Was wir sahen und was wir hörten

Was haben wir also gesehen beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach, welches gestern 1:1 endete?

Wir sahen zwei ebenbürtige Mannschaften, die beide ihr Heil in einer gut organisierten Defensive suchten und in der Offensive recht harm- und planlos agierten. Die Borussia hatte zwar, inbesondere in Halbzeit Eins und gegen Ende der Partie nach dem Kölner Ausgleich, manch gute Kontersituation und sah deshalb hier und dort etwas gefährlicher aus, war es aber nicht, da diese Situationen in grauenhafterweise schlecht zu Ende gespielt wurden. Dass sie diese Möglichkeiten überhaupt hatten, lag zumeist daran, dass der FC tatsächlich versuchte, das Spiel zu machen – ein Unterfangen, das in dieser Saison noch nie glückte.

Wir sahen zwei Innenverteidigerpärchen, die jeweils für ihren Verein der entscheidende Unterschied im Abstiegskampf sein werden, so es denn gut geht. Dazu muß allerdings einschränkend gesagt werden, dass Geromel / Mohamad gegenüber Brouwers / Dante gestern eindeutig den kürzeren zogen, denn das 0:1 für die Borussia ging klar auf die Kappe beider Kölner Innenverteidiger.

Wir sahen einen gruseligen, blind gespielten Rückpass zum Gegner von Lukas Podolski, der eigentlich die Führung für die Borussen hätte bedeuten müssen – der allerdings nur zu Stande kommen konnte, weil Podolski in dieser Situation den Linken Außenverteidiger gab. So wie er in anderen Situationen mal den Sechser, mal den Zehner, mal den Linken Außenläufer gab. In Sachen Fleiss und Engagement jedenfalls kann ihm niemand, der klaren Verstandes ist, einen Vorwurf machen.

Überhaupt: Nach dem läuferischen Armutszeugnis gegen Mainz in der Vorwoche sahen wir, dass Einsatz und Wille stimmten. Das ist erfreulich, für ein planvolles Offensivspiel sind diese Tugenden indes zu wenig. Die wenigen Ansätze, die die spielerisch fähigen Spieler wie Tosic, Podolski oder Maniche zeigten, wurden von Mitspielern, die nicht gedankenschnell genug oder fußballerisch limitiert sind, zunichte gemacht. Das Mittel „Hoch in den Strafraum auf Novakovic“ scheiterte daran, dass die Gladbacher Innenverteidigung jedes einzelne Kopfballduell im eigenen Sechzehner gewann. Es bleibt dabei: Die Ordnung stimmt und wird möglicherweise der Lebensretter im Abstiegskampf sein, das Spiel nach vorne findet nicht statt.

Statt fand indes anderes, und damit sind wir bei der Kategorie: Was wir hörten, und somit in der Kategorie: Ich hab Hals.

Was wir hörten, waren Pfiffe. Gegen einen eigenen Spieler. Ungefähr ab der 60. Minute bis zu seiner Auswechlsung in der 75. Minute wurde der Kölner Womé bei jedem einzelnen Ballkontakt ausgepfiffen. Gellend. Im eigenen Stadion. Vom eigenen Publikum. Bei einem Derby.

Womé hatte bis zu seiner Auswechslung, nach Maniche, die meisten Ballkontakte auf Kölner Seite. Dabei traf er dann zumeist auf den pfeilschnellen Reus, gegen den er klugerweise auf Eins zu Eins Situationen verzichtete, ein Ballverlust hätte eine erstklassige Kontersituation für die Borussen ergeben. Also blieb ihm nicht viel, als auf den Ball zu treten, dass Spiel erzwungerweise langsam zu machen und den Ball hintenherum zu spielen. Auch, weil im Offensivspiel des FC so wenig stimmt, dass sich keine gescheiten Anspielmöglichkeiten ergaben. Für den fußballunkundigen Zuschauer ergab sich dadurch offenbar das Bild: Dä Womme macht et Speel langsam, rus mit däm. Und weil der fußballunkundige Zuschauer glaubt, ihm wäre ein Spektakel versprochen worden, und Spektakel sich mit „viele Torchancen und so“ übersetzt, wurde er mit zunehmender Spieldauer ungeduldig. Anders jedenfalls ist das nicht zu erklären.

