FC binnen kürzester Zeit an die nationale Spitze. Sein Mittel: Planvolles, langfristiges Vorgehen.

Sowas hat man lange nicht geseh’n. So unschön. So unschöhön.

Die jüngere Geschichte des 1. FC Köln ist eine Geschichte voller Planlosigkeit, Kurzfristigkeit, Populismus und Stümperei.

Beginnen wir die Geschichte bei den sagenumwobenen Häßler-Millionen. Jenen 14 Millionen D-Mark (möglicherweise waren es auch 15), die 1990 für Icke von Juventus Turin bezahlt wurden und unter dem damaligen Präsidenten Artzinger-Bolten angeblich irgendwo versickerten. Das liegt lange zurück und hat mit Sicherheit nichts mit der heutigen Misere zu tun, aber sie bilden den Startschuß für eine bislang 20 Jahre dauernde Geschichte der Misswirtschaft. Dem Nachfolger im Präsidentenamt, Claus Hartmann, darf man zwar anrechnen, das große Loch im Kölner Finanzsäckel öffentlich gemacht zu haben, aber weder gelang es ihm, es zu schließen, noch war er in der Lage, einen Manager oder Sportdirektor einzustellen, der in der Lage gewesen wäre, kreativ und zuverlässig mit dem Problem umzugehen. Bernd Cullmann? Großer Spieler, miserabler Manager. Hannes Linßen? Lustige Frisur, miserabler Manager.
Über die von Hartmann und diesen Managern verpflichteten Trainer decken wir den Mantel des Schweigens. Oder möchte wirklich jemand über die Nachhaltigkeit von z.B. Peter Neururer oder Lorenz-Günther Köstner reden?

Eine hoffnungsvolle Phase der Konsoldierung dann, erzwungen durch den ersten Abstieg 1998. Präsident ist Albert Caspers. Caspers gibt offen zu, wenig von Fußball zu verstehen, aber es gelingt ihm im Verlauf seiner Amtzeit den Verein in mühevoller Kleinarbeit auf finanziell gesunde Füße zu stellen. Erst wird Ewald Lienen Trainer, der nicht immer glücklich, aber durchdacht handelt, den erfolgreichsten und attraktivsten Fußball der letzten fünfzehn Jahre spielen läßt, nach verlorenem Machtkampf mit dem zur Zeit hochgejubelten „Kölschen Jung“ Dirk Lottner aber seine Koffer packen muss. Mit Lienen geht Manager Linßen, es kommt der sparsame und kleine Schritte bevorzugene Andreas Rettig. Unter ihm wird der dröge Friedhelm Funkel Trainer.

Caspers – Rettig – Funkel. Nie zuvor und nie danach war so wenig Klüngel, so wenig Inkompetenz in Form von Vetternwirtschaft am Werk. Das Problem: Die kleinen Schritte sind zu klein für des Volkes Geschmack und auch kleine Schritte müssen gelingen, das tun sie nicht immer. Erst Funkel weg. Nach Abstieg dann Putsch durch Overath und Caspers weg. Zum Amtsantritt verspricht Overath vollmundig „Kracher“ und feuert erst mal auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung zu seiner Wahl den schuldlosen Marcel Koller, um mit Huub Stevens einen großen Namen zu verpflichten. Der läßt zwar den grausamsten Fußball seit Erfindung des Müngersdorfer Stadions spielen, hat aber in Form eines Aufstiegs Erfolg. Dann demissioniert Stevens freiwillig, um heute aus dem österreichischen Exil schlaue Ratschläge zu geben. Eine Charaktereigenschaft, die ehemaligen FC-Trainern wie Spielern gemein zu sein scheint.

Anschließend der Versuch mit der Verpflichtung Uwe Rapolders den letzten Schrei in Sachen Konzeptfußball und damit tatsächlich so etwas wie Fußball mit Sinn und Verstand ins Haus zu holen. Dumm nur, daß dieser als erstes Lukas Podolski rasiert und auf den zweiten Blick, so heißt es, mehr Zeit mit dem dunklen Roten verbringt als mit den Rot-Weißen auf dem Trainingsplatz. Sein frühzeitiges Scheitern jedenfalls ist auch das Ende Rettigs als Manager. Nun ist freie Bahn für Overathsches Großmannsdenken. Erst wird Michael Meier als Manager installiert, der das genaue Gegenteil des Rettig’schen Schritt-für-Schritt-Denkens ist, und nach der Episode mit dem „Schweizer Bergdoktor“ Hanspeter Latour (hier muss man immerhin, wie auch später bei Zvonimir Soldo, den Versuch, ausgetretene Pfade zu verlassen anerkennen) auf dem Trainerposten wird zurückmessioniert – Christoph Daum wird Trainer.

