Ganz nach vorn

So viele Elfmeter liegen gelassen. In Darmstadt, Fürth, in Bochum. Wieder und wieder beim Anlauf ausgerutscht, quasi. Das Ding war durch, wer solche Spiele nicht gewinnt, kann nicht aufsteigen. Wieder, wie schon 2 Jahre zuvor, im Saisonendspurt die Nerven verloren, die Konstanz verloren, die Spiele nicht gewonnen. Und nun der übermächtige VfB Stuttgart, das ist eine klare Sache. Ein fantastisches Hinspiel, ja, sicher, aber heute und hier ist da eigentlich nichts zu holen.

Egal. Die Möglichkeit besteht trotzdem. Beste Heimmannschaft der zweiten Liga. Beste Defensive der zweiten Liga. Nur elf popelige Tore kassiert zu Hause, da muss der Gomez Mario erst mal dran vorbei. Und wir haben Rafał. Der kann allen Gegnern den Ball vom Fuß zaubern, nur mit der Kraft seiner Augen. Und seinen Mitspielern brennt er die Angst weg, auch mit seinem Blick.

Die Gedanken in den Köpfen sind ein wild zuckendes Hin und Her, zu flüchtig um sie zu artikulieren, eben noch bei der Packung, die gleich kommen wird, jetzt schon beim gloriosen Triumph, der auf uns wartet, als wir das Stadion betreten. Früher als sonst, wir können es nicht abwarten, wir wollen da jetzt hin, lasst das Spiel endlich beginnen, wir platzen sonst. Es ist nicht weniger als ein medizinischer Notfall, dass dieses verdammte Spiel sofort beginnt und sofort beendet wird, wie auch immer.

Aber noch ist eine Stunde hin bis zum Anpfiff, und wir kommen nicht auf unsere angestammten Plätze, alles schon voll und fast alles Menschen, die wir da noch nie gesehen haben, in den 18 Jahren, die wir da stehen. Wer sind diese Menschen, wo kommen sie her, was soll das?
Etwas weiter links also heute, in der Verlängerung der linken Außenlinie. Das Stadion singt. Der Stuttgarter Mob, auch schon da, hüpft. Wir singen weiter. Lauter. Immer weiter, ganz nach vorn.

Endlich, das Spiel beginnt. Die erzeugte Elektrizität auf den Rängen reicht, um eine Handvoll Kleinstädte für ein paar Jahre mit Strom zu versorgen. Irgendwer hat Bier besorgt, das haben wir uns im Stadion eigentlich abgewöhnt, vorher und nachher draußen ist es billiger und hier schwierig wieder an den Platz zu kommen. Heute ist alles anders.

Es ist laut, natürlich, aber das ist es meistens. Heute ist es nicht nur lauter, sondern auch anders laut. Alle singen und brüllen immer zu, durchgehend, es gibt keine Gespräche, keine Fachsimpeleien, keine Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen, kein Gemecker über Fehlpässe. Es gibt nur die, die ihre Anspannung heraus brüllen und die, die von ihr in Apathie gefangen werden. S. wirft ihren Mittelfinger dem Schiedsrichter entgegen, egal, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, sonst nicht ihre Art. E., neben mir stehend, brüllt seine Kommentare dem Spielfeld entgegen, als könne er Wunder bewirken, wenn er nur laut genug ist.

Und Wunder sind notwendig, Grund für Gemecker gäbe es reichlich, wenn wir meckern würden heute, wenn wir es könnten, die erste Halbzeit ist ein stetes schwäbisches Anrennen auf unser Tor und sie dauert heute nicht 45 und nicht 50 Minuten, sondern mindestens 7 1/2 Stunden, sie will nicht enden. Ein Tor fällt, wird wieder zurückgenommen, was neu für uns ist, aber das ist kein Thema jetzt, zählte nicht, alles gut, warum auch immer, egal, weiter, immer weiter, ganz nach vorn.

Halbzeit. Durchatmen. Oder wenigstens den Versuch wagen. Daran scheitern. Durchatmen ist heute nicht. Bitte, Jungs, da unten, weiter so. Egal wie, keins kassieren. Und wir wissen doch: Irgendwann wird es kommen. Vielleicht doch mal einen Angriff wagen. Oder zwei.

Irgendwann in der zweiten Halbzeit wechsel ich von der Gruppe der Brüllenden in die der Apathischen. Ich kann nicht mehr. Es ist keine Entscheidung des Kopfes oder des Herzens, Stupor hat meinen Körper ergriffen. Die Unsrigen sind jetzt etwas mutiger, aber jeder Meter scheint schwerer zu fallen, so sehr sind sie bislang jedem Ball hinterher gerannt, haben den Gegenspieler verfolgt, den Ball gewonnen und sofort wieder verloren, sind wieder hinterher gerannt. In der 65. Minute kommt Zulj zum Eckball und sieht aus, als habe er schon mehrere Marathonläufe hinter sich. Ryerson, anfänglich mit spielerischen Problemen, jetzt mit fantastischer Leistung, humpelt, wenn der Ball gerade nicht in seiner Nähe ist, ist er es aber, rennt er, als habe das Spiel gerade erst begonnen. Wir hören das Knallen des Balles, als Manni Abdullahi ihn an den Pfosten jagt, einmal, zweimal. Das wäre es gewesen. Für viel mehr reicht vorne weder Kraft noch Mut, beides wird gebraucht, um zu verhindern, dass hinten das Stuttgarter Tor noch fällt.

Und doch wird es fallen. Das weiß jeder, spätestens als die 85. Minute anbricht, wenn es jetzt nämlich fällt, dann ist es zu spät, dann ist es aus. Die, die noch können, brüllen noch lauter. Den Ball vom eigenen Tor weg brüllen. Das geht. Muss gehen. Noch aggressiver, noch verzweifelter, noch mehr von allem. Wir platzen gleich. Oder entzünden uns. Oder beides. Jede Sekunde kann es geschehen. Atmen. Irgendwie atmen. Pfeif endlich ab. Pfeif ab!

Er pfeift ab. Wir schreien, wir umarmen uns, wir hüpfen, im Knäuel, zu dritt, zu viert. Tränen fließen. Wir fallen uns um den Hals im Taumel Wahnsinniger. Als wir wieder hingucken können, ist das Spielfeld schon voll. Ich bin kein Freund von Platzstürmen, auch nicht solcher, die aus Freude passieren, aber jetzt und hier verstehe ich, was da passiert, all die Energie, die sich in den Wochen und Tagen und Stunden und 90+ Minuten aufgeladen hat, muss irgendwo hin, rennen tut da sicher gut. Wir bleiben da, aber schreien und hüpfen immer noch.

Später dann, an der Birke, die nicht mehr da ist, aber immer noch als Treffpunkt direkt vor dem Stadion dient, leere Blicke. Andere schreien sich gegenseitig die Freude ins Gesicht. Alle sagen, dass sie gar nicht verstehen, was da gerade passiert ist. Irres Gelächter wechselt mit stummen Kopfschütteln. Das alles ist nicht zu verarbeiten. Vermutlich wachen wir morgen auf und stellen fest, dass das alles doch irgendwie nicht stimmt, logisch wäre es jedenfalls. Körperliche Schmerzen von der Anspannung haben wir jetzt schon, heisere Stimmen auch. Die Lautesten sind ganz leise, die Leisesten ganz laut. Völliger Wahnsinn, das alles.

Die letzte S-Bahn bringt uns zurück, alles wird besungen, wieder und wieder. Und Pa-ren-sen! Pa-ren-sen! Im heimischen Prenzlauer Berg zieht die Meute durch die Straßen zur Stammkneipe, die Anwohner werden freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, was heute geschehen ist.

Der 1.FC Union Berlin ist aufgestiegen. Und: Relegation abschaffen. Das hält doch kein Mensch aus.

Fuck you, Leitkultur.

Wie vielleicht die eine Leserin oder der andere Leser weiß, wohne ich in Berlin-Prenzlauer Berg. Ah, sagen jetzt die, die es noch nicht wussten: Gutbürgerliches Schwabistan, so einer also. Ja, nee, antworte ich da, zum einen wohne ich hier schon länger als das wohlverdienende Bürgertum, zum anderen leben hier kaum Schwaben, denen gehört bloß alles. Was ein feiner, aber entscheidender materialistischer Unterschied ist. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Der Prenzlauer Berg jedenfalls bedient allerlei Klischees, und die meisten davon sind wahr: Es gibt eine unerträglich hohe Anzahl von Kindern, alleine im im Umkreis von 500 Metern rund um meine Wohnung befinden sich drei sehr große Spielplätze. In den Eisläden, Entschuldigung, in den Showrooms der Bio-Eismanufakturen wird die Sorte Safran-Ingwer angeboten. Die Eltern helikoptern derweil stets wachsam über ihren Gören, bis der kleine Jeremy zum Golftraining abgeholt wird und wählen grün, in meinem Wahllokal kommt die Partei der Besserverdienenden regelmäßig auf 40 – 55%. Alles wahr also, fast jedenfalls, es gibt noch Widerstandsnester, aber auch das ist hier nicht das Thema.
Was die bundesdeutsche Klischeevorstellung über den Prenzlauer Berg – jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – selten erwähnt, ist ein im multikulturellen Berlin recht auffälliger Umstand: Prenzlauer Berg ist weiß und deutsch. Klar, Cem, der mich immer „Chefnachbar“ ruft, wenn ich bei ihm meinen Döner kaufe, ist Türke. Die vielen Schawarma-Dealer entlang der Danziger (der Prenzlauer Berger isst lieber Schawarma, der liegt nicht so schwer im Magen und ist auch sonst feiner) sind Libanesen, Ägypter und anderer arabischer Provenienz. Aber weder Cem noch seine arabischen Kollegen wohnen hier. Die Ausländer, die hier wohnen sind US-Amerikaner, die für die paar Jahre, in denen sie hier sind, bevor sie wieder zurück gehen, kein Deutsch lernen.
Ca. 15 Fahrradminuten weiter westlich liegt der Wedding. Früher der rote Wedding genannt, da von Arbeitern mit kommunistischen Hintergrund geprägt, heute ein Stadtteil, in dem Menschen wie Cem, also Menschen mit Migrationshintergrund, leben, wenn ihnen Kreuzberg zu hip und zu laut ist. Der überwiegende Teil des Weddings, über den ich reden kann, da ich ihn inzwischen ganz gut kenne, ist türkisch, in allen Generationen. Anderswo sind die Menschen afrikanischer Herkunft, überall gibt es viele Polen, der Wedding ist bunt. Und auch hier finden sie sich, die Klischees: Die Dichte dicker und teurer Autos ist deutlich größer als im viel wohlhabenderen Prenzlauer Berg, das Leuchten der kalten Neonröhren in den vielen Männercafes am späten Abend wird nur noch von den grellen LED-Werbetafeln an den Wettbüros übertroffen. Die Amtssprache auf der Straße ist perfektes bilinguales Kanak. Die Hälfte aller türkischen Frauen in diesem eher familiär geprägten Kiez trägt Kopftuch, im Fitness-Studio schwitzen Muskelberge im Bushido-Look, im Laden des Schusters und Schlüsselmachers (der selbstverständlich, ohne Fragen zu stellen, jeden Schlüssel nachmacht) hing lange ein Erdoğan-Portrait.

