Nach dem Messias ist vor der Zukunft

Während der 1. FC Köln ein Jahrzehnt in den Niederungen des Fußballs verbrachte und fröhlich zwischen 1. und 2. Liga hin- und herfahrstuhlte, wuchs die Erinnerung an die letzte große Zeit des Vereins. Und mit ihr wuchs der Glorienschein um den Kopf des damaligen Trainers, Christoph Daum. In jeder Krise, bei jeder Trainersuche wurde sein Name geraunt, jeder neue Trainer hatte es dadurch schwer – schwerer noch als eh schon ist im Pulverfass Köln.

Aus dieser Vorgeschichte leitete sich auch der größte Wert Daums in seiner zweiten Amtszeit, die am gestrigen Abend endete, ab: Ein Trainer, der nahezu unkritisierbar war. Was sich für Außenstehende wie ein Nachteil lesen muß, ist in Köln von unschätzbarem Wert. Unattraktiven Defensivfußball ließ Daum in der gerade zu Ende gegangenen Saison spielen – so unattraktiv, daß jeder andere Trainer längst im Fadenkreuz des mächtigen Kölner Boulevards gelandet wäre, möglicherweise auch auf der to-do-raus! Liste der Fans. Daß am Ende ein höchst respektabler 12. Platz heraussprang, könnte eine Lehre sein, all jenen, die ihren Unmut schnell in Entlassungsrufen formulieren, wird es aber wohl nicht.
Auch innerhalb des Vereins, glaubt man jedenfalls dem zwischen den veröffentlichen Zeilen stehenden, war Daum der erste Trainer seit vielen Jahrzehnten, der es wagen konnte, dem sprichwörtlichen Klüngel in der Vereinsführung zu trotzen. Mal mehr erfolgreich, mal weniger, mal sinnvoller, mal weniger.

Noch ist wenig bekannt über die Hintergründe. Der Unterschied zwischen 2,4 Millionen Euro Gehalt brutto hier und 3,5 Millionen Euro netto dort wird genannt.
Auch die seit Beginn der zweiten Amtszeit schwelenden Machtkämpfe um die Frage, wie groß die Schritte sein müssen oder eben können, die der Verein tätigt, werden als Scheidungsgrund genannt. Mehr Geld für hochklassige Spieler habe Daum gefordert, mehr jedenfalls als der Verein aufzuwenden sich in der Lage sieht. Die eine oder andere interne Entscheidung verlief gegen ihn, so wollte Daum zum Beispiel den Posten des Nachwuchskoordinators anders besetzt haben als durch Stefan Engels – verständlich, zeichnet sich dieser doch ausschließlich dadurch aus, eng mit Präsident Overath befreundet zu sein.

Der Zeitpunkt, soviel ist klar, könnte nicht schlecher sein. Statt mit neuen Spielern zu verhandeln, wird der Verein nun einen Trainer suchen müssen, der dann – wieder einmal – mit einem Kader operieren muß, an dessen Zusammenstellung er selbst nicht beteiligt war. Und die Konkurrenz der ebenfalls suchenden Vereine ist groß. Der HSV, Frankfurt, Mönchengladbach, alle stehen ohne Trainer da. Möglicherweise kommen noch Leverkusen und Bochum hinzu. Auf dem Markt hingegen sind wenige Trainer, von denen einige es auch schon beim FC versuchten, aber früher oder später scheiterten.

Die Wut ist groß bei den FC Fans, und auch das ist verständlich. Eine Verdreifachung des Gehalts ist ohne Frage ein gewichtiges Argument bei der Wahl des eigenen Arbeitsplatzes. Wer sich allerdings Tage zuvor noch in Zusammengehörigkeitsschwüren erging und von gemeinsamen Zukunftsvisionen sprach, darf sich nicht wundern, wenn der Schritt vom Messias zum Judas klein ist.

Auf der Strecke bleibt die Hoffnung auf eine Phase der Ruhe und Kontinuität, die nötig wäre, um die kleinen Schritte aus dem Fahrstuhl hin zur Etablierung als Erstligamannschaft zu machen. Auf der Strecke bleibt allerdings auch das Gespenst eines mythenumwobenen Erfolgstrainers, das in der Vergangenheit in jeder sportlichen Krise Müngersdorf heimsuchte.
Bleibt zu hoffen, daß sich der Verein möglichst schnell aus dem Schockzustand lösen kann und das richtige Händchen hat bei der Wahl des neuen Cheftrainers. Wenn nicht, hat Christoph Daum mit seiner Nacht- und Nebelaktion nicht nur das Licht seines Heiligenscheins ausgeknipst.

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