Overath – Meier – Daum. Mehr Egomanie, mehr Immer-drölfmal-mehr-als-du war nie in Köln. Daum, zur Winterpause 07/08 installiert, darf erstmal fünf neue Spieler kaufen – nur vier davon erleben das Ende der Rückrunde, keiner von ihnen die nächste Saison. Seither herrscht heilloses Durcheinander. Zwar schafft Daum Aufstieg und Klassenerhalt dank einiger wirklich geglückter Transfers – Mohamad, Mondragon, Geromel, Özat, Novakovic – aber Hand und Fuß hat das alles nicht. Seit vielen Jahren und bis heute fehlen fähige Außenverteidiger und kreative, offensive Mittelfeldspieler, dafür treten sich die defensiven Mittelfeldspieler mittlerweile gegenseitig die Füße platt. Vor fünf, sechs Jahren fehlte dem FC ein solcher Spieler, seitdem werden offenbar nur noch Spieler dieser Position gekauft.

Lukas Podolski wird für Geld, das der Verein nicht hat, zurückgeholt, ein Gesicht soll er dem Verein geben und das Offensivpotential darstellen. Die kölsche Identifikationsfigur ist er, ohne Frage, ein Offensivspiel alleine ankurbeln und abschließen kann er nicht. Muss er auch nicht, so wurde ihm und der Öffentlichkeit seinerzeit versprochen, Podolski ist erst der Anfang. Und tatsächlich, es folgt: Maniche. Ablösefrei aber dafür mit astronomischem Gehalt und der gepflegten Lustlosigkeit eines eher defensiven Mittelfeldspielers in fußballdeutscher Ligaprovinz, umgeben von einem dutzend weiteren defensiven Mittelfeldspielern. Das wars, mehr gibts nicht.

Anfang dieser Saison dann der transfertechnische Offenbarungseid. Abgesehen vom frühzeitig verpflichteten Alexandru Ionita, einer gepokerten Investition in die Zukunft – bezahlt vom bevorstehenden Einzug in das DFB Halbfinale, der dann gegen Augsburg vergeigt wird – muss der FC, und mit ihm Trainer Soldo, auf die Jugend setzen. Und Jugend meint: Jugend. Junge Spieler hat der FC schon eine ganze Reihe in der ersten Mannschaft, jetzt kommen noch jüngere dazu. Und immer noch kein verläßlicher Außenverteidiger und immer noch kein offensiver Mittelfeldspieler von Format. Die gibt es zwar als Versprechen in die Zukunft in Form von Salger und Jajalo, aber als Stützen können sie natürlich nicht dienen.

Dazu mixe man noch ein tägliches boulevardeskes Störfeuer, das in langfristiger Entwicklung keine Quotenmöglichkeit sieht und et voilà, fertig ist die nächste Trainerentlassung.

Getreu der Overatschen Maxime gibt es nun zweierlei Möglichkeiten: Entweder die kölsche Karte oder der große Name. Beides ist der Beruhigung des Volkes dienlich. Und da der Mann nicht ungeschickt ist, macht er einfach: Beides. Zunächst wird das kölsche Tandem Schaefer/Lottner (ja, genau, jener Dirk Lottner, der einst als Kapitän das erfolgreiche Team unter Ewald Lienen auseinanderbrechen ließ, weil er als frischgebackener Star der Mannschaft keine Lust mehr auf gesunde Ernährung und Alkohol- und Nikotinverzicht hatte) eingesetzt, sollte es kurzfristigen Erfolg haben, erübrigt sich der große Name, unabhängig davon, ob der Erfolg am Ende der Rückrunde oder gar am Ende der Saison immer noch da ist. Wenn nicht, kann immer noch irgendwo her ein großer Name gezaubert werden, die ersten Testballons werden schon gesendet.

Der Präsident sitzt völlig oppositionslos fest im Sattel, der Manager hat erst Anfang des Jahres seinen Vertrag um vier Jahre verlängert, für Abfindungssummen und Transfers gibt es kein Geld.

Es gibt Tage wie diesen, an denen wünschte man sich, der Verein, der sich einen einst aussuchte, hieße Preussen Münster oder KSV Baunatal.

3 Antworten auf „Eine kleine Geschichte der Misswirtschaft“

  1. Das ist… … eine gelungene Zusammenfassung der letzten Jahrzehnte in diesem Klub. Irgendwie hätte man so Vieles vorab ahnen können – wie zum Beispiel die unselige Verpflichtung von Meier als Manager. Aber in Köln ist und bleibt man ahnungslos. Das erklärt, warum ein solcher Klub, mit einem solchen Publikum und einem solchen Umfeld (Wirtschafts- und Medienzentrum) so unterdurchschnittlich herumdümpelt. Mer blieve wo mer sin.

  2. Kann man so zustimmen. Aber den besten Transfer der letzten Jahre – obwohl es nur eine kurzfristige Leihe war – hast du vergessen: Zoran Tosic. Dieser hat in einer Rückrunde mehr gebracht, als Poldi in seiner kompletten, zweiten Amtszeit! Schade, dass man beim Transferpoker mit den Russen nicht mithalten konnte bzw. ihm keine Perspektive geboten wurde. Er wäre nicht nur für den FC eine Bereicherung, sondern für die ganze Liga.

    1. Hm, okay, zugegeben: Erwähnung hätte er schon finden können. Allerdings halte ich die Formulierung „Schade, dass […] ihm keine Perspektive geboten wurde“ für völlig irreführend: Wo um alles in der Welt hätte der FC das Geld für einen solchen Transfer und das dazugehörige Gehalt nehmen sollen?

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