Es ist dieser Teil Deutschlands, der auch in vielen anderen Großstädten zu finden ist, der Deutschen (jenen ohne unmittelbar ansehbarem Migrationshintergrund) Angst macht. Den mit Stammtischparolen um sich Werfenden und in der braunen Kloake Watenden, ebenso wie den wohlverdienenden Wohlmeinenden in direkter östlicher Nachbarschaft. Die Erstgenannten sehen eine herbeifabulierte äußerliche Einigkeit in Gefahr. Schon der Anblick dunklerer Hautfarbe, der Anblick eines in vermeintlich undeutsche Form gebrachten Schnäuzers, ein Name wie Mohammed, Ali oder Mesut bringt ihr Blut in Wallung. Die letztgenannten wähnen sich deutlich differenzierter, sind es auch, das Fremde bleibt ihnen aber ebenso fremd. Natürlich ist es ein Skandal, dass Mohammed mit dem deutlich besseren Zeugnis als Frank weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat als Frank, aber dass sich Mohammed dann von seinem dürftigen Gehalt so ein dickes Auto kauft, muss das denn sein? Wie kann der sich das überhaupt leisten, legal doch bestimmt nicht? Und überhaupt, dicke Autos sind nicht sonderlich umweltbewusst, weiß Mohammed das denn nicht? Ali lebt jetzt in dritter Generation in Deutschland und sein Deutsch, nun ja, ist verbesserungswürdig. Was haben sich seine Eltern nur dabei gedacht, war denen in Alis Kindheit denn nicht klar, dass es um Alis Zukunft geht? Wenn Erdoğan eine Wahl gewinnt, hängen Menschen türkische Fahnen aus dem Fenster ihrer dicken Autos, das sind doch keine deutschen Werte? Was denken die sich denn? Wir Deutschen sind jedenfalls überzeugte und lupenreine Demokraten, und wenn die hier leben wollen, dann müssen sie das auch sein.

Seit über 50 Jahren ist Deutschland ein Einwanderungsland für Menschen aus Südeuropa. Ein Einwanderungsland war es vorher auch schon, aber da kamen die Menschen aus anderen Gegenden, und sahen wenigstens sagenwirmal mitteleuropäisch aus, da fiel es leichter über mangelnde Assimilation hinweg zu sehen. Denn um Integration ging es nie. Integration würde voraussetzen, dass eine Erkenntnis darüber vorherrscht, dass die aufnehmende Gesellschaft keineswegs homogen ist und die hinzukommenden die vorhandende Heterogenität erweitern.
Findet auf Twitter eine der allseits beliebten Brauchtumsabgleichungsdiskussionen statt, stellt sich schnell raus, dass Friesinnen und Bayern, Saarländer und Brandenburgerinnen nicht viel gemein haben. Außer ihrem Pass und der Sprache und selbst beim letzteren kommen angesichts unserer Freunde aus den Alpenprovinzen Zweifel auf. Markus Söder und Alice Weidel sind Erdoğan politisch deutlich näher als mir. Ich erinnere mich an ein Klebeheftchen zur WM 1982, bei der die deutschen Nationalspieler auch ihre Lieblingsinterpreten angegeben hatten, mein 13jähriges Ich geriet in eine echte Krise, da ich kurzzeitig nicht wusste, ob ich auch zukünftig eine Mannschaft anfeuern könnte, die anscheinend ausschließlich aus Menschen bestand, die Nicole toll fanden. Nicole! Bei allem, was recht ist, so schlechter Musikgeschmack kann doch nicht deutsch sein und wenn doch, was bin ich dann?

Das deutsche „Wir“ ist, wie immer, ein konstruiertes, weil es die Unterschiede ignoriert. Das kann vereinen, das ist in Ordnung, wenn es denn ein deutsches „Wir“ überhaupt braucht. Das Problem: Ohne „Sie“ gibt es kein „Wir“. Und in dem Moment, in dem das „Sie“ eine Rolle spielt, ist die Ignoranz der inneren Unterschiede katastrophal. Warum gehören Menschen, die 40 Jahre in unterschiedlichen politischen und sozialen Systemen gelebt haben, zusammen, Menschen, die in den 40 Jahren Tür an Tür gelebt haben, aber nicht? Warum gehören Menschen, die schrecklich reaktionäre Schlagermusik lieben, dazu, Menschen, die beispielsweise Bengi Bağlama Üçlüsü hören, aber nicht? Selbstverständlich ist, wenn Sie mich fragen, eine Unterstützung Erdoğans eine politische Katastrophe, aber, entschuldigen Sie mal, es gibt in diesem Land Menschen, die regelmäßig die FDP wählen, eine Partei, die mehr als jede andere offen dazu steht, dass es ihr komplett egal ist, wie es 95% der Menschen in diesem Land geht. Die dürfen aber Deutsche sein, oder wie oder was? Ich kann Teile meiner Familie bis ins Jahr 1520 zurückverfolgen, ich bin as deutsch as it gets, aber Menschen, die Grünkohl mögen, sind mir höchst suspekt und ich glaube nicht, dass ich viel mit denen gemein habe. Einige meiner besten Freunde sind Grünkohlesser, aber wenn es hart auf hart kommt und ich mich zwischen denen und jenen, die meinen Döner herstellen, entscheiden muss: Tschüssi, Freunde, war schön mit Euch.

Nahezu alles, was im Folge der Özil und Gündoğan-Fotos diskutiert wurde, sitzt dem falschen Verständnis von Integration auf. Selbstverständlich sollen Türken hier leben dürfen, sie dürfen auch gerne ihre Speisen mitbringen, und ja, da sind wir ja nicht so, ihre Kinder auch Mohammed, Ilkay oder Mesut nennen. Schlauer wäre es halt, sie würden sie Moritz, Michael oder Richard nennen, dann hätten sie bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber selbst schuld. Und ja, okay, wenn sie lang genug und verhaltensunauffällig hier leben, dürfen sie sich auch „deutsch“ nennen. Bei den Werten ist dann aber Schluss mit lustig. Ein Foto mit Erdoğan zu machen, geht auf gar keinen Fall. Nicht vereinbar mit unseren Werten. Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und ihre Helfer vor Gericht zerren, DAS sind deutsche Werte. Dem Mann aus Istanbul, mit dem ein richtiger Deutscher kein Foto machen darf, Waffen zu verkaufen, damit er Menschen in Not bei sich behält und ihnen die Weiterreise verweigert: Deutsche Werte.

Integration ist keine Rosinenpickerei. Über Werte zu diskutieren und zu streiten ist richtig und notwendig. Mit Erdoğan-Unterstützern ebenso wie mit Seehofer-Fanboys. Falls es nach den vergangenen Wochen Letztere noch gibt, abgesehen von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Dass der Mann, der Abgeordnetenbestechung ganz okay fand, als er selbst noch Abgeordneter war, Mesut die Schuld gibt, dass Thomas, Timo und Manuel eine schlechte WM gespielt haben, zeigt jedenfalls deutlich, dass er bis heute nicht verstanden hat, wie Integration funktioniert und dass die aufnehmende Gesellschaft nur in seinen feuchten Träumen homogen ist. Und es zeigt, dass er zwar ein würdiger Nachfolger von Hermann Neuberger, aber kein geeigneter DFB-Präsident ist.

Der SuperSonderSpezial-Podcast zur historischen Saison des 1.FC Köln 2017/18

Ja, juten Tach.

Vor ziemlich genau auf den Tag saßen landauf, landab Fans des 1.FC Köln starr vor Staunen und konnten ihr Glück nicht fassen. Nach zwanzig Jahren im Fahrstuhl zwischen erster und zweiter Liga waren nicht nur die schon guten vergangenen drei Erstligajahre noch getoppt worden mit einem grandiosen fünften Tabellenplatz, zudem war auch noch nach fünfundzwanzig Jahren erstmals der Europacup erreicht worden. Un-fucking-fassbar. Grenzenlose Freude allerorten. Der 1.FC Köln ist wieder da.

Ein Jahr später sitzen wir in den Ruinen unserer Träume, während uns der Putz der Decke, die die glorreiche Zukunft des 1.FC Köln sein sollte, auf den Kopf fällt. Alles kaputt.
Abgestiegen mit der schlechtesten Punkteausbeute des Vereins jemals. Eine Hinserie, die eine Katastrophe historischen Ausmaßes war. Trainer und Manager, vor einem Jahr noch für bis in alle Ewigkeit geherzt und geliebt – weg. Der Vorstand, sowieso ob des sportlichen Desasters angeschlagen, mit einem unerklärlichen Kommunikationsverhalten immer darum bemüht, Öl ins Feuer zu kippen. Der 1.FC Köln ist wieder weg.

Und mitten drin ich, der ich es mir in den Jahren zuvor angewöhnt hatte, zwischendurch immer wieder einmal die Geschehnisse rund um den 1.FC Köln in einer kleinen, aber feinen Therapierunde besprechen zu können. Gemeint ist natürlich der Bockcast, Axels (dervierteoffizielle) Podcast zum effzeh, den der aber unglücklicherweise zu Beginn der hinter uns liegenden Saison eingestellt hatte. Und so sammelte sich mein Redebedarf und wuchs und ward mehr und mehr.

