Diego

Wenn wir abends, nach sechs Stunden Busfahrt an der argentinischen Küste entlang oder einem Tag im Naturschutzpark Feuerlands oder einer Reise durch die Weingebiete um Mendoza und den Andenvorläufern, erschöpft im Hotelzimmer den Fernseher anschalteten, gab es zwei Optionen: Wir versuchten, eine der merkwürdigen argentinischen Gameshows zu verstehen oder wir schalteten so lange durch die Sender, bis wir fündig wurden. Denn eines war sicher, irgendwo, auf irgendeinem Sender liefen sie immer: Die besten Tore des Diego Armando Maradona.

Unterstellte man ihm, den größten aller Großen, eine geheime Absicht und die Fähigkeit, das Fernsehprogramm zu beeinflussen, so könnte man darüber nachdenken, ob dahinter nicht ein kühner Plan stünde, denn eines ist sicher: Das war eine Gehirnwäsche. Fuhr man, wie wir, mit der Vermutung nach Argentinien, dass Maradona vermutlich einer der besten Fußballer bis dahin, auf jeden Fall aber ein sehr guter, und sonst, na ja, irgendwie ein schräger Vogel.. so kehrte man drei Monate später in der festen Überzeugung zurück, zu den gleichen Zeiten wie ein menschgewordener Gott zu leben. Eine Überzeugung, der es egal ist, was andere darüber denken, denn sie ist mit einer inneren Glückseligkeit verknüpft. Diego ist einer von uns. Einer für uns.

Natürlich, all das wurde möglich gemacht durch den Fußball. Nein, durch seinen Fußball. Durch die unglaublichen Fähigkeiten Maradonas, seine Dribblings, seine Tore, seine Ballbehandlung. Stundenlang könnte ich schwärmen und jeder Mensch, der ihn sah, würde mir zustimmen. Das war, was ihn aus einer Villa Miseria in Buenos Aires herausholte und auf die Bühne der Welt brachte. Die Bühne, die er über Jahre hinweg nach Belieben bespielte. Auf der in jenen Zeiten links und rechts von ihm gerumpelt wurde, und er inmitten dieses Gerumpels mit einer Täuschung, einem Pass, einem Tor die Welt still stehen ließ und den Fußball zu seinem machte, eine Bühne, auf der er uneingeschränkter Herrscher war.

Aber es waren nicht seine fußballerischen Fähigkeiten, die ihn darüber hinaus zu der Ikone, als die wir ihn heute kennen, werden ließen. Es war sein Scheitern. Und die endlose Liebe seiner Landsleute. Die trotz allem Befremden über viele seiner Eskapaden genau dadurch noch wuchs. Was sein Scheitern wiederum noch wahrscheinlicher machte. Was ihn, den pibe de oro, den Goldjungen, in all seiner güldenen Göttlichkeit, in der von harten Klassengegensätzen geprägten argentinischen Gesellschaft, menschlicher machte. Seine ihm immer wieder anzusehende, ehrliche und kindliche Freude über seine Popularität, eine Freude, die nicht geschäftlich oder finanziell motiviert war, sondern aus Demut heraus und die auch dann noch zu sehen war, als schon lange klar war, dass ihn genau diese Popularität kaputt macht und ihn erdrückt.

Es ist zugegebenermaßen sehr schwer über Diego Armando Maradona zu schreiben ohne religiös zu klingen. Denn es ist eine religiöse Geschichte. Einem Jungen aus Villa Fiorito wurde eine göttliche Gabe geschenkt, er zog aus, um die Menschheit zu beglücken. Und sie liebten ihn und trugen ihn, so wie sie von ihm getragen wurden. Und vielleicht war ihre Liebe so groß, dass er dafür einen harten Preis bezahlen musste, der ihn letzten Endes sein Leben kosten würde.

In einem Überlandbus, irgendwo in der Pampa oder in Patagonien, ich weiß es nicht mehr, sitze ich neben einem Mann, vielleicht 60, 65, der einen sehr harten Akzent spricht, mein mangelhaftes Spanisch reicht nicht aus, um mich mit ihm unterhalten zu können, er spricht keine Fremdsprache. Wir wechseln ein paar Vokabeln, ja, ja, Buenos Aires, sí, sí, Tierra del Fuego. Er tut das aus Höflichkeit, Spaß macht es nicht, es scheint eher anzustrengen, das Gespräch, wenn man es so nennen will, versandet. Bis er plötzlich seinen Kopf zu mir wendet und über das ganze Gesicht strahlend „Diego?!“ sagt. „Sí claro!“. Wir lachen beide froh. Diego ist bei uns. Eterno.

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