Fuck you, Leitkultur.

Wie vielleicht die eine Leserin oder der andere Leser weiß, wohne ich in Berlin-Prenzlauer Berg. Ah, sagen jetzt die, die es noch nicht wussten: Gutbürgerliches Schwabistan, so einer also. Ja, nee, antworte ich da, zum einen wohne ich hier schon länger als das wohlverdienende Bürgertum, zum anderen leben hier kaum Schwaben, denen gehört bloß alles. Was ein feiner, aber entscheidender materialistischer Unterschied ist. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Der Prenzlauer Berg jedenfalls bedient allerlei Klischees, und die meisten davon sind wahr: Es gibt eine unerträglich hohe Anzahl von Kindern, alleine im im Umkreis von 500 Metern rund um meine Wohnung befinden sich drei sehr große Spielplätze. In den Eisläden, Entschuldigung, in den Showrooms der Bio-Eismanufakturen wird die Sorte Safran-Ingwer angeboten. Die Eltern helikoptern derweil stets wachsam über ihren Gören, bis der kleine Jeremy zum Golftraining abgeholt wird und wählen grün, in meinem Wahllokal kommt die Partei der Besserverdienenden regelmäßig auf 40 – 55%. Alles wahr also, fast jedenfalls, es gibt noch Widerstandsnester, aber auch das ist hier nicht das Thema.
Was die bundesdeutsche Klischeevorstellung über den Prenzlauer Berg – jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – selten erwähnt, ist ein im multikulturellen Berlin recht auffälliger Umstand: Prenzlauer Berg ist weiß und deutsch. Klar, Cem, der mich immer „Chefnachbar“ ruft, wenn ich bei ihm meinen Döner kaufe, ist Türke. Die vielen Schawarma-Dealer entlang der Danziger (der Prenzlauer Berger isst lieber Schawarma, der liegt nicht so schwer im Magen und ist auch sonst feiner) sind Libanesen, Ägypter und anderer arabischer Provenienz. Aber weder Cem noch seine arabischen Kollegen wohnen hier. Die Ausländer, die hier wohnen sind US-Amerikaner, die für die paar Jahre, in denen sie hier sind, bevor sie wieder zurück gehen, kein Deutsch lernen.
Ca. 15 Fahrradminuten weiter westlich liegt der Wedding. Früher der rote Wedding genannt, da von Arbeitern mit kommunistischen Hintergrund geprägt, heute ein Stadtteil, in dem Menschen wie Cem, also Menschen mit Migrationshintergrund, leben, wenn ihnen Kreuzberg zu hip und zu laut ist. Der überwiegende Teil des Weddings, über den ich reden kann, da ich ihn inzwischen ganz gut kenne, ist türkisch, in allen Generationen. Anderswo sind die Menschen afrikanischer Herkunft, überall gibt es viele Polen, der Wedding ist bunt. Und auch hier finden sie sich, die Klischees: Die Dichte dicker und teurer Autos ist deutlich größer als im viel wohlhabenderen Prenzlauer Berg, das Leuchten der kalten Neonröhren in den vielen Männercafes am späten Abend wird nur noch von den grellen LED-Werbetafeln an den Wettbüros übertroffen. Die Amtssprache auf der Straße ist perfektes bilinguales Kanak. Die Hälfte aller türkischen Frauen in diesem eher familiär geprägten Kiez trägt Kopftuch, im Fitness-Studio schwitzen Muskelberge im Bushido-Look, im Laden des Schusters und Schlüsselmachers (der selbstverständlich, ohne Fragen zu stellen, jeden Schlüssel nachmacht) hing lange ein Erdoğan-Portrait.

Es ist dieser Teil Deutschlands, der auch in vielen anderen Großstädten zu finden ist, der Deutschen (jenen ohne unmittelbar ansehbarem Migrationshintergrund) Angst macht. Den mit Stammtischparolen um sich Werfenden und in der braunen Kloake Watenden, ebenso wie den wohlverdienenden Wohlmeinenden in direkter östlicher Nachbarschaft. Die Erstgenannten sehen eine herbeifabulierte äußerliche Einigkeit in Gefahr. Schon der Anblick dunklerer Hautfarbe, der Anblick eines in vermeintlich undeutsche Form gebrachten Schnäuzers, ein Name wie Mohammed, Ali oder Mesut bringt ihr Blut in Wallung. Die letztgenannten wähnen sich deutlich differenzierter, sind es auch, das Fremde bleibt ihnen aber ebenso fremd. Natürlich ist es ein Skandal, dass Mohammed mit dem deutlich besseren Zeugnis als Frank weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat als Frank, aber dass sich Mohammed dann von seinem dürftigen Gehalt so ein dickes Auto kauft, muss das denn sein? Wie kann der sich das überhaupt leisten, legal doch bestimmt nicht? Und überhaupt, dicke Autos sind nicht sonderlich umweltbewusst, weiß Mohammed das denn nicht? Ali lebt jetzt in dritter Generation in Deutschland und sein Deutsch, nun ja, ist verbesserungswürdig. Was haben sich seine Eltern nur dabei gedacht, war denen in Alis Kindheit denn nicht klar, dass es um Alis Zukunft geht? Wenn Erdoğan eine Wahl gewinnt, hängen Menschen türkische Fahnen aus dem Fenster ihrer dicken Autos, das sind doch keine deutschen Werte? Was denken die sich denn? Wir Deutschen sind jedenfalls überzeugte und lupenreine Demokraten, und wenn die hier leben wollen, dann müssen sie das auch sein.

Seit über 50 Jahren ist Deutschland ein Einwanderungsland für Menschen aus Südeuropa. Ein Einwanderungsland war es vorher auch schon, aber da kamen die Menschen aus anderen Gegenden, und sahen wenigstens sagenwirmal mitteleuropäisch aus, da fiel es leichter über mangelnde Assimilation hinweg zu sehen. Denn um Integration ging es nie. Integration würde voraussetzen, dass eine Erkenntnis darüber vorherrscht, dass die aufnehmende Gesellschaft keineswegs homogen ist und die hinzukommenden die vorhandende Heterogenität erweitern.
Findet auf Twitter eine der allseits beliebten Brauchtumsabgleichungsdiskussionen statt, stellt sich schnell raus, dass Friesinnen und Bayern, Saarländer und Brandenburgerinnen nicht viel gemein haben. Außer ihrem Pass und der Sprache und selbst beim letzteren kommen angesichts unserer Freunde aus den Alpenprovinzen Zweifel auf. Markus Söder und Alice Weidel sind Erdoğan politisch deutlich näher als mir. Ich erinnere mich an ein Klebeheftchen zur WM 1982, bei der die deutschen Nationalspieler auch ihre Lieblingsinterpreten angegeben hatten, mein 13jähriges Ich geriet in eine echte Krise, da ich kurzzeitig nicht wusste, ob ich auch zukünftig eine Mannschaft anfeuern könnte, die anscheinend ausschließlich aus Menschen bestand, die Nicole toll fanden. Nicole! Bei allem, was recht ist, so schlechter Musikgeschmack kann doch nicht deutsch sein und wenn doch, was bin ich dann?