Bis es mir reichte, am Saisonende. Und ich beschloss, dass diese Saison eine gründliche Analyse bedarf. Und rief zwei Experten, von denen ich wusste, dass beide nicht weniger litten, dafür aber mindestens ebenso viel zu sagen hätten. Also flugs den Axel eingeladen, den Thomas von effzeh.com dazu gebeten und schon war er geboren, der SuperSonderSpezial-Podcast.

Ich nahm mir vor, alles zu besprechen. Den Niedergang, die Konflikte, die Personalien. Die Hinrunde, die Entlassungen, der Europacup, die Ultras, die neuen Figuren in der sportlichen Leitung, der Vorstand und sein Verhalten. Eine Saison im kompletten Rundumblick. Drei Stunden waren veranschlagt, fünf sind es geworden. Sorry!
Et voilà.

Einen dicken Dank natürlich an Axel und Thomas für die Teilnahme, für Axel nochmal besonders für die technische Hilfe. Und an alle, die sich das anhören.
Musik ist von mir. Also die ganz vorne und ganz hinten. Die da zwischendurch kurz mal eingespielt wird, die nicht.

Sehr geehrter Herr Spinner,

erinnern Sie sich noch? Damals, als Sie nach den langen, düsteren Jahren des Sonnenkönigs an der Spitze des glorreichen 1.FC Köln von dessen Mitgliedern zum Präsidenten gewählt wurden? Ihre Wortmeldungen an diesem Tag, erinnern Sie sich? Bevor Sie gewählt wurden, sagten Sie: „Das Wichtige ist, dass man alles in Teamarbeit und mit allen Gremien zusammen macht“ und hinterher, nachdem Sie gewählt wurden von den Mitgliedern, die erleichtert waren, dass da endlich jemand an der Spitze des Vereins stand, der sich, so schien es, nicht wichtiger nimmt als die Mitglieder selbst: „Mit diesem Votum haben Sie den ersten Schritt zur Vereinigung des Vereins unternommen“.

Zugegeben, der Verein stand damals mit dem Rücken zur Wand. In jeder Hinsicht. Finanziell lugte der Bankrott um die Ecke, sportlich stand die Mannschaft vor dem fünften Abstieg, Vorstand, Trainer und Sportdirektor waren fort und innerlich schien der Verein zu zerbrechen. Zwischen Verein und den verschiedenen Fangruppen war ein großer, tiefer Graben entstanden, ein Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Abneigung.

Und dann begannen Sie zu arbeiten. Und Sie arbeiteten gut. Sie retteten den Verein vor dem Bankrott, stellten den Verein langsam aber behutlich sportlich neu und erfolgreich auf und, vor allem, gingen auf die Fans zu. “Wir teilen den Fans mit, was uns wichtig ist. Sie teilen uns mit, was ihnen wichtig ist. Die Fans diskutieren untereinander. Wir haben eine gewisse Normalität im Dialog erreicht. Die Etablierung der Kommunikation ist Tagesgeschäft geworden” sagten Sie dazu, und das war gut so. Denn das, so schienen Sie erkannt zu haben, ist der einzige Weg einen Verein zu führen. Miteinander zu reden, zu streiten, womöglich nicht immer mit Samthandschuhen, aber eben immer in Fairness. Vermutlich war das wichtiger als die finanzielle oder sportliche Rettung, die Rettung der Seele des Vereins.

Das war damals, fünf Jahre ist es her. Und doch scheint derzeit mehr als ein Jahrhundert her zu sein. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: Wer sind Sie, und was haben Sie mit Werner Spinner gemacht?

Ich möchte an dieser Stelle nicht die Diskussion um die Inhalte der Satzungsänderungsinitiative „100% FC“ führen. Das wäre sicher auch wichtig, aber bevor wir diese Diskussion führen können, müssen wir Sie, Herr Spinner, leider noch einmal an Grundlegendes erinnern. Anlass dafür ist, das haben Sie sicher schon erraten, Ihre Reaktion auf eben jene Satzungsänderungsinitiative. Durch diese Initiative, so verkündeten Sie den zur Saisoneröffnung gekommenen Massen, würde „Misstrauen hereingebracht“. Dies waren nach Wochen des Schweigens des Vorstandes zu dieser Initiative die ersten Worte und sie sind, schlimm, denn sie sind vergiftet.

Ihr einziger Zweck scheint die Diffamierung der Ihnen offenbar missliebigen Initiative zu sein. Als ich in deren FAQ das erste Mal las, war ich positiv überrascht. Viel Mühe hatten sich die Initiatoren gegeben, um zu erklären, dass Sie, Herr Spinner, und der übrige Vorstand bisher wirklich gute Arbeit geleistet hatten. Dass es eben nicht darum ginge, Ihnen und dem Vorstand im Allgemeinen und im Besonderen zu misstrauen. Sondern dass eben die Werte, die Sie am Anfang wieder und wieder zu Recht predigten, dass das Miteinander für den Verein, auch dann wichtig sind, wenn es um Ziele geht, die Ihnen vermutlich inhaltlich missfallen.

Ich lese Ihre Worte von damals, Herr Spinner und lese Ihre Worte von jetzt und ich frage mich, was ist nur geschehen? Wie kann es sein, dass Sie plötzlich wirken, als seien Sie der leibhaftige Sonnenkönig, der beleidigt ist, weil seine Untertanen (sic!) nicht so wollen, wie er will? Ich frage mich, Herr Spinner, war das schon immer so und Ihre damaligen Worte bloß Blendwerk, heißer Rauch, das Papier, auf dem sie fortan aufgeschrieben wurden, nicht wert? Oder ist Ihnen der sportliche Erfolg, an dessen Erringen Sie unzweifelhaft Teil hatten, zu Kopf gestiegen?

Vor dem Verein, das wissen Sie genauso gut wie ich, liegen schwere Zeiten. Von der sportlichen Herausforderung in Kombination mit den in den Himmel gewachsenen Ansprüchen mal ganz zu schweigen, sind die Themen Stadion, Müngersdorf und eben ein potentieller Teilverkauf des Vereins an einen investierenden Spekulanten extrem sensible Gebiete. Gebiete, bei denen es mit aller Vorsicht zu steuern und zu lotsen gilt, wollen wir nicht alle zusehen, wie der Klub sich wieder in seine hunderttausend Bestandteile auflöst. Sie haben offenbar beschlossen anstelle eines behutsamen Miteinanders Kanonen in Stellung zu bringen. Das ist nicht nur sehr enttäuschend, sondern bewirkt auch genau das, was Sie der Initiative „100% FC“ vorwerfen: Sie säen Misstrauen. In Sie, den Vorstand und Ihre Fähigkeit diesen Verein auch weiterhin zu führen. So schwer mir das nach den tollen fünf vergangenen Jahren fällt zu schreiben.

Ich verstehe das nicht. Ich hielt Sie immer für einen schlauen Menschen, und nicht jemanden, der aus getroffener Eitelkeit heraus mit dem Ölfass ums Feuer tanzt. Offenbar habe ich mich geirrt. Das ist sehr enttäuschend.

Mit freundlichen Grüßen,
icke.

Bilbo und die Beutlins. Ein Reisebericht.

Alle Jahre wieder, so schreiben es die Gesetze, begeben sich eine bis zwei Handvoll unionaffiner Fußballfans auf eine Reise gen Irgendwo. Ein ausgeklügeltes Regelwerk, welches von mal zu mal komplizierter wird und dessen Inhalt hier wiederzugeben das Internet in seiner gesamten Bandbreite erschöpfen würde, würfelt die Ziele aus. Die geneigte Leserin und der interessierte Leser haben vielleicht noch vorherige Reiseberichte in Erinnerung, alle anderen mögen sich hier gütlich tun: Was bisher geschah.

Dieses Mal schickte uns das regelgezähmte Schicksal nach Bilbao im Baskenland. Zu den Regeln gehört es, dass mindestens die Anreise mit dem Zug erfolgt und so bringt uns der Nachtzug von Paris nach Irún und von dort aus geht die Reise nach Bilbo, wie wir Basken sagen. Heimstatt des Athletic Club, mitnichten Athletic Bilbao, das sagen ja nur Menschen, die auch Arsenal London sagen. Also fast alle. Aber ich schweife ab. Bilbo jedenfalls ist fest in rot-weißer Hand, überall sind die schönsten Farben der Welt zu sehen in der baskischen Hafenstadt, ob beim Friseur, beim Rahmenmacher im Schaufenster oder in den vielen Pintxobars: Athletic ist überall.

Rot-Weiß ist überall, hier als naive Wandmalerei, Dispersionsfarbe auf Putz. Klick: größere Ansicht.

Auch direkt vor der Haustür unseres Hostels; treten wir nämlich morgens vor die Tür, begrüßt uns in direkter Sichtweite das San Mamés, das 2013 neugebaute Stadion Athletics. Für Freunde neumoderner Fußballarchitektur ist es sicherlich hübsch, wir finden es zumindestens imposant und immerhin steht es an der selben Stelle wie der 100 Jahre zuvor gebaute Originalbau und nicht irgendwo auf der grünen Wiese. Man ist ja schon mit wenig zufrieden heutzutage.

Das San Mamés, Heimstatt des Athletic Club. Nachts leuchtet es manchmal rot und erinnert aus der Ferne ungut an das Totengräberstadion in München. Klick: größere Ansicht.

Viel näher kommen wir dem Stadion allerdings nicht, denn die Reiseplanung unserer elfköpfigen Gruppe ermöglichte keinen Termin, der ein Heimspiel eingeschlossen hätte. Das ist doof, aber nicht zu ändern und, wir sind ja nicht nur nach Bilbo gefahren sondern auch ins Baskenland, es gibt ja noch andere baskische Vereine. Real Sociedad San Sebastian zum Beispiel. Die ein Heimspiel haben, gegen FC Granada, extrem abstiegsgefährdet, während Real Sociedad noch um die theoretische Chance des Einzugs in einen europäischen Wettbewerb kämpft.