Werter Eventfan, es ist ja in Ordnung, wenn Du in ein Fußballstadion gehst. Das gehört heutzutage dazu, los werden wir Dich eh nicht. Dass Du glaubst, Dir sei irgendwas versprochen worden, kann ich sogar noch verstehen, schließlich hast Du viele, viele Euro hinlegen müssen. Dass Du übersiehst, dass der Spieler Womé übermäßig oft an den Ball kommt, weil seine Mitspieler offenbar der Meinung sind, es wäre keine gute Idee, den Ball nach vorne über Miso Brecko, Womés Pendant auf der rechten Seite, laufen zu lassen, da der das Spielgerät hopplahopp wieder los wird, siehst Du nicht. Auch nicht schlimm, Du verstehst halt nur sehr wenig vom Fußball. Dass es Dich verärgert, dass Womé das Spiel scheinbar langsam macht, auch okay. Dass es keineswegs an ihm allein liegt, dass das Offensivspiel nicht läuft – geschenkt. Um das zu erkennen, brauchst Du noch ein paar Jahre.
Aber, niemals, hörst Du, Du Flachpfeife, niemals wirst Du einen Spieler der eigenen Mannschaft dermaßen vom Feld mobben. Niemals wirst Du in einem Derby den gegnerischen Fans die Gelegenheit geben, sich verwundert zu fragen, warum Du ihren Job übernimmst. Wenn Deine Farben Rot-Weiß sind, dann ist es Deine Aufgabe, die Rot-Weißen unten auf dem Feld zu schützen und zu unterstützen, ganz besonders in einem Derby, und zwar völlig unabhängig davon, ob sie schlecht spielen oder nicht. Vermutlich warst Du noch stolz, als er dann ausgewechselt wurde (Trainer Soldo: „Ich mußte ihn schützen“), hast Dich am scheinbaren Gefühl Deiner Macht besoffen, anstatt zu begreifen, was für eine Peinlichkeit Du soeben vollbracht hast.

Dass Du keine Ahnung von Fußball hast, ist nicht schlimm. Dass Du trotzdem nicht bereit bist, die Fresse zu halten, hingegen schon.

6 Antworten auf „Was wir sahen und was wir hörten“

  1. Eventfans Genau, jeder der nicht 90 Minuten lang den Sing- und Tanzvorgaben der beiden Capos folgt, ist ein Eventfan. Man darf die Mannschaft auspfeifen, wenn sie scheiße spielt. Ja, auch bei einem Derby.
    Denn diese „Wir bejubeln alles, egal wie beschissen der FC gerade spielt“-Mentalität hat uns in die Situation gebracht, in der wir sind.
    Für den FC sind wir nur noch dankbare Kunden, die alles mit „Ja“ und „Amen“ hinnehmen, sei es ein Rauchverbot, der Topspielzuschlag bei nahezu jedem Gegner, eine 20-prozentige (!) Preiserhöhung, usw.
    Der Mannschaft ist es egal, wie sie spielt, aus dem „Stimmungsblock“ S3 kommt ja eh Stimmung, egal, wie schlecht man spielt.

    Und das jeder, der dagegen ist, als Eventfan bezeichnet wird, geht mir tierisch gegen den Strich. Ich bin seit dem ersten Abstieg Fan des FC, habe dementsprechend also mehr Elend als Freude gesehen. Seit 10 Jahren bin ich DK-Inhaber, aber mittlerweile kotzt mich der Stadionbesuch nur noch an. Abgesehen von den grausigen Ereignissen, die uns bei Heimspielen geboten wird, habe ich das Gefühl, dass einige nur ins Stadion kommen, um 90 Minuten singen, tanzen, hüpfen und klatschen zu können.
    Der „Support“ der Ultras nervt. Die Ultras an sich nerven. Aber gegen Ultras darf man ja nix sagen, dann ist man kein echter Fan. Außerdem sind Stadionverbote IMMER willkürlich und nicht gerechtfertigt, Fußballfans sind keine Verbrecher und „ACAB“ ja sowieso.

    1. Ach Gottchen Es gehört sich in einem Derby einfach NICHT, die eigenen Spieler auszupfeiffen. Und das auch noch „Soldo raus“ bekundet wurde grenzt an Peinlichkeit, die seinesgleichen sucht!

    2. @ Arno Mir scheint, was ich zu sagen hatte, scheint an Dir vorbeigegangen zu sein. Mag daran liegen, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe, allerdings habe ich das Gefühl, dass Du auch gerne etwas anderes lesen wolltest, als da steht.

      Denn: Jedes einzelne Wort, dass Du gegen die Ultra-Kultur richtest, kann ich so unterschreiben. Und ich bin sicher, wenn Du noch mal genau nachliest, wirst Du auch kein Wort finden, dass eine anderweitige Meinung untermauert.

      Aber zwischen Ultra-Capo-NeunzigMinutenDauersupport-Gehabe und Ich-hab-bezahlt-also-hab-ich-auch-das-Recht-auf-tollen-Fußball-Anspruch gibt es noch ganz andere Positionen und Ansichten.