Das deutsche „Wir“ ist, wie immer, ein konstruiertes, weil es die Unterschiede ignoriert. Das kann vereinen, das ist in Ordnung, wenn es denn ein deutsches „Wir“ überhaupt braucht. Das Problem: Ohne „Sie“ gibt es kein „Wir“. Und in dem Moment, in dem das „Sie“ eine Rolle spielt, ist die Ignoranz der inneren Unterschiede katastrophal. Warum gehören Menschen, die 40 Jahre in unterschiedlichen politischen und sozialen Systemen gelebt haben, zusammen, Menschen, die in den 40 Jahren Tür an Tür gelebt haben, aber nicht? Warum gehören Menschen, die schrecklich reaktionäre Schlagermusik lieben, dazu, Menschen, die beispielsweise Bengi Bağlama Üçlüsü hören, aber nicht? Selbstverständlich ist, wenn Sie mich fragen, eine Unterstützung Erdoğans eine politische Katastrophe, aber, entschuldigen Sie mal, es gibt in diesem Land Menschen, die regelmäßig die FDP wählen, eine Partei, die mehr als jede andere offen dazu steht, dass es ihr komplett egal ist, wie es 95% der Menschen in diesem Land geht. Die dürfen aber Deutsche sein, oder wie oder was? Ich kann Teile meiner Familie bis ins Jahr 1520 zurückverfolgen, ich bin as deutsch as it gets, aber Menschen, die Grünkohl mögen, sind mir höchst suspekt und ich glaube nicht, dass ich viel mit denen gemein habe. Einige meiner besten Freunde sind Grünkohlesser, aber wenn es hart auf hart kommt und ich mich zwischen denen und jenen, die meinen Döner herstellen, entscheiden muss: Tschüssi, Freunde, war schön mit Euch.

Nahezu alles, was im Folge der Özil und Gündoğan-Fotos diskutiert wurde, sitzt dem falschen Verständnis von Integration auf. Selbstverständlich sollen Türken hier leben dürfen, sie dürfen auch gerne ihre Speisen mitbringen, und ja, da sind wir ja nicht so, ihre Kinder auch Mohammed, Ilkay oder Mesut nennen. Schlauer wäre es halt, sie würden sie Moritz, Michael oder Richard nennen, dann hätten sie bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber selbst schuld. Und ja, okay, wenn sie lang genug und verhaltensunauffällig hier leben, dürfen sie sich auch „deutsch“ nennen. Bei den Werten ist dann aber Schluss mit lustig. Ein Foto mit Erdoğan zu machen, geht auf gar keinen Fall. Nicht vereinbar mit unseren Werten. Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und ihre Helfer vor Gericht zerren, DAS sind deutsche Werte. Dem Mann aus Istanbul, mit dem ein richtiger Deutscher kein Foto machen darf, Waffen zu verkaufen, damit er Menschen in Not bei sich behält und ihnen die Weiterreise verweigert: Deutsche Werte.

Integration ist keine Rosinenpickerei. Über Werte zu diskutieren und zu streiten ist richtig und notwendig. Mit Erdoğan-Unterstützern ebenso wie mit Seehofer-Fanboys. Falls es nach den vergangenen Wochen Letztere noch gibt, abgesehen von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Dass der Mann, der Abgeordnetenbestechung ganz okay fand, als er selbst noch Abgeordneter war, Mesut die Schuld gibt, dass Thomas, Timo und Manuel eine schlechte WM gespielt haben, zeigt jedenfalls deutlich, dass er bis heute nicht verstanden hat, wie Integration funktioniert und dass die aufnehmende Gesellschaft nur in seinen feuchten Träumen homogen ist. Und es zeigt, dass er zwar ein würdiger Nachfolger von Hermann Neuberger, aber kein geeigneter DFB-Präsident ist.

Im Gänseblümchenland

Werte Leserin, werter Leser, kennen Sie SOCAR? Ja? Gut, dann brauche ich ja nicht weiter reden.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass nicht: State Oil Company of Azerbajian Republic. Ah, Aserbaidschan! Das Land am Kaspischen Meer, dessen Brutoinlandprodukt zu 67% durch das Ölgeschäft zustande kommt, gefördert durch eben jenes in Baku ansässige Unternehmen. Was Sie vielleicht nicht wissen – und bitte verstehen Sie das unter keinen Umständen als Vorwurf – ist, dass SOCAR 100% des aufstrebenden Fußballvereins Qarabağ FK besitzt. Und zudem bedeutende Anteile an Rekordmeister Neftchi PFK sowie weiteren 16 (!) Erst- und Zweitligisten. Darüber hinaus heißt die Liga seit einigen Jahren SOCAR Premyer Liqası. Diese wurde übrigens gerade vor zwei Tagen gewonnen von, na? Genau, Qarabağ FK. Welch ein Zufall.
Liebe Leserin, lieber Leser, hören Sie sie auch trapsen, die Vetternwirtschaft, die Klüngel- und Mauschelei? Oder sollte ich sagen, hören Sie sie trampeln? Stampfen?

Dann tut es mir leid, ich habe Ihr Vertrauen brutal und hinterrücks missbraucht. Ich hab mir das alles ausgedacht. Also, nicht alles, SOCAR gibt es, Aserbaidschan gibt es, Qarabağ FK hat tatsächlich gerade die Meisterschaft gewonnen und Neftchi PFK ist Rekordmeister. Die Anteile habe ich mir ausgedacht, frei erfunden, aus den Fingern gezogen. Entschuldigung Aserbaidschan.

Die Zusammenhänge zwischen von mir zurecht gelogenen Anteilbesitzer und Meisterschaft haben Sie sich dazu gedacht, falls Sie das denn getan haben. Liegt ja auch nahe, nicht wahr? Kaukasus, irgendwo dahinten, wo die Korruption und dergleichen am Wegesrand blüht wie hierzulande die Gänseblümchen. Hierzulande jedenfalls würde so etwas nicht passieren. Da könnte ein teilstaatliches Unternehmen sagenwirmal den amtierenden Pokalsieger besitzen und zudem, mal aus der Fingern gesogen, Anteile an Bayern München und Aufsteiger FC Ingolstadt halten sowie als Sponsor beim HSV, Werder Bremen, Hannover 96, Eintracht Braunschweig, Hertha BSC, Schalke 04, Borussia Dortmund, VfL Bochum, Borussia Mönchengladbach, Werbung Leipzig, dem 1.FC Kaiserslautern, der TSG Hoffenheim, der Spvgg Greuther Fürth, dem 1.FC Nürnberg und 1860 München auftreten und zudem noch Haupt- und Premiumsponsor bei oben erwähntem Pokalwettbewerb sein und niemand käme auf den Gedanken, dass da etwas im Argen liegen könnte. Naja, gut, niemand nicht. Aber jene, die es erwähnen, herrje, das sind eh Spinner. Aluhütler. Verschwörungstheoretiker. Im besten Falle Neider.

Denn: In Deutschland wird nicht gemauschelt, nicht geklüngelt. Ist ja alles rechtens. Das darf so. Und wir sind hier schließlich im Land des Anstands und der Ordnung, da wird auch nicht gedopt. Oder bestochen, um eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten zu dürfen. So etwas machen nur die anderen. Wir nicht. Niemals. Deswegen kann man auch seelenruhig zusehen, wenn ein solches Interessenkonflikte gebärendes Geflecht entsteht.

Ist das noch blinder Patriotismus und kann das nicht einfach weg?

No relaxation, no relief

Wie man vermutlich weiß, bin ich Fan zweier Vereine. Zweier Vereine, die in der Vergangenheit nicht unbedingt den Erfolg in riesigen Lettern auf ihre Fahnen geschrieben haben – der eine mit durchaus ruhmreicher Vergangenheit, aber einem inzwischen leider zurecht etablierten Image als Fahrstuhlmannschaft, der andere war nie mehr als ein Zweitligist mit Hang zum Absturz. Jedes Spiel, jede Saison birgt das Risiko, dass das, was vielleicht in der vergangenen Woche, in der letzten Saison gelang, wieder zunichte gemacht wird. Dass eine seitens des Vereins getroffene Entscheidung eine falsche war. Falsche Entscheidungen kosten Geld, sie kosten Zeit und Zeit und Geld sind für die allermeisten Vereine – mit Ausnahme von ein, zwei Handvoll weltweit – eine knappe Ressource. Jede Entscheidung birgt also ein Risiko, das durch sorgsames Abwägen und eine Politik der kleinen Schritte minimiert werden soll. Aber auch sorgsam abgewogene Entscheidungen können falsch sein und auch ein kleiner, falsch gemachter Schritt kann katastrophale Auswirkungen haben, wenn er denn an einem neuralgischen Punkt geschieht.