Also flugs in den Euskotren gestiegen und einmal quer durch die malerischen baskischen Hügelausläufer der Pyrenäen. Und wir werden nicht enttäuscht, der Stadionaufenthalt bietet alles, was der durchschnittliche deutsche Ultrá hasst. Der alte Mann in mir findet das alles sehr gemütlich, aber zugegeben, der erste richtige Sonnentag in diesem Jahr unterstützt das Ganze und unterm Strich ist es auch mir unheimlich. Wir sitzen jedenfalls in der Sonne, während irgendwo am anderen Ende des mit Laufbahn versehenen Stadions ca. 30 Mann versuchen, so etwas wie Ultrástimmung zu entfachen, dabei aber vom Rest des Stadions geflissentlich ignoriert werden. Dort findet sich ein Durchschnitt durch die Gesellschaft: Deutlich mehr Frauen und Kinder als in einem deutschen Stadion, alle Altersklassen, und trotz der happigen Preise (wir nehmen die günstigsten Tickets und zahlen 25 €) auch quer durch alle Schichten. Die Stimmung ist mehr als mau, handgezählte vier Mal hallen kollektive Anfeuerungsrufe durchs Rund, und wenn es zu einer Ecke für die Heimmannschaft kommt, erschallt der Rhythmus des Queenklassikers „We will rock you“ vom Band. Dafür aber sitzt vier Reihen hinter uns ein älterer Mann mit Megaphon, der ab und an unseren Teil der Kurve beglückt. Immerhin: Er beleidigt niemanden der um ihn herum Sitzenden, weil die nicht so mitmachen, wie er sich das wünscht, wie man das ja von den Megaphonmännern deutscher Ultrás gewohnt ist.
Es ist also für die Verfechter deutscher Fußballkultur, die inzwischen ja weitestgehend unlösbar verquickt ist mit der Ultrákultur, ein ziemliches Grauen. Aber eben auch sehr gemütlich und vollkommen eventfrei. Fast niemand der 18.000 Zuschauer läuft Gefahr, in Ekstase zu geraten, dafür trägt auch niemand irgendwelche Anspruchshaltungen vor sich her. Es ist ein fast ursprüngliches Stadionklima, das Geschehen auf dem Platz ist der Grund, warum die Menschen hier sind, nicht das Event, nicht das Erlebnis, nicht die eigene scheinbare Wichtigkeit.

Das Estadio Anoeta, Real Sociedad San Sebastian Klick: größere Ansicht.

Auf dem Platz stehen derweil zwei Mannschaften mit chinesischen Schriftzeichen auf der Brust, zwei Akteure in den Reihen der Gäste kennt man, einerseits der mexikanische Torwart Ochoa, der bei der WM in Brasilien für Aufsehen sorgte und andererseits der von Dortmund ausgeliehene Adrián Ramos. Ersterer wird an diesem Mittag zweimal hinter sich greifen müssen, das erste Mal, als ein Spieler Real Sociedads den Ball von von der Torauslinie kratzt und in die Mitte gibt, wo einer seiner Mitspieler der einzige ist, der ob des vermuteten Aus nicht abgeschaltet hat und das zweite Mal während der Schlussoffensive der Gastgeber. Ramos hingegen ist es, der mit einem sehenswerten Kopfball den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt. Am Ende aber ist klar: Der FC Granada steht nach sechs Jahren Erstligafußball als Absteiger fest.

Wenn am Ende der Straße das Estadio Municipal de Ipurua lockt. Klick: größere Ansicht.

Bei all dieser Glamourfreiheit ist es gut, dass wir am nächsten Tag noch ein weiteres baskisches Eisen im Feuer haben. Der SD Eibar spielt auf. Und hier haben wir es wirklich mit einem Kleinod zu tun. Die Kleinstadt in den Hügeln des Baskenlandes zählt 27.000 Einwohner und das Stadion fasst nur 6.287 Plätze, die an diesem Tag nicht einmal ausverkauft sind, wie so oft, wenn wir dem Internet glauben dürfen. Doch damit nicht genug des Ungewöhnlichen: An der Bande prangt stolz der Spruch „Another football is possible“ und das bezieht sich nicht nur auf das Wunder, dass dieser winzige Klub erstmals in seiner Geschichte seit drei Jahren Erstligist ist, sondern auch darauf, dass er den gut 10.000 Mitgliedern gehört. Das hier ist klein gedacht und (natürlich auch aus Mangel an anderen Möglichkeiten) klein gemacht. Und es ist gut so. Ein Stadion zum Verlieben. Über die das Stadion umrundenden Hügel kriechen die tiefhängenden Wolken und der Regen will 90 Minuten lang nicht weichen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch, die ca. 4 Reihen Ultrás melden sich immer wieder mal, aber auch der Rest des Stadions feuert an. Es gibt sogar einen Block Gästefans des abstiegsbedrohten CD Leganés, in Spanien eher eine Seltenheit.

Das kleinste Stadion der Primera Divisón mit dem Turm für die Logenplätze. Klick: größere Ansicht.

Fußballerisch ist insbesondere die erste Hälfte eher mühselig, allein der aus Frankfurt und Bochum bekannte Inui fällt ab und an torgefährlich auf. In der zweiten Halbzeit aber drehen die Gastgeber auf und kommen zu einem hochverdienten 2:0 Sieg. Allerdings wird auch der nicht mehr zum Sprung auf einen UEFA-Cup-Platz reichen, was dem Wunder aber auch eine ungeheure Krone aufsetzen würde. Einziger Wermutstropfen ist auch hier der ebenso hohe Eintrittspreis. Fußballfan in Spanien zu sein ist eine sehr teure Angelegenheit. Unabhängig davon wäre es sehr schön, wenn es diesem Kleinod gelänge, sich möglichst lange in der ersten Liga zu halten.

Ein großer Grund zur Heiterkeit ist die sowohl in San Sebastian als auch in Eibar auf den Werbebanden abgespielte Kampagne der spanischen Liga: „When piracy appears, football disappears“ steht da. Deutlicher kann man wohl kaum sagen, dass jene, die über unser medial vermitteltes Bild vom Fußball bestimmen, bei selbigem nur an eins denken: Den Profit. Ohne ihn jedenfalls, so die Botschaft, gibt es gar keinen Fußball mehr. Wir lachen lange und laut.

Bitte keine Drohnen und kein Klopapier mitnehmen (San Mamés). Klick: größere Ansicht.

Das war es schon mit Livefußball. Die Zersplitterung des spanischen Spieltags und die anschließenden Halbfinals der Champions League und der Europaleague machen es allerdings möglich, dass wir in den kommenden Tagen täglich und in jeder Kneipe Fußball sehen können. Dabei ist zu beobachten, dass das madrilenische Halbfinale in der Champions League hier auf nicht mehr Beachtung trifft als sagen wir mal Ajax – Lyon am Tag darauf. Das hier ist das Baskenland und auch wenn die ETA vor gut einem Monat ihre Waffen abgegeben hat – der zu Zeiten des Faschisten Franco begonnene bewaffnete Konflikt um die Unabhängigkeit des Baskenlandes ist noch präsent. Zwei Vereine aus der ehemaligen Hauptstadt Francos interessieren hier niemanden.

Wir hingegen genießen noch die restliche Zeit im sehr bereisenswerten Bilbo – Kultur, Strand und der überall auf uns wartende baskische Weißwein Txakoli runden eine schöne Reise ab. Und wenn es mir nochmal gelingt, ein Heimspiel des SD Eibar zu sehen, das wäre wunderbar.

Was bisher geschah:
Jenseits des Dnjestr. Ein Fußballreisebericht fast ohne Fußball.
Und zwischen den Fahnen ein grünes Fußballfeld. Fußball in Belfast.
Vom erbärmlichen Zustand des serbischen Fußballs.
[Winterpausengeschichten] Das Spiel, daß es nie gab. Belgien.

Łukasz Józef Podolski

Das erste Mal, dass mir der Name Lukas Podolski begegnete, war noch zu B-Jugend-Zeiten. Das sei einer mit ganz großer Zukunft wurde im damaligen Fanforum (Wir hatten ja nüscht anderes) des 1.FC Köln geschrieben und vermutlich rollte ich genervt mit den Augen. Zu jenen Zeiten galt jeder Jugendspieler des Vereins, dem nicht bei drei der Ball versprang, als Omen einer besseren Zukunft, war Projektionsfläche des Wunsches, die Mannschaft würde endlich wieder erfolgreichen Fußball spielen, wenn der Verein nur endlich auf junge und lokale Spieler statt auf altgediente und satte Millionäre setzte. Ein verständlicher Wunsch, und doch ein närrischer Irrglaube, als würde die Jugend des FC aus lauter Rohdiamanten bestehen. Noch so einer also, jetzt hochgejazzt, später im Heer der Namenlosen verschwunden. Oh boy, was I wrong.

An den ersten Einsatz für die Profimannschaft, eine Niederlage des Tabellenachtzehnten gegen den HSV, kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an sein erstes Tor für den FC, das vier Wochen später folgte: Ausgerechnet ein Kopfball. Dabei waren zwei andere Tore in jener Saison merkenswerter, der Siegtreffer gegen den Gladbacher Erzfeind – spätestens da wurde er zum Helden – und jener Heber zur zwischenzeitlichen Führung gegen die Bayern, der Oliver Kahn so wunderbar alt aussehen ließ. Doch alle zehn Tore in neunzehn Spielen nützten nichts, am Ende stieg der FC ab und es spricht eine deutliche Sprache darüber, wie gut Podolskis Talent schon damals erkennbar war, dass es lange und anhaltende Diskussionen gab, ob er nicht viel zu gut für die zweite Liga sei. Damit hatte sicher auch die Nominierung zur Nationalmannschaft und dem EM-Turnier in Portugal zu tun, von den Fans bejubelt, von den Experten kritisiert. Oh boy, were they wrong.

