Ein Hauch von Schizophrenie und eine Regeldiskussion.

Es gibt Situationen, in denen der gemeine Vereinsfan einer kontrollierten Schizophrenie entgegen steuert. Dann sitzt er da und fühlt die Gesamtsituation seines Vereines nach und kommt zu dem Schluß, dass es gar nicht so übel sei und wirft dann einen Blick auf die Tabelle, um zu sehen, dass das ein klarer Trugschluß ist.

Vier Punkte Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz, so groß war die in Zahlen gemessene Entfernung zum rettenden Ufer in dieser Saison noch nie. Zwölf popelige Punkte, in der letzten Abstiegssaison, Saison 2005/06, waren es nach dem fünfzehnten Spieltag genauso viele. Oder besser: wenige. Zum sechzehnten Mal in Folge gegen den verachteten Emporkömmling aus dem Vorort verloren. Und auf dem Hinrundenzettel stehen noch ein Heimspiel gegen die stabile Frankfurter Eintracht und ein Auswärtsspiel bei der Wundertüte Schalke 04. Klare Sache: Der FC ist ohne wenn und aber ein Abstiegskandidat.

„Der 1. FC Köln hat sich in den letzten Wochen sehr gesteigert, das ist eine andere Mannschaft als zu Saisonbeginn.“ Sagt Jupp Osram Heynckes. Und er hat durchaus recht. Ein Unentschieden gegen den Tabellendritten wäre mindestens verdient gewesen, zwar half der wintergeplagte Rasen eher den Kölner, dafür aber hatte die laufende Werbemaßnahme für den Chemiekonzern Schiedsrichter Felix Brych auf ihrer Seite.

Und phasenweise spielte der FC durchaus guten Fußball. Hin und wieder gelangte der geneigte Zuschauer sogar fast zu dem Eindruck, dass das Kurzpassspiel, welches Zvonimir Soldo in seiner Zeit als Cheftrainer des FC vergeblich lehren wollte, klappen könnte. Es zeigt sich zudem, dass die letzten Einkäufe des in der letzten Woche geschassten Michael Meier nicht so verkehrt waren: Martin Lanig, der zunächst zugunsten des in der Vorwoche sehr gut spielenden Adam Matuschyk auf der Bank Platz nehmen musste, wird mehr und mehr der torgefährliche Mittelfeldakteur, der er sein kann und Mato Jajalos Zweikampfstärke hat schon so manchen Angriff eingeleitet, auch wenn es ihm wiederum an Torgefährlichkeit mangelt. Allein Alexandru Ionita bleibt den Beweis seiner Bundesligatauglichkeit noch schuldig, aber ohne Frage sind bislang gespielte 63 Minuten in sieben Spielen eindeutig zu wenig, zu wenig für Ionita um anzukommen, zu wenig um seine Fähigkeiten zu beurteilen.

Das Problem bleiben die nicht getätigten Einkäufe: Vor allem auf den Außenpositionen in der Verteidigung klaffen Lücken, deren Größe unüberschaubar sind. Zwei erzielte Tore, dazu noch ein irregulärerweise nicht gegebenes und einige hochkarätige Chancen sollten reichen, um ein Auswärtsspiel zumindest mit einer Punkteteilung zu beenden. Dass dies nicht gelang, lag an drei Toren, die der FC den Leverkusener schenkte. Die haarsträubenden Fehler, die sich die Kölner Abwehr leistete, bedürfen dringend der Abstellung. Sollte es gelingen, dies spätestens in der Winterpause deutlich zu verbessern, sehe ich der Rückrunde in der Tat recht hoffnungsvoll entgegen. Allerdings befürchte ich, dass dazu ein oder gar zwei Neueinkäufe auf den Außenpositionen vonnöten sein werden.

Passives Abseits auch für Verteidiger?

Zum Abschluß meiner heutigen Überlegungen noch eine Regeldiskussion. Das passive Abseits. Hachja. Voraus schicken möchte ich, dass mir natürlich bewußt ist, dass das Leverkusener 1:0 vollkommen regelgerecht ist. Und dass das passive Abseits an und für sich mehr Unklarheiten als Klarheiten mit sich bringt und deshalb besser wieder abgeschafft werden sollte. Aber wenn es diese Regel schon gibt – sollte sie dann nicht auch für die verteidigende Mannschaft gelten?