Der Verein.. nein, es ist kein Verein, das Franchise zu Marketingzwecken, um das es hier gehen soll, kennt dieses Risiko nicht. Sicher wird man in Fuschl am See nicht erfreut sein, wenn Geld versenkt wird, ohne dass es den erhofften sportlichen und damit werbewirksamen Erfolg bringt. Aber die Existenz des Franchise ist dadurch nicht bedroht und aufgrund des unermesslichen Reichtums des Mutterunternehmens können so viele Schritte gleichzeitig gemacht werden, dass ein Fehltritt kaum auffällt. Das Salzburger Franchise macht es vor: In den vergangenen neun Saisons konnten fünf Meisterschaften gewonnen werden, die übrigen vier Spielzeiten wurden auf Platz 2 beendet. Dass dafür sechs Trainer benötigt wurden und trotz dieser häufigen Wechsel an entscheidender Stelle der Erfolg garantiert werden konnte, spricht Bände.

Doch das Franchise selbst soll hier weniger im Mittelpunkt stehen. Auch die Zuschauer, die alle zwei Wochen ins Leipziger Zentralstadion wandern, tun dies, ohne sich dem üblichen Risiko eines Fußballfans auszusetzen. Gewiss, auch Werbung Leipzig gewinnt nicht jedes Spiel, mancher Aufstieg gelang nicht im ersten Anlauf, aber doch kann sich der Zuschauer sicher sein, dass das Risiko einer unschönen Niederlage oder gar einer das Projekt Champions League nachhaltig gefährdenden Niederlagenserie bis zur Unkenntlichkeit minimiert ist. Schon zu Oberligazeiten war sicher, dass der Weg in die Spitze der Ersten Bundesliga führen würde. Das schöne Fußballerlebnis ist nicht gefährdet. Das Leipziger Franchise passt wunderbar in diese schöne neue Welt – es tut nicht weh, es bietet Gewissheit und abwaschbare Leichtigkeit und fordert keine Mitarbeit.

Mancher der in Leipzig heimischen Fußballfans wird nun einwenden, dass die anderen in der Stadt ansässigen Fußballvereine ein Übermaß an Risiko bieten. Nicht nur der permanente sportliche und wirtschaftliche Misserfolg, den Lok und Chemie Leipzig personalisieren, auch das insbesondere bei Lok Leipzig vorhandene rechtsradikale Publikum, lange vom Verein geduldet, wenn nicht gar gefördert, machen es schwer, diesen Vereinen die Daumen zu drücken.
Aber auch außerhalb Leipzigs, quer durch die ganze Republik, mehren sich die Verteidiger des Franchise. Ein genauerer Blick zeigt, dass das das verminderte Risiko, dass es dem Leipziger Zuschauer so einfach macht, sich zur Werbestaffage instrumentalisieren zu lassen keine Rolle spielt. Offenbar geht es einerseits vielmehr um Bewunderung der betriebswirtschaftlichen Leistung des Mutterunternehmens – gerne mit dem Argument unterfüttert, andere Vereine könnten ja das gleiche leisten, wenn sie nur ordentlich arbeiten würden. In Anbetracht der Tatsache, dass sich das Leipziger Franchise in diesem Transfersommer für nahezu die selbe Summe verstärkte wie alle 17 Ligakonkurrenten zusammen, eine eher zweifelhafte Aussage. Andererseits scheint für viele die Existenz und Vorgehensweise von Werbung Leipzig ein willkommener Ausdruck marktradikaler Ideologie zu sein. Exemplarisch dafür kann der Text „They Can’t Relax With Modern Football“ des Blog vert et blanc betrachtet werden. Der Text, der bereits im Februar diesen Jahres erschien, eine Antwort auf eine Titelgeschichte des Magazins „11 Freunde“ darstellte und von den Lesern und Leserinnen der Fokus Fußball Link11 zum Blogpost des Monats gewählt wurde, versammelt in besonders verdichteter Weise diese ideologische Unterfütterung.

Das Franchise erscheint darin als eine Art Retter, als ein Schutzraum vor vormodernen Welten. Außerhalb des Refugiums des ungestörten Kapitalismus herrschen „vorzivilisatorische Zustände“. Worte, die es lohnen, innezuhalten. Vorzivilisatorisch. Frei jeder Kultur, frei jeden Regelwerks. Die Barbarei droht. Die sprichwörtlichen Wilden stehen vor den Toren, getrieben von „Hass auf alles Moderne“ und „neurotischen Reflexen“. Wer die Begeisterung über den Marktradikalismus nicht teilt, ist also pathologisch, muss geheilt werden. Nur das Franchise bietet Schutz. Dort, wo alles getan wird, um Mitbestimmung zu verhindern, der Zuschauer auf seine Rolle als Konsument reduziert wird, das investierte Erlebniskapital risikolos angelegt werden kann, dort darf die Zivilisation endlich modern sein.

Markt ist Freiheit. Risiko ist Barberei. Schöne neue Fußballwelt.

Cui Bono?

Seit Wochen und Monaten spülen immer wieder die gleichen Schlagworte über uns hinweg. Glaubt man Innenministern, der Gewerkschaft der Polizei, der DFL und den Medien ist der Besuch eines Fußballspiels eine hochgefährliche Sache, quasi das gefährlichste was man so tun kann in Deutschland, und das leider erst seit kurzem. Früher jedenfalls war alles friedlich, oder wenigstens deutlich friedlicher – die immer wieder beschworene „Eskalation der Gewalt“ legt dies nicht nur nahe, nein, sie lässt keinen anderen Schluss zu.

Und das obwohl wir wissen – wie jeder, der sich informiert oder eigene Erfahrungen gemacht hat – das all das nicht stimmt. Der viel zitierte Besuch eines Volksfestes ist gefährlicher, sich von A nach B zu bewegen, mit einem Auto, einem Fahrrad oder zu Fuß, ist gefährlicher. (Hier gibt es ein paar Zahlen – nur eine sei hier zitiert: An jedem Tag des Oktoberfestes gibt es fast so viel Verletzte wie in einer gesamten Saison in allen Stadien der ersten und zweiten Liga). Wer wie ich den Bundesligafußball der frühen und mittleren Achtziger erlebt hat, weiß, dass die Situation heute eine ganz andere ist, dass die seinerzeit vorherrschende Hooligankultur mit rechtsextremen Wurzeln, die die bundesdeutschen Kurven regierte, ein weitaus größeres und immer wieder ausgelebtes Gewaltpotential inne hatte.

Wie kann es also sein, dass trotzdem immer wieder von den oben genannten Quellen Gegenteiliges behauptet wird – und das ohne eine einzige statistische oder empirische Unterstützung? Die Antwort muss für jede einzelne Gruppe beantwortet werden und das beste Instrument, wie immer in solchen Fällen, ist das Cicerosche Cui Bono – Wem zum Vorteil?