Es wäre sicher deutlich zu viel des Guten, wenn man Lukas Podolski zuschreiben würde, er habe den Wandel in der Nationalmannschaft angestoßen. Das waren natürlich die Trainer, ein bisschen Völler, vor allem aber Klinsmann und Löw. Aber er war, viel mehr als der gleichzeitig dazustoßende Schweinsteiger, das Symbol, das Symbol einer Hoffnung auf bessere Zeiten, wieder einmal. Fast zehn Jahre lang war der Fußball der Nationalmannschaft niedergegangen. Gerumpelt wurde schon immer, jetzt aber auch noch erfolglos. Alles, was Podolski fußballerisch ausmacht, die Lust am Spiel; das große Talent; die mentale Stärke, die Zeit seiner Karriere immer nur unzureichend als „Unbekümmertheit“ bezeichnet wurde; die Schnelligkeit in Beinen, Fuß und, ja, das wird den oberflächlichen Kritiker überraschen: auch im Kopf – all das fehlte dieser Mannschaft. Seit vielen Jahren. Und all das wurde später zum Markenzeichen der Löwschen Entwicklung der Nationalmannschaft in der ersten Phase von 2006 – 2010. Podolski war die Oase im Grauen der Post-Ribbeckschen Rumpelei und später wichtiger Bestandteil des besten Fußballs, den die deutsche Nationalmannschaft je über einen längeren Zeitpunkt spielte. Vorläufiger Höhepunkt hierbei wohl die WM 2010, als der überfallartige Konterfu.. ‘tschuldigung: das schnelle Umschaltspiel in begeisternden Spielen gegen England und Argentinien mündete. Das war Podolskis Spiel, selten konnte er seine Fähigkeiten besser ausspielen.

Schwierig wurde es immer dann, wenn der jeweilige Trainer auf Ballbesitzfußball Wert legte oder der Gegner sich regelmäßig weit zurückzog. Beim FC Bayern war dies weitgehend der Fall – womöglich Podolskis schlechteste Karriereentscheidung. Das endlose herumpassen des Balls, das ewig indirekte Spiel, nicht seins. Nicht nur, aber auch, weil ihm dazu der rechte Fuß fehlt, so unglaublich stark der linke, so schwach der rechte, immer schon. Auch deshalb fand er sich bei Löw nach dessen taktischer Umstellung ab der EM 2012 immer häufiger auf der Ersatzbank.

Dass es auch bei Mannschaften dieser Art anders geht, zeigte die kurze Zeit unter Heynckes am Ende seiner Zeit bei den Bayern: 5 Spiele, 5 Torvorlagen, 2 Tore. Es gibt diese Spieler, die unter fast jedem Trainer ihre Höchstleistung abrufen können und dann jene, die einen Trainer brauchen, der sich darum bemüht, die Spieler individuell anzusprechen und sie so zu ihren besten Leistungen zu bringen. Podolski ist so einer. Das wird in Deutschland dann gerne mit Nestwärme verwechselt und unter dem Strich negativ gesehen: Wer nicht immer und unter allen Umständen Leistung abliefert, will ja eigentlich gar nicht.

Überhaupt haben sich manche Vorurteile nicht von der Zeit hinfort spülen lassen. Ein simpler Geist sei Podolski, sagen sie, und vergessen dabei immer, dass Deutsch nur seine Zweitsprache ist. Sicher und ohne Zweifel, Phillip Lahm ist ein eloquenterer Gesprächsgast, aber kann er das auch auf polnisch? Und wer immer noch, wie dieser namhafte Blogger, glaubt, Podolski sei „defensiv nicht existent“, war in den vergangenen 13 Jahren vermutlich mehr damit beschäftigt, seine Vorurteile zu pflegen, als Fußball zu gucken. Ich jedenfalls habe lebhaft vor Augen, wie Podolski zum Beispiel zu unseligen Solbakken-Zeiten wieder und wieder dem eigentlich hinter ihm postierten, aber leider häufig überforderten Christian Eichner aushalf. Ein Problem, welches ihm auch in der Nationalmannschaft begeleitete: Wer es schafft, ohne nachzusehen, alle linken Verteidiger der Jahre 2004 – 2016 aufzuzählen, kriegt ein Eis von mir. Ein Tipp: Gut waren die meisten nicht.

Aber nun ist es auch wurscht. Das letzte Länderspiel, die Nationalmannschaft, zu der ich immer ein gespaltenes Verhältnis habe, wird fortan für mich nicht mehr dieselbe sein. Podolski warf das Licht, das die Schatten vertrieb. Und auch im Trikot des von ihm wie von mir geliebten Vereins wird man ihn nicht mehr sehen, ein Drama. Man stelle sich vor, Peter Stöger hätte jetzt den 19jährigen Podolski zur Verfügung. Ach, ach.
Aber jetzt nicht sentimental werden, ein letztes Mal noch genießen, bevor es dann für immer heißt: Podolski fehlt an allen Ecken und Enden.

Eine Begegnung bei Rosi’s

[Was im Jahr zuvor geschah.]

Es ist gar nicht so einfach, ihn zu fassen zu kriegen, den Spielbeobachter, den Mann, der es schaffte, zwei Mal hintereinander im Finale des DasTunier™, des großen Fußballsturniers des tkschlands zu stehen.
Kein einziges Interview hat er den Medien gegeben seit jenem Moment, in dem sich alles änderte für ihn, seit jenem Moment, in dem der große Traum der Titelverteidigung seinen traurigen Tod starb, jenem Moment, in dem die Hoffnung seinen Fuß verließ und sich auf den neun Meter langen Weg machte, um nie da anzukommen, wo sie hin sollte. Untergetaucht sei er, so heißt es und in der Tat wir haben enorme Schwierigkeiten ihn aufzufinden. Die Schwester der Nachbarin des Schwippschwagers der Putzfrau eines ehemaligen Jugendfreundes ist es schließlich, die uns auf die richtige Fährte bringt und deren zu Dank wir eine Telefonnummer erhalten. Am anderen Ende meldet sich eine Stimme, unbekannt, männlich, ohne sich vorzustellen. Sie verrät uns, wo wir ihn finden. „Rosi’s Tränke“ heiße die Kneipe, am besten gehen wir schon vormittags hin, da „ist das mit dem Alkohol noch ganz in Ordnung, später wird es halt schwierig mit der Sprache, Sie verstehen schon“. Die Stimme legt auf, und wir machen uns auf den Weg.

„Bei Rosis“ ist nicht gerade die Haute-Couture der Gastronomie, an den Wänden hängen vergilbte Poster der Siegermannschaft des DasTunier™ 2015, aus der Jukebox läuft Moskau von Dschinghis Khan und in der Luft steht der dichte Qualm schlechter Zigaretten. Und tatsächlich, hinten am Ende des Tresens sitzt er, der Spielbeobachter, vor sich ein „Herrengedeck“, eine Molle und ein Korn, dem im Verlauf unseres Gesprächs noch mehrere folgen sollen.

Er ziert sich, als wir ihn ansprechen, man könnte auch sagen, er flucht und schimpft, aber nach langer Diskussion ist er schließlich bereit zu einem Interview.

Herr Spielbeobachter, es ist ja nicht so einfach Sie zu finden, schön, dass es doch noch geklappt hat.

Schön? Ich geb Dir gleich schön, Du Hans Wurst!

Äh. Doch, doch, wir finden das durchaus schön, schließlich haben Sie sich ja noch gar nicht geäußert zum diesjährigen DasTun..

Hasscup. Das Ding heißt Hasscup. Geh mir weg mit dieser Scheißkommerzialisierung. DasTunier, wenn ich das schon höre! Du hast als Kind bestimmt zu oft Zuckowski oder wie der Vogel heißt, gehört, dass Du auf so einen Scheiß reinfällst.

Wir atmen durch. Das wird noch zäher als gedacht.

Herr Spielbeobachter, es war ja von vorneherein klar, dass es schwierig werden würde mit dem erneuten Titelgewinn, es sind ja einige Stammkräfte weggebrochen und die Mannschaft musste fast völlig neu zusammengestellt werden.

Stammkräfte, Schmammkräfte. Das ist doch alles Kokolores, was Du hier erzählst, Junge. Klar, da waren einige nicht dabei vom letzten Jahr, der Collini hat lieber in der Sonne gesessen und der Reese hat sich verdünnisiert, und der Ralle war in Hollywood oder so, klar, die waren nicht da. Aber egal, wir hatten trotzdem gute Leute. Allein um den jungen Jayjay war es schade, der hätte uns Spaß gemacht…. Aber benutz doch auch mal Deinen Kopf, Junge, ein einziges Mal in Deinem unnützem Leben, da waren doch Topleute am Start. Pferdelunge Henry Senior, was der gerannt ist! Und hier, der Rebiger, anfangs jedenfalls. Und natürlich unsere beiden Nachwuchskräfte Tjark und Henry Junior. Was die gespielt haben! Bombenjungs!

Und natürlich der Kapitän.

Ah, ja, der große Kamke. Fantastisches Turnier gespielt. Torschützenkönig, MVP in jedem Spiel, selbst wenn wir gar nicht gespielt haben. Toll. Und der Teqqy, vergiß den mal nicht, Du Pfeife!

Es fing ja auch ganz gut an.

Ja, sicher. Gegen #Twerder. Dolles Spiel. Ich hab da ja sogar ein Tor gemacht. Als Verteidiger, ha! Lag halt am tollen Sololauf von Kamke vorher.

Fast wirkt er jetzt etwas aufgeräumt und die Angst, dass er uns gleich das leergetrunkene Schnapsglas um die Ohren wirft, schwindet das erste Mal.

Erst dachte ich ja, das war’s. Wenn man mit einem klaren 3:0 Sieg in das Turnier startet, dann kann einen ja eigentlich nichts mehr aufhalten. Aber so im Nachhinein muss ich sagen…. ich hab da schon gemerkt, dass ich körperlich nicht voll austrainiert war. Aber schreib das nicht, Du Flitzpiepe, sonst glauben die Leute noch, ich würde nach einer Entschuldigung suchen!

Dann kam die erste Begegnung mit #allesraushauen

Rosi! Ich brauch Nachschub!