      Der FC spielt ganz gewiß keinen schönen Fußball zur Zeit. Aber, jetzt halt Dich fest, er spielt einen erfolgreichen. Wie bitte?, wirst Du nun sagen, wir haben seit sieben Spielen nicht gewonnen. Kaum Torchancen. Spielen niemand an die Wand!!!!111elf. Alles richtig.
      Aber, in den letzten zehn Jahren, von denen Du sprichst, war der FC noch nie so erfolgreich, mal abgesehen vom ersten Jahr unter Ewald Lienen in der ersten Liga. Wir haben immer noch gute Chancen, die Klasse zu halten, zum zweiten Mal hintereinander, das ist uns seit dem ersten Abstieg 98 nicht mehr geglückt.

      Sich in dieser Situation hinzustellen und die Mannschaft zu verdammen, halte ich für das Ergebnis falscher Erwartungen. Nicht falsch verstehen: Das ist nicht das boulevardeske DSF-Doppelpass-Stammtisch Gerede vom FC Fan, der, kaum aufgestiegen, von der Champions League träumt, das will ich Dir gar nicht unterstellen. Aber: Irgendwo da schlummert die Vorstellung davon, dass, wenn der FC schon mal nicht in der Lage ist, oben mitzuspielen, dass er wenigstens schön spielen soll. Begeistern soll. Deine Mühen und dein Geld mit einem erhebenen Erlebnis zurückzahlen soll.

      Ist nicht. Wir erleben stattdessen Abstiegkampf auf höherem Niveau (frag nach bei Hertha, Freiburg oder dem FC der früheren Abstiegssaisons, wie Abstiegskampf auf niedrigem Niveau aussieht) und Basta. Damit konnte man rechnen, das ist nach zehn Jahren im Fahrstuhl auch weder verwunderlich noch verwerflich. Sondern: Normal. Wer für eine solche Normalität hingeht und zur Befriedigung des eigenen Egos (Ich hab jetzt die Schnauze voll und um mich zu erleichtern, sonder ich Pfiffe aus) die eigene Mannschaft auspfeift, statt sie zu unterstützen (Aufgemerkt: Das ist noch immer kein Aufruf zum Ultragehabe), hat meines Erachtens nicht viel verstanden. Die Vermutung, dass es sich deswegen um einen Eventfan handelt, ist zugegebenermaßen polemisch, aber naheliegend.

      Und all das handelt jetzt nur davon, dass die Fans die eigene Mannschaft auspfeifen. Nicht aber davon, dass ein Spieler zum Sündenbock erklärt wird (unnötigerweise, er hat weder das Tor verursacht noch schlechter gespielt als andere) und vom eigenen, heiligen Rasen gemobbt wird. Das ist noch mal ein ganz anderes, sehr beschämendes Thema und davon handelt der Artikel.

    3. Sebi, wieso gehört es sich nicht? Wer sagt das? Wer schreibt vor, was sich gehört und was nicht?
      Und wieso soll man seinen Unmut gegenüber Soldo nicht bekunden? Der Mann ist die absolute Fehlbesetzung beim FC.

    4. Arno, Gegenfrage:
      Was denkst Du, wird durch das Auspfeifen eines Spielers der eigenen Mannschaft erreicht? Dass der Spieler dadurch wohl kaum motiviert wird, liegt auf der Hand. Worum geht es also? Es ihm mal so richtig zeigen? Irgendwem zeigen, wer denn eigentlich das sagen hat, im Hause Müngersdorf? Mal ein bißchen Dampf ablassen?

  2. Pfeifen ist Blech, Schweigen ist Gold… Ich kann nur bedingungslos zustimmen, wenn hier das unrühmliche Auspfeifen eines einzelnen Spielers gerügt wird. Schluss damit! Immer häufiger kommt es vor, dass sich Fans der eigenen Mannschaft einen Spieler herausgreifen und ihn 90 Minuten lang, meist über mehrere Wochen hinweg, brutal mobben. Siehe Marcel Maltritz in Bochum oder Kevin Kuranyi auf Schalke in der Prä-Magath-Ära. In den seltesten Fällen hat sich der Spieler eines wirklichen Vergehens „strafbar“ gemacht. Er läuft einfach zu lässig (Kuranyi) oder macht das Spiel langsam (Womé).

    Für mich ist das unverständlich, unverschämt und absolut dämlich. Als zahlender Kunde im Stadion habe ich ein Recht auf einen Sitz-/Stehplatz, auf freundlichen Service, Sicherheit und frischgezapftes Bier. Mehr nicht…wer pfeift, darf sich später nicht wundern, wenn die Spieler keine Autogramme schreiben oder auf das große Abklatschen in der Fankurve verzichten. Außerdem sollte man doch auch immer darauf achten, den Anstand zu wahren. Nur weil ein Mensch zufällig gut Fußball spielt, das zufällig bei meinem Lieblingsverein tut und zufällig, wenn ich im Stadion live dabei bin, eine schlechte Leistung bringt, so heißt das noch lange nicht, dass ich das Recht habe, ihn systematisch auszupfeifen und nach Herzenslust zu bepöbeln.

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