Die Innenminister
Innenminister Friedrich und andere Hardliner wie Mecklenburgs Innenminister Caffier gefallen sich besonders gut darin, das Abbrennen von illegalen bengalischen Feuern als Gewalt zu bezeichnen. Wie Menschen Innenminister werden konnten, obwohl sie nachweislich Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, ist eine Frage, die ich beim besten Willen nicht beantworten kann. Warum die Herren aber plötzlich dieses Thema so für sich entdecken, liegt auf der Hand: Der deutsche Linksextremismus gibt sich recht friedlich zur Zeit, dem Rechtsextremismus möchte man nicht zu sehr auf die Füße treten, da man nicht weiß, ob man da einem Rechtsextremisten, einem Mitarbeiter der eigenen Behörde oder beidem auf die braunen Zehen tritt und die Taliban sind auch verdammt weit weg. Woher also nehmen, die Gefahr, die ein Innenminister braucht wie die Luft zum Atmen? Aah: Fußballfans. Der moderne Fußball mit seinen vielen Millionen hat eine Lobby, sicherlich, die Jungs und Mädels da hinter dem Zaun eher nicht. Da lässt es sich doch vortrefflich eskalieren, verbal gesehen. Man muss es nur oft genug sagen.

Die Gewerkschaft der Polizei
Dass Polizei und Fußballfans Freunde werden, ist eher nicht zu erwarten. Und so überrascht es auch nicht, dass die GdP freudig erregt auf den Diffamationszug aufspringt. Und tatsächlich, ihnen könnte man die Sache noch am ehesten nachsehen, stehen sie doch da, wo es weh tun könnte, ihnen oder dem Gegenüber, den Fans. Dumm nur, dass die gewollte Konfliktschürung seitens der Partners in Crime der GdP dafür sorgen wird, dass die Gewalt tatsächlich eskaliert – ein Bärendienst, den die GdP da also ihren Mitgliedern aufbindet. Aber hej, hübsche neue Videotechniken und Drohnen und Schlagstöcke und verbessertes Reizgas und und und kann auch die Polizei nicht einfach so bestellen. Da braucht es schon einen Grund. Marodierende und ganze Städte in Schutt und Asche legende Fußballfans zum Beispiel.

Die DFL
Auch wenn die Hoffnung besteht, dass mit Andreas Rettig ein wenig Vernunft in die Chefetage der DFL einzieht, so hat sie doch bislang kein gutes Bild abgegeben. Sicher, ein Vertreter der Fans und der Zuschauer war die DFL, oder früher der DFB, nie. Die Geschäftsinteressen der Liga, und damit insbesondere der großen Vereine, waren immer oberste Priorität und mit Kunden kuschelt es sich eben schlechter als mit Vereinsmitgliedern, die ein berechtigtes Interesse daran haben, gehört zu werden. Und England macht es ja vor, dass es geht: Stimmung tot, Sitzplatzpreise ins Uferlose getrieben, Stadien trotzdem voll. Das dadurch entstehende finanzielle Plus ist das Ziel der DFL, anders kann man es nicht verstehen. Ob das englische Modell funktionieren kann ohne die andere Seite der Medaille – der Verkauf der Klubs an globale Multimilliardäre, die mit ihrem Geld wiederum globale Multimillionäre auf den Rasen holen – darf bezweifelt werden. Aber egal, probieren kann man es ja mal, Money makes the world go round und das Runde muss in den Geldbeutel.

Die Medien
Ja, nun. Einerseits liegen die Beweggründe dermaßen auf der Hand, dass sich die Frage nach dem Nutzen beinahe erübrigt: Sensation ist Teil des journalistischen Geschäfts, das treibt mitunter furchtbare Blüten, ist aber kaum zu verhindern. Andererseits aber sind die journalistischen Abgründe in diesem Fall so tief, dass man gar nicht glauben mag, wer sich da alles unbedingt selbst disqualifizieren möchte. Die schon erwähnte permanent formulierte „Eskalation der Gewalt“, die niemand bislang nachweisen mochte – was doch eigentlich zum 1 mal 1 des Berufs eines Journalisten gehört – die Maischbergschen „Taliban“, die „schlimmsten Ausschreitungen aller Zeiten“, von denen der Spiegel neulich zu berichten wusste (Eigentlich erwartet man ja ein „!!!11einself“ hinter dem Ausdruck) – die Vertreter des unseriösen Journalismus überwiegen ihre seriös arbeitenden Kollegen bei weitem und beschränken sich keineswegs auf die Bild-Zeitung, von der man nichts anderes erwartet. Es muss leider die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der ökonomische Druck das journalistische Geschäft mittlerweile so stark im Griff hat, dass Qualität kaum noch eine Rolle spielt.

All dies könnte Otto Normalnichtodergelegenheitsfussballfan ja eigentlich herzlich egal sein und meinen Beobachtungen nach ist es das auch. Die Crux bei der Sache ist nur die, dass die tatsächlich stattfindende Eskalation des Konflikts von oben keineswegs spurlos an unserem Rechtsstaat vorbeigehen wird, da sich viele der vorgeschlagenen oder bereits vorangetriebenen Instrumente kaum mit unserem Rechtsverständnis decken. Noch nicht jedenfalls. Präventiv- und Kollektivstrafen, die per Gießkanne ausgekippt werden und bei denen die Schuld des Bestraften nur noch ein zu vernachlässigender Nebenfaktor ist; Schnellgerichte, die gar nicht in der Lage sind, rechtsstaatlich sauber zu arbeiten; Gesichts- und/oder Ganzkörperscanner, die jeglichen Datenschutz und das Prinzip von Privatsphäre ad absurdum führen – nichts weniger als der Abbau des Rechtsstaates, betrieben von Elementen, deren Denke den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verlassen hat, ist das Ziel der Übung.

Und nun ja, wenn sich Otto Normalnichtodergelegenheitsfussballfan dann versehentlich mal in einem Kino aufhält, in dem eine Reihe vor ihm jemand unerlaubter Weise eine Zigarette raucht, und er daraufhin von einem Schnellgericht zu fünf Jahren deutschlandweitem Kinoverbot belegt wird, denkt er vielleicht auch noch mal nach.

Stellungsnahmen der Vereine zum Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“

Am 27. September veröffentlichte die DFL das Konzeptpapier „Information und Diskussion über weitere Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse der Sicherheitskonferenz in Berlin und der Innenministerkonferenz („Sicheres Stadionerlebnis“). Rund zwanzig Tage später gab der 1.FC Union Berlin eine in Zusammenarbeit mit Präsidium und Fans erstellte Positionierung bekannt. Seitdem sind einige Vereine nachgezogen und haben ihrerseits Stellung bezogen. Die Links zu diesen Stellungsnahmen möchte ich hier sammeln. Wer also noch welche kennt, die fehlen, immer her damit bitte. Danke.

1. FC Union Berlin [pdf]
FC St. Pauli
1. FC Köln
FC Augsburg
Fortuna Düsseldorf
Hertha BSC
VfL Wolfsburg
TSV 1860 München
Borussia Mönchengladbach
1. FC Kaiserslautern
Eintracht Frankfurt [pdf]
VfB Stuttgart
Hamburger SV [pdf]

Anderes (Stellungsnahmen von Fanvertretungen solcher Vereine, bei denen sich der Verein selbst nicht geäußert hat)
Positionspapier Rote Kurve (Hannover 96)

Sag mal, DFB,

ich hatte in Erinnerung, dass es eine Regel gäbe, wonach ein und derselbe Sponsor nicht die Brüste von zwei Mannschaften der selben Liga schmücken dürfe. Macht ja auch Sinn, Wettbewerbsverzerrung wäre ansonsten mit Pauken und Trompeten Tor und Tür geöffnet. Eine Einladung zur Korruption quasi.
Habt Ihr die Regel geändert? Oder, was natürlich peinlich wäre, für mich, der ich immer dachte, es gäbe sie, als auch für Euch, dass Ihr so schludrig umgeht mit solchen Gefahren, gab es sie nie?
Eines von beidem muss wohl stimmen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass Ihr zugelassen habt, dass der Hauptsponsor eines Mitwettbewerbers jetzt auch Hauptsonsor des gesamten DFB-Pokal-Wettbewerbes geworden ist und dadurch auf den Ärmeln der Trikots aller Teilnehmer prangt. Noch dazu bedacht, und da wollen wir jetzt ausnahmsweise mal nicht so tun, als wäre das nicht so, dass dieser Hauptsponsor mit dem Verein seiner Wahl nicht nur einen schnöden Sponsorenvertrag abgeschlossen hat, sondern darüber hinaus eine Symbiose eingegangen ist, die die 50+1 Regel lächerlich macht.
Ich muss Euch ehrlich sagen, dass ich die Vorstellung, dass Ihr dermaßen blauäugig seid und so fahrlässig mit den Risiken solcher Einladungen zur Korruption umgeht, recht gruselig finde.
Sicher ist jetzt jedenfalls eines, das F in DFB steht nicht für Fairness.