Was soll ich sagen? Hat ja jeder gesehen, wie Rebiger vom Platz getreten wurde und die Herren in Gelb daneben standen und fröhlich “You never walk alone” vor sich hinpfiffen. Dass die direkte Folge der völlig unberechtigte Ausgleich war, hat auch jeder gesehen, ich mein, wie soll ich denn drei Stürmer aufhalten, alleine, wenn da zwei Meter entfernt der Rebiger liegt und vermutlich für den Rest seines Lebens nie wieder richtig laufen kann? Ich bin doch auch keine herzlose Maschine!

Der Korn kommt und verschwindet und mit offenbar bekannter Geste wird ein neuer bestellt.

Im Spiel zwischen #twerder und Rot-Weiß Fressen fiel dann ja das Tor des Turniers, das berühmte Hackentor des jungen Eschers. Stimmt das Gerücht eigentlich, wonach der Spieler schon so gut wie verpflichtet war für Ihre Mannschaft?

Was heißt denn „so gut wie“, Freundchen? Der war fest eingeplant. Der hatte unser Trikot ja schon an. Und dann wechselt der plötzlich. Und dann standen wir da, vor dem letzten entscheidenden Gruppenspiel, ohne Auswechselspieler. Escher abgeworben, Rebiger fast ins Grab getreten! Zum Glück konnten unsere Wundermanager dann ja einen neuen Spieler aus dem Hut zaubern. Den Heynoon. Guter Mann, wenn er auch wirklich abartige Vorlieben hat, aber gut, das gehört hier ja nicht hin. Mussten wir uns ja erstmal einspielen und das im wichtigsten Gruppenspiel. Ham wa dann ja auch gewonnen. Müssen wir wohl, sonst wären wir ja nicht ins Finale gekommen, auch wenn ich mich nicht mehr so gut erinnern kann. Der Zusammenstoß, alles schummrig, mir brummte der Schädel.

Die Schnäpse wechseln jetzt schneller die Tresenseite. Die Jukebox spielt „Die weißen Tauben sind müde“. Wir müssen auf das Finale kommen.

Es gibt ja Stimmen, die ob der überaus defensiven Grundhaltung Ihrer Mannschaft davon sprachen, dass das Finale vercoacht war.

Vercoacht? Wer schreibt denn so einen Müll? Vercoacht. Alter. Vercoacht ist das neue Schwarz, oder was? Wir waren müde, am Arsch waren wir. Am Arsch! Auf der anderen Seite diese ganzen vor Kraft strotzenden Jünglinge wie der mirkchief, der Bimbeshausen, der Lindenau mit seinem Bums oder der BauerJaM. Eppinghover, fritzelisches – das sind doch alles Jungs, die gerade erst anfangen zu rennen. Wir rennen schon unser ganzen Leben lang. Musste hingucken, verstehste das auch. Der Kamke, wer auch sonst, macht das 1:0 und dann lassen wir sie rennen. Brauchste keinen Matchplan, hat ja auch super funktioniert bis kurz vor Schluß…. Haste Henry Senior gesehen? Was der da hinten abgeräumt hat? Sagenhaft. Und die Jungschen, der Tjark und der Henry Junior? Gerannt sind die, bis zum Umfallen. War alles richtig. Bis zur allerletzten Minute, bis der BauerJaM da diesen Glückssonntagsschuß zwischen drei Spielern durch zimmert.

Ein tolles Tor.

Ein tolles Tor? Ein Kacktor war das. So.

Wir könnten jetzt auch einen Schnaps gebrauchen. Das Neunmeterschießen..

Der Spielbeobachter senkt den Blick und entdeckt am Grunde seines Bierglases offenbar Interessantes. Wir warten. Jetzt bloß nichts falsches sagen.

Haste gesehen, wie der Kamke den reingezimmert hat? Weltklasse!

Haben wir, die Wiederholungen liefen ja tagelang auf allen Kanälen. Wir schweigen trotzdem lieber. Dann endlich:

War halt scheiße geschossen. Zuckt mit den Schultern, zündet sich eine Zigarette an und starrt Rosi an. Ich mein, wie sie jetzt alle den FCBlogin abfeiern, ich lach mich tot. Die Katze von Eimsbüttel oder was? Ich mein, klar, der hat das ganze Turnier über sehr gut gehalten, aber wenn er den nicht hält, hätte er gleich Eckfahne werden können. Eckfahne, verstehste? Den hätte ja sogar ich gehalten und zwar nachdem ich ihn geschossen hab.

Stört es Sie, dass alle Welt nur über Ihren verschossenen Neunmeter sprach, nur weil es der entscheidende war, obwohl insgesamt sechs von neun verschossen wurden?

Du Blendgranate! Das ist doch völlig Wurst, wie viele Neunmeter jemand verschießt, solange noch einer danach kommt, der ihn reinmacht. Der kam halt nicht. Und das war ich. Einfaches Einmaleins. In der Schule wohl lieber Deinem Hamster die Nägel lackiert, wa?

Sind die Gerüchte, dass Sie Ihre Fußballschuhe jetzt an den Nagel hängen und im kommenden Jahr nicht versuchen werden, den Titel zurückzuerobern, denn wahr?

Es folgt ein langer Blick und ein längeres Schweigen. Ein Schulterzucken, dann werden die Gläser geleert, auf den Tresen gestellt und Geld daneben gelegt. Er steht auf, winkt Rosi, klopft uns im Vorbeigehen auf die Schultern und schreitet mit leicht torkelndem Schritt hinaus.

Wir gehen hinter ihm her, sehen ihn von dannen schlurfen. Zwei Jungs mit Ball unter dem Arm, deren Weg er passiert, drehen sich zu ihm um und blicken sich an und fragen einander: „War das der Mars?“

[Anmerkung der Redaktion: Leider stand Herr Spielbeobachter für eine Autorisierung des Interviews nicht zur Verfügung. Wir haben ihn nicht erreicht.]


Foto: Teilzeitborussin

[Infografikmassaker] Es gibt keine Kleinen mehr

Seit geraumer Zeit hat die Großmannssucht der Rummenigges dieses Kontinents einen neuen Namen: Superliga. Je nach Modell möchten Europas erfolgreichste Vereine für immer unter sich bleiben (ECA-Modell) oder als Elitenwettbewerb der Eliten (UEFA-Modell) über der Champions League angesiedelt werden.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Angst vor sportlichem Misserfolg und vor allem vor dessen wirtschaftlichen Folgen. Ein Verein, der aufgrund falscher Planung oder in anderen Gründen liegendem Misserfolg ein paar Jahre das El Dorado der Champions League verpasst hat, hat nur wenige Chancen den Weg an die Fleischtröge wieder zu finden.

Dieser potentielle sportliche Misserfolg soll zukünftig keine Folgen mehr haben, ein längerfristiges Scheitern ausgeschlossen werden. Was anderswo der Sinn und Zweck des Sports ist, soll nicht länger existieren: der Wettbewerb.
Dabei sind diese Pläne schon längst in die Tat umgesetzt worden, wenn auch nicht mit der gleichen tollkühnen Unverfrorenheit, wie sie nun offenbar geplant ist. Und nicht nur einmal, sondern gleich zweimal.

1992/93 führte die UEFA die Champions League ein, sie ersetze den alten Europapokal der Landesmeister. Die erste wichtige Änderung zum vorherigen Wettbewerb war dabei die Einführung einer Gruppenphase. Diese sollte garantieren, dass die “großen Vereine” nicht durch das sportliche Scheitern in Hin- und Rückspiel weitere Einnahmen verlören. Über die Dauer einer Gruppenphase, so war die Hoffnung, würden sich die großen Vereine berappeln können und am Ende durchsetzen. Als zweite wichtigere Neuerung wurden die Geldhähne aufgedreht, auf dass sich das durch die Einführung der Gruppenphase ermöglichte Weiterkommen auch richtig lohnen möge.

Das alles jedoch reichte den G14, der Vorgängerorganisation der European Club Association (ECA), nicht und so wurde in einem zweiten Schritt 1997 die Grundregel des Wettbewerbs – jeder und nur der Meister eines Landesverbandes ist qualifiziert – abgeschafft. Fortan waren bei einigen Landesverbänden auch die Zweitplazierten (Zwei Jahre später dann auch die Dritt- und Viertplatzierten) automatisch qualifiziert, während die Meister anderer Landesverbände sich erst qualifizieren mussten. Der Wettbewerb aller Meister wurde abgeschafft, die Tür geschlossen.

Während nun die nächste Eskalationsstufe gezündet wird, die endgültig verhindern soll, dass das sportliche Messen auf einer gleichen Grundlage stattfindet, frage ich mich, welche Auswirkungen denn die “Reformation” des höchstklassigen europäischen Wettbewerb hatte und hat. Und hab da mal was vorbereitet.

Was die folgende Grafik zeigt: Ich habe mir die vier besten Mannschaften einer jeden der 23 Champions League-Saisons angesehen und habe Punkte verteilt. 3 Punkte für den Sieger, 2 für den Finalisten, 1 Punkt für die Halbfinalisten. (Anmerkung: Ursprünglich hatte ich geplant, die Viertelfinalisten miteinzubeziehen, aber das Ergebnis war nicht viel anders, aber die Grafik wäre ungleich größer geworden). Das Ganze addiert und summiert und anschließend mit den Pokal der Landesmeister-Saisons von 1969/70 bis 1991/92 verglichen, also mit den letzten 23 Jahren dieses Wettbewerbs. So erhoffte ich am ehesten Vergleichswerte zu erlangen.

Und siehe da: Der Plan der großen Vereine ging auf. Die Welt ist kleiner geworden, oder um es mit Berti Vogts zu sagen: Es gibt keine kleinen mehr.
45 Clubs, denen es im Landesmeisterpokal im fraglichen Zeitraum gelang, das Halbfinale zu erreichen, stehen 30 Vereine gegenüber, die selbes in der Champions League vollbrachten. Das ist ein Drittel weniger. Und nicht nur am Ende dünnt das Teilnehmerfeld deutlich aus, auch sind die Häufungen an der Spitze klar größer geworden. Gewiß, auf den ersten Blick scheint es vorne gar nicht so unterschiedlich zu sein, dies hat jedoch andere Gründe. Sowohl dem FC Bayern (74 – 76), als auch Ajax (71 – 73) gelang es offenbar in einem bestimmten Zeitraum eine so gute Mannschaft zusammen zu stellen, dass der Pokal dreimal hintereinander gewonnen werden konnte. Das Gleiche gilt für Liverpool, die zwar nicht dreimal hintereinander, aber 77, 78 und 81 die Krone erlangen konnten. Anders der Fall in der Champions League, deren Titel ja bis heute nicht ein einziges Mal verteidigt werden konnte. Und trotzdem sind die Punktehäufungen (und analog dazu die Geldhäufungen bei den entsprechenden Vereinen) an der Spitze deutlich größer als in den 23 Jahren zuvor.