Zur Verdeutlichung das konkrete Beispiel des gestrigen Spiels: Vor dem 1:0 läuft Sidney Sam am linken Flügel bis zur Grundlinie, schafft es gegen den gegen ihn stehenden Pezzoni in die Mitte zu flanken, der Ball gelangt zu Augusto, der schießt, der Ball kann von Mondragon nur in die Mitte abgewehrt werden, dort steht mutterseelenallein Patrick Helmes und zimmert* den Ball ins Tor. Wäre eigentlich Abseits, denn währendessen joggt Sidney Sam langsam von der Torauslinie in Richtung Mitte. Ist es aber nicht, sagt die passive Abseitsregel, denn Sam ist meilenweit vom Ball entfernt und kann nicht eingreifen. Soweit, so gut. Patrick Helmes hingegen steht nicht im Abseits, weil auch Kevin Pezzoni langsam gen Mitte joggt und damit Helmes‘ Abseits aufhebt.

Soweit, so regelkonform. Aber: auch Kevin Pezzoni ist meilenweit vom Tatort entfernt und kann nicht eingreifen. Heißt also faktisch: Ein angreifender Spieler, der nicht eingreifen kann, hat keinen Einfluss auf die Frage, ob die Situation Abseits ist oder nicht. Ein verteidigender Spieler, der nicht eingreifen kann, schon. Ist das nicht widersinnig?

* Frage an die Etymologen unter uns: Warum eigentlich wird der Ball ins Tor „gezimmert“?

4 Antworten auf „Ein Hauch von Schizophrenie und eine Regeldiskussion.“

  1. Warum der Ball ins Tor „gezimmert“ wird Es könnte sich so entwickelt haben: Ein Fußballspieler der von Beruf Zimmermann war und seine Tore, die meist Gewaltschüsse und doch kunstvoll plaziert waren, genauso fabrizierte, wie er die langen Zimmermannsnägel mit einem einzigen kunstvollen und kräftigen Schlag ins Dachstuhlgebälk trieb, ähm, eben zimmerte, könnte für seine Kameraden nun den Anlaß gegeben haben zu sagen: „Den hast du aber wieder toll hineingezimmert.“

    Wahrscheinlich war es aber nur die Ähnlichkeit zwischen dem mit einem kraftvollen Schlag versenktem Nagel und der Art und Weise wie jemand das Tor erzielte, dass jemanden dazu gebracht hat nun zu sagen, er hat den Ball ins Tor gezimmert. 😉

    1. das Grimmsche Wörterbuch zum „zimmern“ Du bist auf der richtigen Fährte, Wolfganggl, wenn du den kräftigen Schlag im erwähnst. Wahrscheinlich wird aber noch ein allgemeinerer Bedeutungszusammenhang angesprochen. Im Grimmschen Wörterbuch wird unter dem Eintrag „zimmern“ schon ein sehr früher bildhafter Gebrauch angemerkt. Dabei schwingt auch folgende Bedeutung des Worts „zimmern“ mit:

      „gestelle und gerätschaften mit dem werkzeug des zimmermanns herstellen, ein verfahren, welches in jüngeren belegen oft als roh oder grob bezeichnet wird, wenn höhere ansprüche eine feinere bearbeitung verlangten oder wenn ungeübte hände die geräte anfertigen. gegenüber der neuzeitlichen aufgliederung der handwerklichen arbeit am holz umfaszt zimmern in älteren kulturstufen einen gröszeren bereich“

      Es ist also sehr wahrscheinlich, dass jemand das „rohe und grobe“ in der Wortbedeutung beim ersten bildhaften Nutzen im Fußballzusammenhang
      unterstreichen wollte.

      Man kann nicht auf „zimmern“ im Grimmschen Wörterbuch direkt verlinken. Man muss das Wort auf folgender Seite in die Suchmaske eingeben.
      http://urts55.uni-trier.de:8080/Projekte/WBB2009/DWB/wbgui_py?lemid=GA00001

  2. Zimmern Wo ich herkomme, zimmert man den Ball nicht ins Tor. Man zimmert ihn in den Winkel, vielleicht noch unter die Latte oder an den Pfosten.

    Was mich zu der Vermutung veranlasst, dass die Präzisionsarbeit des Zimmerers, der beispielsweise einen perfekten rechten Winkel zimmert, etwas mit der Redewendung zu tun haben könnte.

    Die Frage nach dem passiven Abseits betrachte ich einfach mal als Schelmenstück.

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