Entsetzte Grüße,
icke.

Die Zuschauer, die Vereine und die Gewalt

„Beobachter stimmen darin überein, dass sich das immer aggressivere Verhalten eines Teils des Publikums seit etwa zehn Jahren feststellen lässt. Dabei sind es immer jüngere Fans, die die sogenannten Hemmschwellen überschreiten. Entsprechend gehören Ausschreitungen schon zum Alltag der Bundesliga. Es hat den Anschein, als begnüge sich die Öffentlichkeit damit, diesem Trend mit säuerlicher Miene zuzuschauen und der Polizei die Lösung des Problems zu überlassen.

Freilich sind die Versuche von Psychologen und Soziologen, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, vielfältig. Von Leere und Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen in einer gleichgültigen Gesellschaft, der die wirklichen Ziele und Ideale fehlen, von der Genormtheit auch des Freizeitverhaltens, die zum Abwürgen von kreativen und spontanen Äußerungen führe, von der Flucht der Jugendlichen aus der Einsamkeit und Schulproblemen in die Geborgenheit der Fan-Clubs, in dem sie mit Randale im Stadion soziale Anerkennung suchten und auch erhielten, ist die Rede, wenn es um Erklärungen geht. […]

Mit Sicherheit spielen eine ganze Reihe sozialer und wirtschaftlicher Faktoren (z.B. Jugendarbeitslosigkeit) bei der Ausbreitung des „Fußball-Rowdytums“ eine Rolle. Wir wollen hier aber vor allem danach fragen, inwieweit der Fußball selbst diese Phänomene mit herbeigeführt hat. Dabei fällt eine Parallele ins Auge, die leider zu wenig beachtet wird. Betrachtet man nämlich die Entwicklung in England, wo man uns in puncto Ausschreitungen und Gewalt auf dem Fußballplatz um einige Jahre voraus zu sein scheint (nicht von ungefähr gelten gerade unter den „harten Fans“ die englischen Fans als eine Art Vorbild), so lässt sich dort eine erstaunliche Parallelität zwischen der totalen Professionalisierung und Kommerzialisierung, wie sie mit der offiziellen Freigabe der Ablösesummen und dem Fall der Höchstgrenze für Spielergehälter um 1960 eingeleitet worden ist, und der Entstehung dieser „neuen Subkultur der Gewalt“ feststellen. […] Nun sieht es fast so aus, als sollte sich dieser Prozess bei uns wiederholen.

Der neue Typ des mobilen Profispielers bringt auf Seiten der Zuschauer sein Gegenstück hervor: Den Fan, der seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verein, seine Verbundenheit mit einem bestimmten Idol nun durch Vereinsabzeichen, entsprechende Kleidung usw. demonstriert.
Der „Fan“ ist aber nur der eine Typ, der mehr und mehr an die Stelle des traditionellen Anhängers tritt, dessen Identifikation mit dem Verein aufgrund einer sozialen und lebensgeschichtlichen Verbundenheit selbstverständlich war. Der andere ist der eher distanzierte, wählerische Konsument, der gemäß der überall propagierten marktwirtschaftlichen Ideale für sein gutes Geld „gute Unterhaltung“ verlangt. Wird sie geboten, so ist er zufrieden, ja begeistert. Bei einem schwächeren Spiel aber zeigt er sich rasch bereit, die eigene Mannschaft zu verdammen. Lindner hat dies in einer Untersuchung über Fußballfans als „Cäsarenhaltung“ bezeichnet, die in einer „Gladiatorenhaltung“ der Spieler ihre Entsprechung finde.

Der Wechsel von traditionellen Anhängern zu diesen beiden Typen des Stadionbesuchers bringt die Vereine in einen fast unlösbaren Konflikt. Auf der einen Seite möchten sie den verlässlichen Anhänger, der sich vorbehaltlos mit „seiner“ Mannschaft identifiziert und ihr auch an schlechten Tagen einen Rückhalt gibt, auf der anderen Seite wird ihnen die „Randale“ mancher jugendlicher Fans zum Ärgernis. Man hätte gerne die Vereinsverbundenheit des traditionellen Anhängers und das Benehmen des wählerischen Konsumenten zugleich. Diese Verbindung aber ist scheinbar nicht zu haben.
Jene verlässlichen Anhänger, die bei Wind und Wetter, unabhängig von der Attraktivität der Spielpaarung, vom Tabellenstand und der am Vorwochenende gezeigten Leistung, bei jedem Heimspiel wieder da sind und treu zur eigenen Mannschaft stehen, dies sind paradoxerweise heute mehr und mehr gerade die „harten Fans“, unter denen einige mit Alkoholexzessen, Schlägereien und Zerstörungswut hervortreten. Das hat dazu geführt, dass die Vereine im Verhältnis zu den Fan-Clubs immer wieder zwischen harten Abwehrmaßnahmen und Versuchen der Integration hin und her schwanken.
[…]

Wie aber wird sich das Zuschauerwesen weiterentwickeln? Vor allem: Wie werden sich die Fans, die Vereinsvorständen wie der fußballinteressierten Öffentlichkeit insgesamt erhebliche Sorgen bereiten, in Zukunft entwickeln?
Einer der zentralen Reize, die den Fußball wie den Sport schlechthin auszeichnen und von anderen kulturellen Ausdrucksformen unterscheiden, ist die Tatsache, dass der Zuschauer hier in einem gewissen Sinne mitspielt, insofern er die Möglichkeit hat, durch Anfeuern, durch verschiedenste Einflussnahme auf die Akteure (einschließlich des Schiedsrichters) einen von vorneherein nicht festgelegten Spielausgang zu beeinflussen. Peter Handke hat diesen Reiz und Unterschied zum Theater in einem fast schon klassischen Satz ausgesprochen: „Wer könnte im Theater einen Hamlet zum Handeln anfeuern?“

Diese Eigenheit setzt der weiteren Durchsetzung des ausschließlichen „Fernsehfußballs“, der aus TV-Tantiemen und Werbeeinnahmen finanziert wird und gelegentlich als Schreckensbild am Horizont erscheint (man denke nur an das Endspiel im Europacup der Pokalsieger 1981 zwischen Jena und Tiflis, das in Düsseldorf vor einer Geisterkulisse ablief, aber von Hunderten von Millionen an den Fernsehschirmen verfolgt wurde) Grenzen. Den Fußballfan im Stadion wird es also solange geben, solange es Fußball überhaupt gibt. Was allerdings seine zukünftige Rolle auf den Plätzen anbetrifft, so ist Skepsis angebracht. Denn es steht zu vermuten, dass das organisierte Fan-Wesen mit seinem zunehmenden Aggressions- und Gewalttätigkeitspotential noch weiter um sich greift. Denn der traditionelle Zuschauer scheint immer mehr an Bedeutung zu verlieren. [..] Und in dem Maße, in dem der Fußball als Teil der Showbranche auftritt und von kommerziellen Gesichtspunkten bestimmt ist, wird sich die Rolle der Spieler als Gladiatoren für die Zuschauer eher weiter verstärken und damit die Neigung zu Gewalttätigkeit und Vandalismus zunehmen – gar nicht zu reden von den düsteren wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven in unserer Gesellschaft, die das Gewaltpotenzial zu erhöhen versprechen. „Härteres Durchgreifen“ wird da voraussichtlich nicht nutzen.“

Aus: Erich Laaser / Hubert Kleinert: „Die Goldenen siebziger Fußballjahre“, 1981, Kapitel „Die Zuschauer“, S. 188 – 191

Wer schützt den Fußball vor Maischberger und Plasberg?