Noch deutlicher wird das ganze übrigens, wenn man sich den Spaß macht und mal die sagenwirmal ersten 13 Jahre der Champions League wegläßt, weil Folgen der Transition der beiden Wettbewerbe sich natürlich nicht sofort zeigen und, wie oben beschrieben, die Champions League auch nicht sofort die heutige Form hatte. Dann ist der Shift hin zu den groß0en vier, fünf Ligen, der schon so auf der Europakarte deutlich wird noch deutlicher. Die Ausreisser der frühen Jahre fallen weg.

Und als kleines Bonmot noch nebenbei: Auch auf nationaler Ebene hat die Einschränkung der sportlichen Wettbewerbskonkurrenz Folgen. Willkürlich habe ich die Anzahl der Meisterschaften der besten zehn Mannschaften beider Zeiträume gezählt. Das Ergebnis ist unten eingeklinkt.

Genug geredet. Grafiken sind ja dazu da, dass man sich das reden sparen kann. There you go [Disclaimer: Wie auf der Grafik angemerkt, habe ich mich für beide Zeiträume für eine aktuelle Europakarte entschieden um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Das ist natürlich historisch Superquatsch. Die UdSSR (bzw. Russland und die Ukraine), die CSSR (Tschechien), Jugoslawien (Serbien) sowie die BRD mögen mir verzeihen). So, nun aber:

Nach dem Klick öffnet sich die Grafik in größerer Ansicht.

Weitere Infografikmassaker:
Home is where your Verein is
Finaaale Ohoh – Wo?
Ausländische Spieler beim 1. FC Union Berlin
Europäische Pokalsieger nach Ländern.
Saisonübersicht des 1. FC Köln 2009/10
Where the money’s at: Import & Export.
Top Fünf Platzierungen seit Beginn der Bundesliga
Alle deutschen Europacup Siege & Finalteilnahmen
Alle deutschen Meister

Blogparade: Mixtape mit 16.

Liebe Fußballfans, Ihr müsst jetzt ganz stark sein: Es geht nicht um Fußball. Nicht mal ansatzweise. Auch nicht ich-tu-mal-so-als-ob-und-dann-von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge. Die Sache ist nur die: Mein Musikblog wird noch geplant. Seit ca. 5 Jahren. Deshalb muss der heutige Text hier erscheinen. Ich hab ja nichts anderes.
Es war so: Der @lifeofmarco twitterte vor sich hin, dass er mal ein „Damals als ich 16 war“-Mixtape erstellen würde. Es entspann sich eine Plauderei, wie das wohl aussehen würde und flugs überlegten diverse Menschen, wie das wohl wirklich aussehen würde und die Idee einer Blogparade machte den Anfang. Den Anfang machte ganz genau der @nurdertim mit seinem Mixtape.
Hier also meins:

Wir schreiben die Jahre 1985/86. Gen der ersten Hälfte des ersten Jahres werde ich 16. Die ganze Welt ist von schlechter Musik besetzt. Doch halt, nicht die ganze Welt: Metallica, Sonic Youth und zum Beispiel Nick Cave bringen wichtige Platten heraus. Nicht eine davon höre ich zu der Zeit. Stattdessen das:

Seite A:
1. Hanoi Rocks – Up around the bend. 3:07
Vermutlich hab ich in irgendeinem Metalmagazin (Haha, es gab nur den Hammer) von dieser Platte gelesen, angehört, gekauft, geliebt. Die Finnen glamrocken. Dieses Cover ist der ideale Opener.
2. Charlie Sexton – I’m not impressed 4:22
Auch von dem damals blutjungen Charlie Sexton hab ich irgendwo (diesmal war’s vermutlich das Musikexpress/Sounds) gelesen und ich glaube bis heute, dass ich der einzige Mensch bin, der das in Deutschland gehört hat. Was mir egal war. I loved it. Außerdem hatte Charlie die Haare schön.
3. Paul McCartney – Footprints 4:32
Eiserne Regel eines Mixtapes: Die 3. Nummer muss eine Ballade sein. Wer eignet sich da besser als Paule, den ich schon sehr früh toll fand, auch wenn die Platten aus den Mitachtzigern allesamt murks sind. Naja.
4. Peter Gabriel – We Do What We’re Told (Milgram’s 37) 3:22
Bleiben wir bei den Großmeistern: Dass ich die Sledgehammer-Platte kaufte und hörte war wohl eines der eher wenigen Zugständnisse an den Mainstream.
5. Les Rita Mitsouko – Marcia Baila 5:28
Nach zwei ruhigen Nummern muss es wieder los gehen: Nicht, dass Ihr glaubt, ich hätte mit 16 so eine coole Musik selbst gefunden: ich habe einen drei Jahre älteren Bruder und zu jener Zeit hatte er noch Einfluss, musikalisch.
6. The Smiths – Bigmouth strikes again 3:12
Viel Smiths hab ich da noch nicht gehört, soviel ist sicher (später auch nicht), aber auf einem Mixtape ging es gut, als Füller.
7. U2 – The new years day 5:35
Die heute unfassbar uncoolen U2 hingegen hab ich recht viel gehört, die ersten vier Platten finde ich auch immer noch ganz gut.
8. Siouxsie and the Banshees – Candyman 3:46
Siouxsie geht immer! Diese Stimme! Hach! Und überhaupt. Hach!
9. The Waterboys – The pan within 6:10
Die Platte „The whole of the moon“ hat mich lange begleitet. Wie schön diese Folkpopballade in psychedelisches abkippt.
10. Scorpions – Coming home 4:59
Ich habe genau zwei Platten von den Scorpions, eine Liveplatte aus den 70ern und die Love at first sting. Die hab ich auch gehört. Ja doch. Tut mir leid.

Seite B:
1. The Alarm – Across the border 3:39
Wir beginnen mit einem Kracher. Nein, wirklich. The Alarm wurden später unangenehm nichtssagend, aber das hatte noch Biss.
2. Kiss – Warmachine 4:17
Ein Mixtape ohne Kiss ist kein Mixtape. Was sich bei Mixtape-für-Herzensangelegenheiten manchmal als problematisch erwies. Zum Glück ist das hier keins.
3. Love and Rockets – Life in Laralay 3:33
Love and Rockets sind Bauhaus ohne Peter Murphy. Liefen rauf und runter. Runter und rauf. Bauhaus aber auch. Aber obskurerweise tatsächlich erst L&R, dann später Bauhaus.
4. Prince – Paisley Park 3:25
Die „Purple Rain“-Platte besaß ich und obwohl es insgesamt auch damals schon nicht meine Musik war, kam die „Around the world in a day“ noch hinterher. Wiesoweshalbwarum ich die dann mehr hörte, als das Hitalbum, keiner weiß es.
5. Bronski Beat – Smalltown Boy 4:57
Ich erwähnte ja den brüderlichen Einfluss bereits, hier ein weiteres Exemplar dieses Einflusses.
6. Extrabreit – Das Tier in Dir 3:28
Extrabreit sind ernsthaft einer der unterschätztesten deutschen Bands. Flieger, die Schule brennt, Polizisten (letzteres ist wirklich gut) – geschenkt, der Rest der Nummern ist super. Bis zur „Europa“, allesamt exzellente Platten.
7. The Cure – Kyoto song 4:16
Cure gehörten eigentlich erst ein, zwei Jahre später zu meinem Repertoire, aber die „The Head on the door“ hab ich mir schon bei Erscheinen zugelegt. Vermutlich wegen „In between days“. Kyoto Song ist cooler.
8. John Watts – One Voice 3:45
John Watts war und ist der Kopf von Fischer-Z und deren Hörgenuss, sowie auch den der Soloplatten Watts’ hab ich auch dem Bruder zu verdanken. Danke, Bruder.
9. Bryan Adams – Summer of 69. 3:41
Ich muss weg….. HERGOTT, ich war jung und brauchte den Rock. Tut mir leid.
10. Led Zeppelin – Achilles last stand 10:25
Die dazugehörige Platte „Presence“ hatte mir eine Ferienbekanntschaft überspielt, bis dahin kannte ich nur Stairway to heaven. Und herrje, das war wirklich ein Augenöffner.

Die Wunderelf von 2015 – Eine Reminiszenz

„Ach ja….“ Wie so oft, wenn man sich mit dem Spielbeobachter über die vermutlich beste Zeit seiner Karriere, wenn nicht gar seines Lebens, unterhält, wandert sein Blick verträumt in die Ferne. Dorthin, wo seine Erinnerungen gespeichert sind, die Erinnerungen an einen der legendärsten Wettbewerbe aller Zeiten, DasTunier™ von 2015, jene Spiele, über die noch heute jedes Kind spricht. Und natürlich die Wunderelf, jene Mannschaft, deren überragende Leistungen nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass dieser Wettbewerb so in der Erinnerung der Menschen verankert ist. Die Wunderelf, Reesenball Felge, im Volksmund auch Flgrll genannt, von der der Spielbeobachter ein Teil war. Er macht eine wegwerfende Handbewegung, „Ach was, da sind wir uns doch wohl hoffentlich einig, junger Mann, dass ich da nur der kleinste Teil der Mannschaft war“. So ganz läßt sich das nicht abstreiten, neben den großen Namen dieses Teams verblasst der seine ein wenig, aber beginnen wir von vorne:

„Ich kam ja erst ein wenig später zur Mannschaft, da stand das Grundgerüst aus Kamke, Reese und Collini ja schon.“ erzählt der Mann, der dann schlussendlich auf der linken Außenverteidigerposition landete. „Da wollte halt keiner hin, ich hatte das noch nie gespielt, aber man spielt halt da, wo einen das Team aufstellt“ sagt der Berliner lachend. Und dann wird er wieder still und verliert sich in den Gedanken an die goldene Zeit. „Es war ja damals gar nicht so einfach,“ unterbricht er dann plötzlich die Stille „Im Vorfeld zumindest. Die Emotionen zwischen den beteiligten Mannschaften kochten hoch, wenn Sie sich erinnern, alle Welt sprach plötzlich nur noch vom Hasscup. Und unsere Mannschaft, herrje, es dauerte ewig, die zusammen zu stellen, das Team Ü100 war schon längst damit beschäftigt, die Taktik auszuarbeiten und das Team Bucksen hat heftig an der Kondition gearbeitet, während bei uns noch im Hintergrund an der Mannschaftszusammenstellung gebastelt wurde. Ob felgenralle zum Beispiel dabei sein würde, war erst einen Tag vorher klar. Und unser Wunderstürmer, der blutjunge JayJay, dessen Anwesenheit war auch so eine unklare Sache…“ Er wird jetzt lebendiger, der Weg, den die, den Worten Nachdruck verleihenden, Hände nehmen, beschreiben den Druck, der im Vorfeld herrschte, sehr gut.