Nachdem am vergangenen Mittwoch, einen Tag nach dem, sagen wir mal, missglückten Relegationsrückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, die öffentlich-rechtlichen Sender jeweils einen Brennpunkt bzw. ein Spezial für nötig hielten, haben sie in den vergangenen beiden Tagen nachgelegt: Am Montag lud Frank Plasberg zu „hart aber fair“, gestern Sandra Maischberger zu „Menschen bei Maischberger“ während Frontal 21 über die „Gefährlichen Irren“ berichtete. Gemeint waren damit wohlgemerkt Fußballfans, nicht die Moderaten der Sendungen und ihre Gäste.
Experten wie Oliver Pocher, Johannes B. Kerner, der Vorsitzende des Ligaverbandes Dr. Rauball, der stellvertretende Chef der Gewerkschaft der Polizei, Frank Richter durften sich ihren Ruf bei Frank Plasberg ruinieren, indem sie in aller Seelenruhe demonstrieren durften, dass sie weder etwas vom Thema verstehen, noch daran interessiert sind, sich damit auseinander zu setzen.

Dr. Rauball offenbarte, dass er den Unterschied zwischen einem Rauchtopf (produziert ziemlich viel Rauch, wie am letzten Bundesligaspieltag im Müngersdorfer Stadion bei der Partie zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Bayern München gesehen werden konnte) und einem Sprengkörper (sprengt das Müngersdorfer Stadion in die Luft, wie am letzten Bundesligaspieltag im Müngersdorfer Stadion bei der Partie zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Bayern München nicht gesehen werden konnte) nicht kennt. Frank Richter offenbarte, dass er wenig vom deutschen Rechtsstaat hält, da er dafür plädierte, bei jedem Fußballspiel alle Fans, die in irgendeiner Weise auffällig seien, via Meldepflicht zu einer Art Hausarrest zu verdonnern. Dass auch Fans mitunter in die sogenannte Datei Gewalttäter Sport geraten, obwohl sie dort gar nichts zu suchen haben, aber der dem Instrumentarium Datei & Stadionverbot zugrunde liegenden Präventiv- und Sippenhaft zum Opfer fielen – vollkommener Unsinn natürlich, jedenfalls wenn es nach Kerner geht, der zwischendurch jegliche Kritik am Vorgehen der Polizei für null und nichtig erklärte.
Überhaupt Kerner. Der Mann verdient sein Geld mit Fußball, und zwar vermutlich nicht gerade wenig, und doch hat er offenbar noch nichts gesehen in Fußballstadien, außerhalb seiner Reporterkabine und den VIP-Logen. Nicht nur, dass er einsam und alleine, aber standhaft, behauptete, die Stimmung in englischen Stadien habe sich durch die Zwangsversitzplatzung kein bisschen verändert, er warf auch alles in einen Topf, was kein Ehrentribünenbesucher ist. Erboste Fans, die einen Mannschaftsbus blockieren sind Ultras, alle Ultras sind böse, alle bösen sind Gewalttäter, werfen Steine und brennen mittels Pyrotechnik – die, wenn Herr Kerner die Wahrheit sagte, in Deutschland durch die Bank weg verboten ist – das Stadion ab. Zur Demonstration, wie gefährlich das sei, ging er hinaus und zündete mit einer Pyrofackel ein kleines Kind an.
Nein, tat er natürlich nicht. Er zündete nur eine Kinderpuppe an. Wäre ich Kerner, würde ich den obigen Satz aber so stehen lassen, denn genau das ist die Kernersche Methode: Halbwahrheiten und Viertelwahrheiten verbreiten, undifferenziert und ahnungslos alle in einen Sack stecken und diesen dann an Herrn Richter weiterreichen, damit jener dann mal ordentlich draufhaut.

Die Sendung bei Maischberger konnte ich zu meinem großen Glück nicht sehen. Es muss grauenhaft gewesen sein. Sogar der Express, republikweit bekannt als Hort des schlechten und unseriösen Journalismus, bezeichnete die Sendung mit den größten Koryphaen unter den deutschen Fanforschern Udo Lattek, Mario Basler, Marijke Amado, Werner Schneyder, Bernd Stelter und Rolf Töpperwien als „Trash-Talk“. Wer sich traut ein Protokoll der Sendung nachzulesen, kann dies hier bei den 11Freunden tun. Wobei sich das trauen ausdrücklich nicht auf das aufgeschriebene Wort, sondern auf den dort beschriebenen Inhalt bezieht. Moderatorin Maischberger offenbarte ihre ungezügelte Lust an der inhaltsleeren Dramatisierung, als sie Ultras als die Taliban des Fußballs bezeichnete. Warum sie nicht das Wort Terroristen benutzte, ist schleierhaft.

Womit wir bei Frau Maischberger und Herrn Plasberg wären. Beide bezeichnen sich als Journalisten, die Sendungen haben gezeigt, dass diese Berufsbezeichnung, wie auch die vielen Preise, die sie für ihre Arbeit empfangen haben, zu Unrecht mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Beide haben offen demonstriert, dass eine Problem- und Sachlagenanalyse nicht erwünscht ist. Was in Ordnung wäre, produzierten und moderierten sie Sendungen, die nicht vorgeben, genau das zu tun.

Und natürlich gibt es Probleme, womit allerdings ausdrücklich nicht der verfrühte Jubelplatzsturm in Düsseldorf gemeint ist. Solche Vorkommnisse gab es schon oft, wie der Trainer in seinem Blogbeitrag zeigte. Und nie entfachten sie den Medienhype, der derzeit wütet. Und auch Bengalos gibt es schon des längeren, früher hingegen zeigte z.B. das ZDF genüsslich die roten Fackeln, wie man in diesem Video sehen kann, und hatte überhaupt kein Problem damit.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich dürfen sich Positionen ändern, auch von Medienschaffenden. Wer aber über Jahrzehnte bestimmte Fanpraktiken nicht nur als völlig unproblematisch ansieht, sondern sie sogar positiv bewertet, kann diese Fanpraktiken nicht plötzlich mit martialischen Worten als eine neue Gefahr darstellen, die den Fußball bedrohen. Das heißt kann er natürlich schon, er macht sich dabei allerdings vollkommen lächerlich.

Und genau das und kein Stück weniger ist bei Herrn Plasberg und bei Frau Maischberger geschehen. Und es geschah noch mehr: Der Fußball, besser die Fußballkultur hat gelitten, denn derlei öffentlich-rechlich ausgestrahlter Dummfug und undifferenziertes und ahnungsloses Gewäsch, für dass sich jeder Stammtisch schämen würde, setzen sich in den Köpfen fest und wird dazu führen, dass normale Menschen wie Du und ich den Fußball schon bald nicht mehr auf eine normale Art und Weise geniessen können.

Und das schlimmste ist, dass ich gezwungen bin, diese Herr- und Damschaften via GEZ zu finanzieren. Hoffentlich sind sie bald arbeitslos oder gehen anderer Arbeit nach, dass sie ihre derzeitige Arbeit nicht beherrschen, haben sie deutlich demonstriert.