„Dann war der Tag da, es war endlich soweit, und es geschah…. ja, wie soll ich es sagen,“, fast muss man befürchten, er falle wieder ins Schweigen, doch er sucht nur nach Worten „ja, also eigentlich .. so muss sich Magie anfühlen, also nicht, dass ich an so etwas glauben würde, aber als wir den Geist der Ostkampfbahnumkleidekabine verspürten, da, ich glaub, das ging uns allen so, da wussten wir, also ich wusste und doch, ich bin mir sicher, die anderen auch, heute ist etwas Großes möglich.“ Da ist er plötzlich, dieser entschlossene Zug um den Mund, den wir von den unzähligen Fotos jener Tage kennen, die wir alle tausend Mal sahen und sich in unser kollektives Gedächtnis brannten.

„Und dann standen wir endlich auf dem Feld und eigentlich wurde erst da unsere Aufstellung klar. Vorne drin der Abstauber oder JayJay, um ihn herum und in der Defensive wirbelten, passten und sicherten ab der Kamke, Reese und / oder Ralle und hinten stand Collini wie ein Fels in der Brandung und rechts beackerte Nember die Linie und links, nun ja, ich. Und schließlich im Tor der Teqqy. So war der Plan, auch wenn wir anfangs noch auf Teqqy verzichten mussten.“ Wie jedes Kind kann natürlich auch der Spielbeobachter die Aufstellung der Wunderelf im Schlaf aufzählen.
Im ersten Spiel ging es dann gleich gegen einen der Geheimfavoriten, das Ü100-Team. „Vor der Defensive hatten wir wirklich Sorge, wie jede andere Mannschaft auch“ erzählt der tkschlandsieger. „Dann kam die Nachricht, dass der Kopf der Mannschaft, der große LLEnzo, lieber irgendwo Vertragsverhandlungen führte als sein Team zu führen, da wußten wir, wir können es schaffen. Aber trotzdem dauerte es ewig, bis der Knoten platze…“ Hier verstummt er wieder und macht nur eine vielsagende Geste, und wir wissen, dass er auf seinen größten Moment des DasTuniers, wenn nicht gar seines Lebens, anspielt. Wie er nach diesen nicht enden wollenden gut zwei Minuten, in denen nur wenig gelang und die Verkrampfung und der Druck die Mannschaft schier erdrücken wollte, an der linken Seite hochmarschierte, den Ball bekam und auf das Tor schoss, dem gegnerischen Torwart keine Chance ließ, als das der ihn abprallen lassen musste und diesen zweiten Ball dann unnachahmlich hinein ins leere Tor hineinkullern ließ. „Dieses Gefühl wo ich gar nicht beschreiben kann, das war unheimlich“ grinst der Mann, dessen einziges Tor dieser Eröffnungstreffer bleiben sollte.

„Danach brachen die Dämme. Beim Gegner genauso wie bei uns, nur dass bei uns der Wirbel aus Kamke, Reese und Ralle und dem Abstauber vorne drin die Flutwelle war.“ 5:0 war das Endergebnis, der gefürchtete Gegner, der eine 1-5-1 Taktik angekündigt hatte, vom Platz gefegt. „So gingen wir guter Dinge ins zweite Spiel gegen die Bucksen-Truppe“ sagt er, doch sogleich legt sich seine Stirn in Sorgenfalten. Wir wissen warum, dieses legendäre Spiel ist in alle Annalen eingegangen. „Erst war da dieser furchtbare Moment der Verletzung des Bucksen, als wir alle dachten, der stirbt uns jetzt hier auf dem Feld, das war wirklich gruselig, ich höre noch heute das Scheppern und Krachen und Knallen des Pfostens“ Zum Glück war es nur der große Zeh, der dran glauben musste. Aber nicht nur Bucksens Zeh trübt die Erinnerung an dieses Spiel, auch die Leistung des linken Verteidigers. Angriffswelle über Angriffswelle der Bucksen-Truppe rollte über seine Seite, nicht immer sah der Spielbeobachter dabei gut aus, manches Mal musste er dabei zu unfairen Mitteln greifen, insbesondere wenn die Angriffe aus dem Kölner Süden kamen. „Haha,“ seine Miene hellt sich auf, „ja, da hab ich ein paar mal ordentlich zugelangt, aber der Schiri hat nichts gesehen. Schade eigentlich, ich war gerade so gut in Fahrt, dem hätte ich auch noch eine mitgegeben.“ Linke Außenverteidiger haben einen merkwürdigen Humor.

Doch zum Glück für seine Mannschaft bestand selbige nicht nur aus ihm. Vorne wirbelten sie schon wieder, immer unterstützt „vom unermüdlichen und groß aufspielenden Collini – er hat gesagt, das soll ich sagen, aber schreib das bloß nicht, sonst krieg ich Ärger“, und schließlich fielen die Tore auch in diesem Spiel. Bis zu jener verhängnisvollen Minute, in der der Spielbeobachter den Ball am eigenen Strafraum vertändelte und so das erste Gegentor verursachte. „Zum Glück stand es da schon 3:0, aber trotzdem wurde es da ungemütlich in der Mannschaft“.

Der Endstand war 4:1 und der Einzug ins Finale konnte nicht mehr genommen werden. „Aber dieses Gegentor hätte uns beinahe zerstört, es ging ein Riss durch die Mannschaft, plötzlich bildeten sich Grüppchen und das so kurz vor dem Finale… Da mussten wir uns dann zusammenraufen. Ich weiß noch genau, wie der Collini nichts machte und Reese und Kamke rumstanden und niemand hielt eine Rede. Das war emotional sehr beeindruckend und ein Ruck ging durch die Mannschaft und jeder einzelne wusste plötzlich wieder, was auf dem Spiel stand. Das war ein echter Gänsehautmoment, wenn Sie wissen was ich meine, ne?“

Dann war es endlich so weit, das Spiel der Spiele wurde angepfiffen, Reesenball Felge gegen die Freien Turner. „Die hatten in den Vorspielen ja schon gezeigt, was sie drauf hatten und wir hatten ziemlich viel Respekt vor ihnen. Und dann dieser eine Ball ganz am Anfang des Spiels… wer weiß, was passiert wäre, wenn der reingegangen wäre, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen“. Der Spielbeobachter meint natürlich diesen unfassbaren Ball, der von der Mittellinie aus auf das Tor der Reesenballer kam und lang und länger wurde und in letzter Sekunde vom brillanten Torwart teqqy abgewehrt werden konnte. „Dann kam das 1:0 für uns, ich weiß gar nicht mehr, wer das war und postwendend der Ausgleich, da wussten wir, oha, das hier ist eine noch schwerere Aufgabe als die Spiele zuvor, zumal wir dann ja das 2:1 machten und die schon wieder sofort ausglichen.“

Am Spielfeldrand eskalierten die Fans, die eher auf der Seite der Freien Turner waren. „Ja, die mochten uns nicht“ sinniert der ehemalige Fußballer, „ich weiß gar nicht, was da los war, das mit den Pyros war ja hübsch und dann immer diese Sprechchöre gegen uns“. Er schüttelt den Kopf. „Egal, lass die Leute reden, was zählt ist die Tatsache, dass wir dann noch zwei Dinger vorne gemacht haben und die keins mehr. Zwei plus zwei macht vier und zwei plus null macht zwei,“ – Da ist es wieder, das berühmte Bonmot, das heute zu einem geflügelten Wort geworden ist, wenn man beschreiben will, dass man gegen viele widrige Umstände eine großartige Leistung abgeliefert hat.

„Und dann der Schlusspfiff, da brach alles aus mir heraus und über mich herein und ich wusste gar nicht mehr, was ich tat und dann hab ich was verrücktes gemacht und den Reese umarmt. Tja, na ja gut, tkschlandsieger wird man ja auch nicht alle Tage, ne?“ Er lacht jetzt über das ganze Gesicht bei der Erinnerung an diesen glücklichen Moment. Dann wird er wieder still. „Das ist ja so, da erreichst Du so etwas und dann merkst Du erst hinter her, wie Dir alles weh tut und was Dir alles passiert ist, ich zum Beispiel hab das letzte Viertel des Spiels mit einem fast beinahe gedehnten Band im Knöchel gespielt. Aber das merkst Du gar nicht in dem Moment, ne, und dann am nächsten Tag oder am übernächsten Tag, da merkst Du dann, jetzt ist wieder alles grau, ne. Und alles tut weh. Aber das war es wert, den Moment kann Dir keiner nehmen.“

Sagt es, blickt noch einmal in die Ferne den Erinnerungen hinterher, nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, nickt, steht auf und schlurft davon. Einer von Neunen, die an diesem Tag in Köln die Welt eroberten. Nicht ihr Kopf, nicht ihr wertvollster Spieler, ein „Wasserträger“ und „Seitensteher“, wie er selber sagt, aber ein Welteneroberer.


Foto: Die Wundervolle @rudelbildung