Platzstürme, das Spektakel und das Gesetz vom heiligen Rasen.

An Tagen wie diesen scheint eine Differenzierung besonders schwer zu fallen und es wird zusammen geworfen, was nicht zusammen gehört.
Zweimal wurde das gestrige Relegationsspiel aufgrund der Zuschauer unterbrochen. Das erste Mal, als in der 60. Minute Fans beider Mannschaften zeitgleich bengalische Feuer entzündeten und aus dem Gästeblock jede Menge dieser Fackeln auf das Spielfeld geworfen wurden. Und das zweite Mal, als Fortuna-Fans, in der irrigen Annahme das Spiel sei abgepfiffen worden, in der durch den ersten Vorfall nötig gewordenen Nachspielzeit das Feld stürmten, um den Aufstieg zu feiern.

Und so wird der gestrige Abend in einen Zusammenhang gebracht mit den Vorkommnissen im Relegationsspiel zwischen dem KSC und dem Jahn aus Regensburg, als frustrierte KSC-Anhänger nach dem Spiel randalierten und 76 Verletzte eine deutliche Sprache sprechen; mit dem Saisonende in Köln, als zum Spielende schwarze Rauchtöpfe die Südtribüne kurzzeitig verschwinden ließen; mit den Platzstürmen in Frankfurt in der vergangenen Saison und in Berlin in der Saison davor; mit Pyroeinsätzen in diesem und jenem Stadion an einem ganz normalen Spieltag. Alles ganz schlimm, Untergang des Abendlandes allerorten.
Dabei fällt es eigentlich nicht schwer, unterschiedliche Motivlagen zu erkennen: Der Düsseldorfer „Platzsturm“ gestern Abend war nichts weiter als ein verfrühtes Feiern auf dem Rasen, vermutlich reichte es, dass zwei, drei Fans zu früh losstürmten, um die feierwütige Masse mit sich zu reißen. Diese jubelnden Zusammenkünfte auf dem Grün sind mittlerweile völliger Usus geworden – man denke zum Beispiel an die Dortmunder Meisterfeier, als die BVB-Spieler improvisiert die Meisterschale auf der Tribüne in Empfang nehmen mussten, weil der Rasen voll war. Dass die gestrige feierliche Zusammenkunft zwei Minuten zu früh stattfand, zeugt allerhöchstens von Dummheit und schlechter Ordnerorganisation, denn die den Rasen stürmenden Fans waren zu dem Zeitpunkt längst über die Banden und Balustraden geklettert und standen, zwar außerhalb des Spielfeldes, im Innenraum.

Von anderer Qualität waren sicherlich die Berliner Fackelwürfe. Ich bin in der bisherigen Pyrodiskussion eher unentschiedener Meinung gewesen, das Abbrennen bengalischer Feuer ist durchaus ein hübscher Anblick, die Verfolgung dessen nimmt manches mal absurde Ausmaße an, die mediale Doppelmoral (Südliches Ausland: Ooh! Aah! Toll! Atmosphäre! Temperament! – Hierzulande: Chaoten! Krawallmacher! Terroristen!) ist hochnotpeinlich – das aber so oder so bestehende Gefahrenpotential macht es mir schwer, Pyroeinsatz uneingeschränkt zu verteidigen. „Kontrolliertes Abbrennen“ ist eine Bedingung, auf die sich viele Pyrobefürworter einlassen wollen, allein, es gibt Anlass zu der Sorge, dass die meisten der derzeitigen Pyrofreunde an einem solchen zeitlich und örtlich reglementierten Abbrennen gar kein Interesse hätten. Aufmerksamkeit lässt sich somit nämlich kaum erzielen.
Was ist also los? Warum gibt es plötzlich eine Häufung von Platzstürmen und Gegenständen, die auf das Feld fliegen? Gibt es sie überhaupt oder ist nur die mediale Überwachung so groß geworden, seitdem jedes Spiel, jeder Spieler und auch jede Bewegung des einzelnen Fans in zwölf verschiedenen Kameraperspektiven ausgeleuchtet wird, dass jede noch so kleine Regung übergroß wirkt?

Wenn wir mal davon ausgehen, dass an beidem ein Stück Wahrheit klebt, bleibt also die Frage, warum diese Häufung? Eigentlich haben DFL, DFB und die Vereine aus ihrer Sicht doch alles getan, um solche Vorkommnisse einzugrenzen: Die Stadien versitzplatzt, die Eintrittpreise dementsprechend angehoben, Familienblöcke und rauchfreie Stadien eingeführt, alkoholfreie Hochsicherheitsspiele etabliert. Unsere Stadien sollen schöner werden und gemeint ist damit auch immer: sicherer, familienfreundlicher, kontrollierbarer. Doch Platzstürme und fliegende Gegenstände häufen sich. Trotzdem. Oder gerade deswegen.

Immer häufiger nämlich, so meine These, haben aktive Fußballfans, jene, für die ihr Fußballverein die größte Priorität im Leben darstellt, das Gefühl, ohnmächtig und ungewollt am Rande zu stehen. Jene, häufig Ultras – was hier aber von sekundärer Bedeutung ist – die oft nicht zu Unrecht den Eindruck haben, dass ihr Beitrag zur Stimmung, die wiederum gewichtiger Bestandteil bei der sich mit klingender Münze auszahlenden Spektakelisierung ist, zwar gerne gesehen und sogar einfordert wird, sie über dieses Engagement hinaus aber nicht erwünscht sind. Was bleibt ihnen also, um die Aufmerksamkeit zu erlangen? Stimmungsboykotte führen in der Regel maximal dazu, dass hinterher festgestellt wird, die Stimmung sei schlecht gewesen, fortbleiben ist keine Alternative. Also bleibt nur das tatsächliche sich-sichtbar-machen, das im Mittelpunkt stehende Grün mit Körpern zu bevölkern, sei es den eigenen oder Brennkörpern oder wenigstens die Distanz zwischen Kamera und Rasen zu bewölken.

Natürlich liegt dieser These eine Subthese inne, die auf den ersten Blick unsinnig erscheint: Die nämlich, dass es früher – wenn es denn stimmt, dass es zu einer Häufung gekommen ist – anders war, die aktiven Fans mehr Einfluss, mehr Sichtbarkeit hatten. Das wäre so natürlich in der Tat Unsinn. Schon immer gab es Spieler, deren Unfähigkeit oder Phlegmatismus den eigenen Verein in den Abgrund stießen – ohne dass sie die Fans dazu um Meinung gefragt hätten. Und vermutlich kann man sagen, dass Vereinsführungen in früheren Zeiten noch autokratischere und autoritärere Züge hatten. Was sich allerdings im Zuge der Spektakelisierung verändert hat, ist der allseitige Erwartungs- wie auch Finanzdruck: Zwar ist auch die zweite Liga heutzutage jede Saison „die beste zweite Liga aller Zeiten!“, doch die richtige Show gibt es nur im Oberhaus. Dass der finanzielle Schaden eines Abstieges und die damit verbundene Androhung der Bedeutungslosigkeit des Vereins größer geworden ist, steht außer Frage. Die aktiven Fans, jene, die möglicherweise 34 Spiele ihres Vereins in den Stadien verfolgen, haben das Gefühl, dass ihr Aufwand ihnen ein Anrecht auf gute Leistungen auf dem Platz und in den Führungsetagen gibt, alles andere wird als Verstoß gegen dieses Recht empfunden. Die Medien brauchen und fordern Stimmung, gute wie schlechte – als das Kölner Stadion am Abstiegstag in den letzten Minuten in schwarzen Rauchwolken verschwand, beschwerte sich das Fernsehen ob der dadurch verhinderten „emotionalen Bilder der Trauer“. Und auch die weniger aktiven Fans möchten ihr ganz großes Erlebnis haben, der Düsseldorfer Platzsturm ging gestern von den Sitzplätzen aus, die dort heimischen Zuschauer wollten nur das, was die Dortmunder knapp anderthalb Wochen zuvor hatten und vom Fernsehen als Bilder der ungebremsten Freude gefeiert wurde.

Was kann also getan werden? Was die DFL und DFB tun werden, lässt sich leicht ausrechnen, in einer ersten Pressemitteilung zum gestrigen Abend wird ausschließlich von „Randalierern und Gewalttätern“ gesprochen, für die ziemlich offensichtliche Erkenntnis, dass weite Teile der „Vorkommnisse“ ganz sicher dumm, möglicherweise auch ahndungswürdig waren, in keinerweise aber mit Randale und Gewalttätigkeit zu tun hatten, fehlt es den Herren offenbar an intellektueller Kombinationsfähigkeit. Schlimmste Konsequenzen sind zu befürchten, die richtigen werden nicht dabei sein.
Doch niemand seitens der Fans und Zuschauer mache es sich zu einfach, auch hier ist ein Umdenken erforderlich. Der erste Schritt sollte das von mir sogenannte Gesetz des heiligen Rasen sein: Wut, Trauer, Freude – alles erlaubt. Doch der Rasen ist tabu, für die Zuschauer und für, für die sportlichen Akteure gefährliche, Gegenstände oder sonstiges sowieso: Kein Fuß, keine Münze, kein Bierbecher, keine Pyrotechnik. Ohne Ausnahme. Wer sich nicht daran hält, fliegt aus der Kurve, aus der Gegengerade, aus dem Stadion. Wer nicht in der Lage ist, seine Emotionen soweit unter Kontrolle zu haben, dass er vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt – und nichts anderes ist der Münz- oder Fackelwurf – lässt die Grundvoraussetzung missen, die notwendig ist, um sich mit vielen zehntausend anderen in emotionaler Atmosphäre auf engstem Raum aufzuhalten, hat das Anrecht sich in einem Fußballstadion aufzuhalten, verwirkt. Und nein, das ist kein Ruf nach Stadionverboten – DFL, DFB und Polizei haben oft genug bewiesen, dass sie nicht in der Lage sind mit diesem Sanktionsmittel in rechtsstaatlicher Weise umzugehen – sondern nach einem selbstauferlegten Ethos der Fußballzuschauer.
Und schließlich muss Schluss sein mit der medialen Doppelmoral, die permanent ein Höher-Weiter-Größer fordert und fördert, nicht nur beim sportlichen Tun auf dem Rasen, sondern auch bei der in die Fernseher der Republik übertragbaren Eventisierung des Fußballs, die aber gleichzeitig Auswüchse wie die von Frust getragenen Abstiegsplatzstürme anklagt, um daraus sofort das nächste Spektakel zu basteln.

Wer Emotionen und nicht nur von oben choreografierte Klatschpappenstimmung in einem Fußballstadion will, muss damit leben, dass diese nicht immer in Gänze zu kontrollieren und zu steuern ist. Wer seine Emotionen in einem Fußballstadion, ob in Form von Unterstützung seiner Mannschaft oder als neutraler Fußballliebhaber, ausleben möchte, muss lernen sich zu kontrollieren. So einfach ist das.

Das krude Rechtsverständnis des DFB

Es ist gekommen, wie erwartet, weshalb Empörung sich nicht so recht einstellen möchte – dabei wäre sie ganz und gar angebracht.
Das Sportgericht des DFB hat heute die Strafen für die Kölner Spieler Mato Jajalo und Lukas Podolski bekannt gegeben, die beide im Spiel gegen Hertha BSC am vergangenen Samstag von Schiedsrichter Winkmann des Feldes verwiesen wurden.
Und während man über Jajalos Hinausstellung diskutieren könnte – die Entscheidung an sich ist vertretbar, im Kontext der Spielleitung Winkmanns bis zu dieser 66. Minute allerdings vollkommen deplaziert und unangemessen – möchte eigentlich niemand über die Fehleinschätzung Winkmanns hinsichtlich Podolskis roter Karte diskutieren. Nicht einmal Levan Kobiashwilli, angebliches Opfer einer von Winkmanns Assistenten erfundenen Attacke Podolskis, teilt dessen einsame Auffassung, der Kölner habe eine Tätlichkeit begangen.
Die Sache ist also sehr eindeutig: Podolski hat keine bestrafungswürdige Tat begangen, ist unschuldig. Nichtsdestotrotz hat das Sportgericht des DFB Lukas Podolski für ein Spiel gesperrt, Mato Jajalo mit der für ein „einfaches Foul“ (also im Gegensatz zu Tätlichkeiten, Schiedsrichterbeleidigungen o.ä.) Höchststrafe von drei Spielen.
Wie anfänglich gesagt: Legt man den üblichen Umgang des DFB mit solchen Fällen zugrunde, gibt es hier keinen Skandal. Bis auf zwei Ausnahmen (Sergej Barbarez, 2001, Hasan Salihamidzic, 2003) folgte bislang auf einen Platzverweis immer mindestens eine Sperre von einem Spiel. „Automatische Sperre“ nennt sich diese Praxis und hat mit einem demokratischen Rechtsverständnis nichts zu tun, da sie vorsieht, dass ein von der Exekutive (hier: der Schiedsrichter) zu Unrecht bestrafter Unschuldiger auch von der Judikative (hier: das Sportgericht des DFB) bestraft wird. Automatisch.
Grund für diese hanebüchene Praxis soll vorgeblich der Schutz des Schiedsrichters und seiner Autorität sein: Eine vom Schiedsrichter getroffene Entscheidung kann und will der DFB nicht rückgängig machen, selbst wenn sie offensichtlich falsch ist. So soll der Schiedsrichter und seine Entscheidungsgewalt gestärkt werden. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Denn nur dann, wenn der Schiedsrichter hinterher in seinem Spielbericht zugibt, einen Fehler begangen zu haben, fühlt sich der DFB berechtigt, auf eine Sperre zu verzichten, also den Irrtum des Spielleiters auch seinerseits zuzugeben. Schiedsrichter aber sind fehlbar, wie auch alle anderen Teilnehmer des Spiels, ob aktiv auf dem Rasen oder passiv auf den Rängen und / oder in den Blogs und das ist Teil des Spiels. Die Spielleiter zu stärken hieße eben nicht, ihre Fehler zu deckeln, zu vertuschen und wegzulügen. Aber genau dies tut der DFB und das mit voller Absicht und sehenden Auges. „Tatverdächtiger, sie sind erwiesenermaßen unschuldig, wir bestrafen sie trotzdem, um nicht zugeben zu müssen, dass unser Schiedsrichter einen Fehler gemacht hat.“
Was der DFB also mit dieser unglückseligen Praxis vermittelt ist, dass Wahrheit sich nicht lohnt und Unschuld unwichtig ist. Eine Haltung, die dem vom DFB selbst vermittelten Image natürlich diametral gegenübersteht.
Noch aber besteht Hoffnung für einen Einsatz Podolskis im nächsten Spiel, der 1. FC Köln hat Einspruch eingelegt. Zu erwarten ist die Kehrtwende des DFB-Sportgerichtes nicht, deshalb – und weil es mir hier nicht nur um den Fall Podolski geht, sondern um die völlig absurde Vorgehensweise einer von der Schuld unabhängigen automatischen Strafe – kann man nur hoffen, dass der DFB möglichst bald zu Vernunft und einem Rechtsverständnis, das diesen Namen auch verdient, findet und dieses willkürliche Gebahren in der Rechtssprechung abschafft.